Oldtimer-Sammlung Die Hüterin des Schatzes

Autos aus der Vorkriegszeit bestimmten Marion Wenzels Leben seit ihrer Kindheit. Nach dem Tod ihres Vaters will sie sich nun von seiner Sammlung trennen. Das ist nicht so einfach.

Pascal-Amos Rest

In einer Lagerhalle in Bad Neuenahr-Ahrweiler sollen sie stehen: uralte Autos aus den Anfangstagen der mobilen Zeit. Echte Vorkriegsware. Die jüngste Preziose? Rollte vor 88 Jahren vom Band. Es gibt drei Ford-T-Modelle. Den Roadster von 1911, einen Touring und den Tourabout von 1912. Und drei A-Modelle. Weiter im Repertoire vier Brush und sechs Krit, einen Maxwell und den Monroe. Namen von US- und kanadischen Autoherstellern, die verblichen sind - und bei Sammlern gewaltige Emotionen wecken.

Marion Wenzel, 54 Jahre alt, ist die Erbin und Hüterin des automobilen Schatzes. 17 Wagen sind das Resultat eines lebenslangen Hobbys, das sie mit ihrem verstorbenen Vater pflegte. Nicht immer schaut sie vollends selig, wenn man sie auf die Pkw anspricht. "Es war und ist viel Arbeit. Das können Sie nicht nebenbei machen. Sie brauchen den Willen, die Zeit und die Muße, um in das Hobby zu investieren", sagt sie - und zupft einen Schlüsselbund von der Wand. Ihre Energie für den aufwendigen Zeitvertreib ist offenbar aufgebraucht, sie will sich von den historischen Wagen trennen.

Hauptberuflich arbeitete sie in der Hotellerie, 1982 eröffnete sie das erste Hotel Garni in der 25.000-Einwohner-Stadt, das nun verpachtet werden soll. Etwas Neues steht nun auf dem Lebensplan. Was es werden soll, ist noch nicht klar.

Zu Fuß geht es zur sehr gut gesicherten Lagerhalle. Die liegt nur wenige Gehminuten entfernt, im Hintergrund plätschert die Ahr.

Wenzel steckt den Schlüssel ins Schloss. Sie ruckt an der Stahlschiebetür, nichts passiert. Der zweite Anlauf, diesmal mit mehr Kraft. Quietschend bewegt sich die Tür ein paar Zentimeter nach links. Und mit jedem weiteren Ruck öffnet sich der Spalt - und das einstrahlende Licht bricht sich mit den tanzenden Staubteilchen in der Luft. Der Blick wird jetzt frei und fällt auf einen Wust aus Autos, Planen, Ersatzteilen, Möbeln und Hebebühnen. Auf Reifen, Werkzeuge und Ölkanister.

Es ist, als hätte eine Windhose hier ein bisschen Halma gespielt. Es riecht nach Öl, Gummi - und Vergangenheit. Die Schätzchen bezeugen eine andere Epoche. Da gibt es Lenkräder und Speichen aus dunklem Edelholz, wuchtige Kotflügel oder Fahrgastzellen, mit beigefarbenem Stoff bespannt.

Mit bis zu 95 Stundenkilometern durch die nahen Weinberge

Fast scheint es, als ob Marion Wenzel nun durch die Halle schwebt. Sie legt ihre rechte Hand auf einen leicht verölten Motor ab, fährt mit der Linken behutsam über blitzende Chromleisten. Oder über einen der fast 60 Pokale von verschiedenen Oldtimer-Rallyes, die sie gemeinsam mit ihrem Vater besuchte. Auf zwei Regalen stehen sie säuberlich aufgereiht an der Wand.

Noch heute erinnert sie sich amüsiert "an die Blicke der Zuschauer, wenn die eine so junge Frau hinter dem Steuer eines Oldtimers sahen. Es war eine unvergessliche Zeit, in der ich sehr viel über diese alten Autos lernen und ausprobieren durfte." An freien Sonntagen ging es mit bis zu 95 Stundenkilometern durch die nahen Weinberge. "Mir hat das alles viel Freude gemacht", sagt sie.

Marion Wenzel mit dem Autor in einem Brush
Pascal-Amos Rest

Marion Wenzel mit dem Autor in einem Brush

Dann sucht sich die 54-Jährige einen Wagen aus und setzt sich hinter das Steuer. Unter ihr knirscht die rote Lederbank. Wenzel hat in einem Auto der Brush Motor Car Company Platz genommen, die von 1907 bis 1909 existierte.

Gründer Alanson Partridge Brush galt als innovativer Tüftler. So ließ der Mann den verwendeten wassergekühlten Einzylindermotor gegen den Uhrzeigersinn laufen. Damit wurde das Auto für einen Rechtshänder sicherer. Hintergrund: Autos wurden damals per Hand und Kurbel gestartet. Bei im Uhrzeigersinn laufenden Motoren kam es zu vielen Verletzungen, meist mit ausgekugelten Daumen und gebrochenen Unterarmen, wenn die Handkurbel beim Starten zurückschlug. Auch der erste Wagen, mit dem man 1912 Australien von West nach Ost durchquerte, war ein: Brush.

