Nachgerüstete Extras in Oldtimern Po warm, aber H-Kennzeichen weg

Klimaanlage, Rückfahrkamera, Sitzheizung: Oldtimer lassen sich mit allerlei Komfortextras aufrüsten. Doch bei der Hauptuntersuchung können die Umbauten zum Problem werden.

Heiko Prengel

Von Haiko Prengel


VW Käfer zu fahren, ist eine Freude, bloß nicht im Winter. Die Scheiben beschlagen, aus der schlappen Heizung weht nur ein Lüftchen: "Das ist nicht schön", findet John Betzien. Der Chef der Berliner Autosattlerei weiß aber, wie man Abhilfe schaffen kann - indem seine Firma dem alten luftgekühlten VW eine moderne Stand- oder wenigstens eine Sitzheizung verpasst. Betziens Fachbetrieb hat sich auf die Nachrüstung von historischen Fahrzeugen spezialisiert, rüstet aber auch Neuwagen auf Kundenwusch mit besonderen Extras aus.

Gerade hat der Handwerker das Gestühl aus einem Mexiko-Käfer geschraubt, um dem Klassiker eine 45 Watt starke Carbon-Heizmatte in den Fahrersitz einzubauen. So bleibt das Gesäß des Kunden schön warm, auch wenn es draußen friert. Bis 2003 produzierte VW noch Käfer in Mexiko - lange nachdem die Fertigung in Deutschland eingestellt war.

Sitzheizung, Bluetooth-Radio, ja sogar elektronische Einparkhilfen und Klimaanlagen: Sich moderne Extras in den Klassiker einbauen zu lassen, liegt im Trend. "Wir haben verstärkt Anfragen wegen solcher Umbauten", erklärt Autosattler Betzien.

Historische Hüllen mit moderner Technik

Das Problem: Original sind die Klassiker nach solchen Umbauten nicht mehr. Ihr Status als Oldtimer gerät in Gefahr, denn der Originalzustand ist das Hauptkriterium für einen Oldtimer, wenn es um die Zuteilung des begehrten H-Kennzeichens für historische Fahrzeuge geht. Mit dem Sonderkennzeichen winken eine Privilegierung bei der Kfz-Steuer und freie Fahrt in Umweltzonen.

Den VW Käfer gab es trotz jahrzehntelanger Produktionszeit ab Werk niemals mit Sitzheizung - weder in Deutschland noch in Mexiko. Mario De Rosa würde daher niemals auf die Idee kommen, in seinen schwarzen Ovali-Käfer von 1955, der wegen der Form seiner Heckscheibe so genannt wird, ein solches Extra einbauen zu lassen, so der Vorsitzende der Initiative Kulturgut Mobilität.

Der Oldtimer-Lobbyverband beobachtet schon länger Tendenzen, dass professionelle Anbieter auf den Markt drängen, um mit elektrischen Lenkhilfen, Motor-Tuning und anderen Eingriffen Klassiker aufzurüsten. Das Ergebnis seien historische Hüllen mit moderner Technik, kritisiert De Rosa. Solchen Fahrzeugen sei der Anspruch, als klassisches Fahrzeug durchzugehen, komplett abzusprechen.

Lackfolien und Sprühgummi - No-Go

Nun sei eine Sitzheizung im VW Käfer noch kein Drama. "Schwamm drüber", meint der Oldtimer-Enthusiast aus dem baden-württembergischen Schlierbach. Etwas anderes seien gravierende Eingriffe in Fahrwerk oder Antriebstechnik. Beliebt ist in der Käfer-Szene beispielsweise der Einbau leistungsgesteigerter Typ-4-Motoren, die auch bei Porsche zum Einsatz kamen. Ja sogar wassergekühlte Subaru-Motoren werden in Käfern und alten VW-Transportern inzwischen eingebaut. "Bei solchen Eingriffen halte ich es für zwingend geboten", sagt de Rosa, "dass ein HU-Prüfer dem Fahrzeug das H-Kennzeichen verweigert."

Auf dem Prüfstand der Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Sachverständiger (KÜS) würde der Mexiko-Käfer aus Berlin durchfallen - jedenfalls bei Ingenieur Thomas Schuster. Denn an den Seiten ist der Klassiker rot foliert: "Lackfolien und Sprühgummi sind grundsätzlich nicht zulässig", erklärt Schuster. Rallyestreifen oder Designvarianten der damaligen Zeit wiederum können bei der HU durchgehen. "Ein pinkfarbener Cadillac mit Flammendekor kann als zeitgenössisch betrachtet werden."

Auch moderne Radios mit Digitaltechnik, für Hardcore-Fans von Originalität ein No-Go, sind laut KÜS unter bestimmten Umständen zulässig. Wenn es für das betreffende Fahrzeug damals keine digitalen Radios gab, sei zumindest im ausgeschalteten Zustand eine analoge Anzeige darzustellen. Gegebenenfalls müsse eine Blende davor - auch bei Boxen oder Soundanlagen sei eine Verblendung notwendig.

Anschnallgurte und bessere Bremsen? Kommt drauf an

Auch bei Sitzheizungen ist Prüfingenieur Schuster entspannt. Solange man die Sitzheizung nicht sieht, stellt sie auch kein Problem dar, erklärt der Prüfingenieur. Ebenso wie elektronische Einparkhilfen, die toleriert werden, wenn ihre Bauteile wie Sensoren oder Schaltvorrichtungen die zeitgenössische Optik des Fahrzeugs nicht beeinflussen.

