Concours de LeMons: Schrott sei Dank

Aus Seaside berichtet Tom Grünweg

Concours de LeMons: Rost statt Prunk Fotos
Tom Grünweg

Sie fahren Rostlauben und sind stolz darauf: Während in Pebble Beach die schönsten Oldtimer der Welt prämiert werden, huldigt der Concours de LeMons zwei Städtchen weiter der automobilen Trash-Kultur - und kürt die hässlichsten Autos. Kandidaten dafür gibt es reichlich.

Klassische Musik, prickelnden Jahrgangs-Champagner und frische Austern mag es drüben in Pebble Beach geben. Wen während des alljährlichen Oldtimer-Schaulaufens in Kalifornien im eher schmuddeligen als schönen Seaside der Hunger packt, der muss mit Dosenbier und Tacos vorliebnehmen, während aus den Boxen Bruce Springsteen und die Guns N' Roses dröhnen.

Wo drüben die Hautevolee den Concours d'Elegance zelebriert und die schönsten Oldtimer der Welt auffährt, feiern sie hier den Concours de LeMons und huldigen den größten Flops, den hässlichsten Designs und den schlimmsten Rostlauben, die in Detroit, Wolfsburg oder Tokio je vom Band gelaufen sind.

"Wir wollten einfach einen Kontrapunkt zu dem ganzen Getöse drüben in Pebble Beach setzen", sagt Alan Galbraith aus Sacramento, der den Concours de LeMons vor vier Jahren aus einer Bierlaune heraus ins Leben gerufen hat. Dabei ging es ihm weniger um Protest und Kritik, sondern einfach um den Spaß. "Beim echten Concours geht es doch mittlerweile viel zu ernst zu," klagt der Auto-Outlaw mit dem großen Cowboyhut.

Friss meinen Rost!

Außerdem fordert der Scherzkeks mit dem verschmitzten Lachen Gerechtigkeit für alle Autos. "Natürlich sind all die Rolls-Royce, Ferrari, Mercedes oder Bugatti wunderschöne Oldtimer. Aber auch ein AMC Gremlin, ein DAF oder Ford Pinto verdienen ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit", sagt der Mittvierziger, der sich für das Concours-Wochenende für eine Handvoll Dollar eigens noch einen rostigen Porsche 912 mit freiem Blick durchs Bodenblech gekauft hat. Es sei schließlich kein Auto so hässlich, dass es nicht irgendwelche Liebhaber und Fans habe, gehegt und gepflegt werde. "Und warum sollten nicht auch Normalverdiener Spaß an ihren Autos haben dürfen?"

Schräge Typen mit noch schrägeren Fahrzeugen gibt es offenbar reichlich. "Wir hatten Teilnehmerunterlagen für 70 Autos vorbereitet", sagt Jonathan Klinger von jener Versicherung, die neben dem echten Concours in Pebble Beach auch den unterhaltsamen in Seaside unterstützt, "aber kaum hatten wir das Areal geöffnet, waren alle Nummern vergeben und längst nicht alle Autos auf dem Platz."

90, vielleicht 100 Fahrzeuge nebst Insassen sind diesmal gekommen, schätzt Galbraith und freut sich über Teilnehmer, die eine Anreise weit über 2000 Meilen für ihren Auftritt in Kauf genommen haben. In einem gammeligen, importierten Trabant, einem Chrysler LeBaron Cabrio mit Täfelung aus Vinyleiche oder einem Chevrolet Corvair kann das eine ziemlich gewagte Angelegenheit sein. Nicht umsonst tragen die Autos neben den Zitronen mit der Teilnehmernummer Warnschilder wie "Eat my Rust " oder "Vorsicht, fliegende Teile."

Ganz spezieller Humor

Allerdings kann nicht jeder mit dem ganz speziellen Humor der Zitronenfreunde leben. Von manchen Clubs hat Galbraith erboste Absagen auf die Einladung nach Seaside bekommen. Der nagelneue Mulsanne aus dem letzten Jahr kam nicht von Bentley, sondern als Testwagen eines subversiven Journalisten. Den Fiat 500 hat ein Scherzkeks aus San Francisco mitgebracht. Und auch der auf Hochglanz polierte VW Phaeton zwischen einem alten Golf und einem noch älteren Karmann Ghia stammt von einem verschmitzt lachenden Privatmann, der sich über den kleinen Erfolg des großen Volkswagens genauso freut wie über den vielen Luxus, den ihm sein "aufgeblasener Passat" für so wenig Geld bietet.

Gleichwohl haben die ersten Hersteller die Zitronen als Zielgruppe entdeckt. Der quietschgelbe Mazda 323 kommt deshalb direkt aus der Sammlung des Unternehmens, sagt Galbraith und wundert sich noch immer, dass ausgerechnet die Japaner plötzlich Spaß verstehen.