Marion Wenzel deutet nun auf einen Krit, der vor ihr steht, und sagt: "Der fasziniert die Menschen - leider." Vorne am Kühler trägt der Wagen eine Swastika, ein Kreuz mit vier etwa gleich langen, abgewinkelten Armen, das in verschiedenen asiatischen Religionen als Glückssymbol eingesetzt wird. Doch in Deutschland sehen die Menschen darin vor allem das heraldische Zeichen des Hakenkreuzes. Deshalb sorgte das Emblem der K-R-I-T Motor Company im Internet auch für die wildesten Spekulationen. Eine davon: Adolf Hitler habe so einen Wagen im Ersten Weltkrieg genutzt und sich später das Logo als Parteiemblem abgeschaut. Fahrzeuge der K-R-I-T Motor Company, die nach ihrer Gründung 1909 nur wenige Jahre überlebte, sind heute sehr selten.

Logo von K-R-I-T
Pascal-Amos Rest

Logo von K-R-I-T

Nicht bloß ein Garagenfund

Nun möchte die Erbin den Schatz verkaufen. Doch das ist nicht so einfach. Denn Wenzel plant, die 17 Autos - mit all den Hunderten Ersatzteilen - gemeinsam abzugeben. Das sei im Gesamtpaket einfacher. Bisher kämen nur Interessenten vorbei, die ein oder zwei Autos kaufen wollten. Ihr Traumkäufer sei daher ein "reicher Scheich". Unbedingt solvent - und jemand, der versteht, dass es sich hier um Raritäten handelt. Und nicht nur um einen der vielen "Garagenfunde", die wieder und wieder durch die Fachpresse geistern.

Die Rheinländerin sitzt noch immer auf dem roten Ledersitz und grübelt. An ein "Auktionshaus in England" als Käufer habe sie auch schon gedacht. Doch wollen die "nur vollständige Autos". Daher überlege sie, die wenigen nicht fahrbereiten Autos Stück für Stück zu restaurieren. "Wenn es nicht anders funktioniert, fange ich wieder mit dem Schrauben an", sagt sie. Dann steht sie langsam vom Fahrersitz des Brush auf, klopft sich den Staub vom Rock und geht vor die Lagerhalle - "eine Zigarette rauchen". Irgendwie, so scheint es, hat sie die Reise in die eigene Vergangenheit ein wenig mitgenommen.

Im Video: Oldtimerauktion in Nebraska

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Anm. d. Red.: Im ursprünglichen Text gab es eine Verwechslung zwischen Ford Model T und Ford Model A, die mittlerweile korrigiert wurde.



insgesamt 16 Beiträge
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okav 10.04.2018
1. Was ist das?
Ist dieser Artikel eine Verkaushilfe oder soll hier über Oldtimer geschrieben werden? Die Frau scheint nur ein Problem zu haben, was sie mit vielen Eigentümern und Verkaufswilligen teilt: sie möchte den Menschen finden, der ihre Ware haben möchte und dafür bereit ist den maximalen Preis zu zahlen. Ich kenne einen ehemaligen Oldtimer Sammler aus unserer Gegend, der altersbedingt seine Schätze abgeben wollte. Der ging einen anderen Weg, er hat Menschen mit Leidenschaft, Interesse, Liebe und handwerklichen Fähigkeiten gesucht und gefunden, bei denen er seine Schätze in guten Händen wusste und hat denen je nach Ihren Möglichkeiten einen Preis genannt, den sie tragen konnten. Ergebnis die Fahrzeuge gingen in gute Hände und werden gepflegt und gehegt und der Verkäufer erfreut sich der guten Nachfolge seines Werkes. Alle sind Selig, es ging nicht ums Geld, sondern um den Erhalt der Schönheit, des Historischen und des Besonderen.
schlauchschelle 10.04.2018
2. Ich drücke ihr die Daumen und wünsche ihr viel Glück,
dass sie die Schätze in gute Hände bekommt. Das wird sehr schwer werden, denn die Klientel für diese Vorvorkriegswagen stirbt, salopp gesagt, langsam aus. Einzelne Wagen komplett und fahrbereit dürfte gehen, aber alles so im Paket, da muss wohl schon ein Liebhaber und Enthusiast vorbeikommen. However: Ich bewundere Menschen wie sie, sich so für alte Technik zu interessieren, diese restaurieren und am Leben halten. Viel Glück, Frau Wenzel, Daumen hoch :)
modellflieger 10.04.2018
3. Kühlergrill
An der Wand stehen keine Kühlergrille, sondern Kühler (Wasserkühler). Gehört geändert.
touri 10.04.2018
4.
Ich vermute jeder Hobbysammler (grundsätzlich egal was gesammelt wird) kann den Wunsch verstehen, die eigene Sammlung in einem Stück abzugebe, damit diese zum einen zusammenbleibt und zum anderen, dass nicht nur die wertvollen/interessanten Stücke herausgekauft werden. Ich wünsche daher Frau Wenzel viel Erfolg bei der Suche und dass ihre Schätze ein schönes neues Zuhause finden!
soerster 10.04.2018
5. First World Problems
Ich hoffe die Frau findet in dieser nahezu ausweglosen Situation abends zu Schlaf. Nicht auszudenken wie ihr Leben aussieht, wenn Sie die Autos in Chargen verkaufen müsste. Schlimm.
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