Aber auch dafür bietet der Zubehörmarkt längst Lösungen. So gibt es die Park Distance Control auch als smarten Nachrüstsatz, wo die Sensoren in die Kennzeichenhalter integriert sind.

Betzien kann die Kritik von Oldtimer-Minimalisten in Bezug auf den Pfusch an der Originalität nachvollziehen. Für ihn kommt es auf das jeweilige Fahrzeug an. In einen frühen Brezel-Käfer im Urzustand würde er auch keinen modernen Schnickschnack einbauen, versichert der Auto-Sattler. In einen gewöhnlichen Mexiko-Käfer, der auch als Alltagsauto genutzt wird, dagegen schon. Und sind nachgerüstete Dreipunktgurte, bessere Bremsen oder eine Servolenkung nicht auch sicherheitsrelevant?

Letztlich sei es immer Ansichtssache, ein "Graubereich", meint Betzien. Entscheiden muss am Ende der HU-Prüfer, und selbst bei den Ingenieuren gehen die Meinungen auseinander, welche Umrüstung zulässig ist und welche nicht. Für seine privaten Fahrzeuge hat John Betzien indes einen recht entspannten HU-Prüfer gefunden. Gerade baut der Berliner einen BMW E30 Touring von 1988 auf Rennmaschine um. Ursprünglich war der 320i weiß, jetzt trägt er ein Blau von Alfa Romeo. "Ein Auto für den Sommer, zum Spaß haben", sagt Betzien. Um das H-Kennzeichen bangt er nicht. "Die Umbauten sind alle mit dem Prüfer abgesprochen."



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schlauchschelle 28.03.2018
1. Meine Erfahrung:
Es hängt extrem vom Prüfer ab, was man durchbekommt und was nicht. Als einer meiner Oldies Anfang letzten Jahres das H bekommen sollte lehnte es der Prüfer rundweg ab: Radio, Felgen, Sportendschalldämpfer, nachgerüstete Teile -- Alles nicht ab Werk drin, somit unzulässig. Radio: von 1994, Felgen von 1995, Endschalldämpfer von 1993, wäre also alles innerhalb der 10-Jahres-Frist einbaubar gewesen. Die nachträglich montierten Teile (SRA, AHK, rechter Außenspiegel, Scheinwerfer mit Fernlicht usw.) waren alle original des Herstellers, konnten als Sonderausstattung damals bestellt werden, wären also auch einbaubar gewesen. Habe mich dann mit einem anderen Prüfer beraten, welcher sich sehr gut in historischem Tuning auskennt und habe mir Informationen über Oldtimer-Markt besorgt, siehe da: Laut diesen Auskünften alles kein Problem. Da ich noch einiges an Katalogen, Bilder und Artikeln aus der "Flash" der 1990-er habe, bin ich mit allem, was ich hatte, zum Prüfer, der in der 1. Abnahme alles ablehnte. Nun ging es plötzlich, ich bekam mein Gutachten, Aussage des Prüfers: "Ich mache sehr selten H-Abnahmen, kenne mich damit nicht so aus". Wenn man also einen Oldie "tunen" möchte, setzt man sich am besten mit einem Prüfer zusammen, der sich mit der Materie auskennt. Meine persönliche Meinung: Solange die Grundsubstanz erhalten bleibt, die Optik nicht verschandelt wird oder die Historie / Patina weitestgehend erhalten bleibt, baut an, was Euch gefällt und zulässig ist. Ein No-Go für MICH sind z.B. in einen Commo GSE von 1976 einen 3.0-24V aus einem 1992-er Senator zu verbauen, an einen schönen AUDI 100 von 1981 19-Zöller von 2016, in einen VW-Bus einen wesensfremden Motor, siehe oben. Aber das ist ja alles Geschmackssache =) .
ericstrip 28.03.2018
2. Wer nicht in der Lage ist...
...einen Oldtimer zu benutzen, der muß halt ein neues Retro-Auto fahren. Da gibt es ja inzwischen die tollsten Umbauten. Sicherheitsrelevant ist beim Klassiker vor allem ein sachkundiger, vorausschauend fahrender Mensch am Steuer. Wer nicht in der Lage ist, anders zu fahren als mit einem Neuwagen, sitzt schlicht im falschen Fahrzeug. Gurte nachzurüsten ist im übrigen auch beim H erlaubt (muß halt vernünftig gemacht sein), was an einer Servolenkung sicherheitsrelevant sein soll, erschließt sich mir allerdings nicht.
clausina 28.03.2018
3. Noch zeitgemäß?
Vielleicht sollte mal drüber nachgedacht werden ob es in Zeiten von Umweltverschmutzung noch sinnvoll ist die Vergünstigungen noch beizubehalten.
valmel 28.03.2018
4. Überschrift und Inhalt
Die Überschrift ist Fake. Clickbait. Denn wie auch im Artikel zu lesen, verhindert eine Sitzheizung nicht die H-Zulassung. Ebenso kann man ein Auto folieren lassen. Denn Folierung kann auch bedeuten, den Originallack mit einer Folie der gleichen Farbe zu überkleben und ihn damit zu schützen.
ramon 28.03.2018
5.
Irgendwie typisch deutsch. Auf der einen Seite gibt es Vorgaben, Regelungen oder sogar Gesetze, aber entweder interessiert es niemanden oder man muss nur die richtigen Leute kennen...
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