Die Autos sind bunt, potthässlich, erfolglos, gefährlich und oft in einem miserablen Zustand. Wo immer sie bei ihrer Ausfahrt über den elitären 17-Miles-Drive auftauchen, rümpft man über den pinkfarbenen VW-Kübelwagen oder den roten Sunbeam Tiger genauso die Nase wie über den Austin Sprite, der nur noch vom Rost zusammengehalten wird, oder lacht über den Mercury Grand Marquis mit dem schillernden Golddach.

Achtung, Lebensgefahr

Obwohl ihre Besitzer nach den Worten von Concours-Chef Galbraith auf jeder Meile ihr Leben oder zumindest einen ordentlichen Tinnitus riskieren, machen die Autos ihre Sache nicht schlecht. "Im Gegenteil", sagt Versicherungssponsor Klinger. "Bei der traditionellen Tour d'Elegance der offiziellen Concours-Teilnehmer haben wir sieben von 75 Oldtimern auf dem Abschleppwagen zurück nach Pebble Beach gebracht. Bei der Tour de LeMons mussten wir keinen einzigen an den Haken nehmen, lobt er die Skurrilitäten.

Und auf die sind deren Besitzer auf dem braunen Rasen im Seaside Park genauso stolz, wie die Millionäre drüben auf dem kurzgeschorenen Green vor dem Clubhaus. Aber sie nehmen sich und ihre PS-Pretiosen nicht ganz so ernst. Deshalb freuen sie sich auch wie Bolle, wenn ein AMC Gremlin den Preis für das Auto gewinnt, das Steve McQueen wohl nie gefahren wäre.

Oder wenn der International Scout von 1978 den Rostkörbchen-Award erhält. Wenn ein dreirädriger Reliant Robin die Auszeichnung für den gefährlichsten Ritt bekommt oder der pinkfarbene VW-Kübelwagen und sein Besitzer mit pinkfarbenen Socken und pinkfarbenem Bart zu den schönsten Zwillingen gewählt werden. Die größte Zitrone ist aber der Sunbeam Tiger, dem wohl keiner die Rundfahrt zugetraut hätte.

Dass sie für ihren Gremlin einen Preis bekommen hat, kann Varity Spencer aus Oregon noch immer kaum glauben. Dabei sollte sie es eigentlich besser wissen. Denn die junge Dame im leichten Kleid ist vom Fach und betreut im wahren Leben für einen Oldtimer-Spezialisten drei Millionäre, die mit einem Hispano Suiza, einem Dusenberg und einem Delage am echten Concours teilnehmen.

"Aus beruflichen Gründen sollte ich deshalb jetzt wohl eher in Pebble Beach sein", räumt die Mittzwanzigerin ein und tätschelt liebevoll ihre fast vierzig Jahre alte Schreckschleuder, für deren Verkauf man wahrscheinlich nicht einmal eine gründliche Politur für eines ihrer Kundenfahrzeuge bekommen würde: "Aber hier sind nicht nur die Autos authentischer, sondern auch ihre Besitzer. Bei den Zitronen gibt es noch echte Menschen, und nicht nur lauter Angeber."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Favorit
Teile1977 24.08.2012
Mein Favorit: Der AWS Shopper. Häßliche ab Werk ist kein Auto!
2.
Stäffelesrutscher 24.08.2012
Zitat von Teile1977Mein Favorit: Der AWS Shopper. Häßliche ab Werk ist kein Auto!
Außer einem Ford Scorpio 95 Stufenheck.
3.
peddersen 25.08.2012
...aus der Bildunterschrift: " Der Blick in den Motorraum lässt jeden Autokenner zweifeln, doch dann springt die Karre an und fährt......." Das Gegenteil ist richtig - kein AUTOKENNER zweifelt dran, daß so ein Motor läuft. Und falls er nicht läuft, daß man ihn zum laufen bekommt. Da sind eine Handvoll Aggregate, die man einzeln überprüfen kann, zum Großteil durch Augenschein. Und elektronisch ist da wenig. Wen natürlich gewohnt ist, im Motorraum nur auf auf glänzende saubere Abdeckungen mit Schriftzug zu sehen, kann das vielleicht nicht nachvollziehen.
4. optional
novoma 25.08.2012
Das Cadillac Seville Grandeur Opera Coupe auf Bild 9 ist doch einfach nur Kult, ebenso der auberginefarbene Mercury mit dem goldenen Dach.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fahrkultur
RSS
alles zum Thema Autoklassiker
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
  • Zur Startseite
Facebook
Fotostrecke
Concours d'Elegance: Investment auf vier Rädern

Interaktive Grafik
Fotostrecke
Oldtimer-Händler an der Route 66: Hospiz der Heckflossen


Aktuelles zu