Opel Astra Caravan, Baujahr 1994: Verliebt in einen Lastesel
Selbst ein stinknormales, schmucklos schlichtes Auto kann sich einen Platz im Herzen seines Fahrers erobern. SPIEGEL-ONLINE-Leser Henning Winter überzeugte am Astra Caravan der gutmütige Charakter, der günstige Unterhalt und die innere Größe.
Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Henning Winter über das Leben mit seinem Opel Astra Caravan 1,6, Baujahr 1994.
Ich war ein junger Student und liebte meine rot-weiße Ente wirklich. Doch dann kam ein Angebot, das ich nicht ausschlagen konnte: ein Opel Astra Caravan, das damals aktuelle Modell - ein richtiges Auto. Der drei Jahre alte Firmenwagen im Superzustand mit knapp 50.000 Kilometern auf der Uhr kostete ziemlich genau das, was von meinem Zivildienstsold noch übrig war. Um zu erkennen, wie der Hammer-Preis zustande kam, reicht ein kurzer Blick: Das Fahrzeug war in hellem Elfenbein lackiert, in der Farbe eines Taxis.
Bis heute habe ich keine Antwort auf die Frage gefunden, warum ein bedeutendes Industrieunternehmen für seine Gastronomieabteilung gleich mehrere der Astra-Kombis in dieser unvorteilhaften Farbe orderte. Mir war das nur recht. Ich fand die Lackierung sogar ziemlich individuell. Nur einmal in zwölf Jahren habe ich einen Astra Caravan im selben Farbton auf der Straße gesehen. Droschkenfahrer bevorzugen ja andere Modelle. Von der Zuverlässigkeit meines tapferen eierschalfarbenen Freundes kann sich aber so mancher Benz eine Scheibe abschneiden.
Ist ja auch nicht viel dran, was kaputtgehen könnte, mag mancher einwenden. Schon wahr. Der Astra rollte im Herbst 1994 in Minimalausstattung vom Band: keine Klimaanlage, kein ABS, keine Kopfstützen hinten, keine elektrischen Fensterheber, keine Laderaumabdeckung, nicht mal ein Drehzahlmesser. Immerhin hatte er ein Kassettenradio und zwei Airbags. Einziges Extra: das Schiebedach. Es diente wahrscheinlich der besseren Belüftung des Innenraums, wenn der Fahrer im Sommer die dampfende Gulaschkanone durch die aufgeheizte Stadt chauffieren musste.
Lieber flotter fahren als kühl
Der wäre hingegen sicher froh gewesen, wenn er stattdessen flotter vorangekommen wäre, als es die 71 schlappen PS ermöglichen. Mir waren sie völlig ausreichend. Und die magere Leistung hatte ja auch ihr Gutes: wenige Knöllchen, einen günstigen Verbrauch - mein Rekord liegt bei 5,23 Liter Benzin auf 100 Kilometer - und die überzeugende Dauerhaltbarkeit. Die auftretenden Kräfte halten sich nämlich ziemlich in Grenzen - Überlastung des Materials ausgeschlossen.
Jeder hat so seine Schwachpunkte. Opa hat Rücken, Oma hat Gelenke, Onkel hat Prostata, und Opel hat Ventildeckeldichtung. Geburtsfehler. Sie muss alle zwei bis drei Jahre ersetzt werden. Und mein Astra hat auch Beleuchtung. Die Lämpchen der Mittelkonsole brennen ständig durch. Ach ja, und die Außenspiegel. Sie klappen zwar bei Feindberührung brav ein, nur sind sie dann meist kaputt. Gut, dass es inzwischen auf fast jedem Schrottplatz günstigen Ersatz gibt und der Austausch in wenigen Minuten mit einem handelsüblichen Schraubendreher zu bewerkstelligen ist.
Alle anderen Wehwehchen beschränken sich auf die üblichen Blessuren, die in einem Autoleben von inzwischen 15 Jahren und fast 250.000 Kilometern ganz normal sind. Egal ob Stadtverkehr oder große Fahrt, beispielsweise nach Schottland, Ungarn oder Kärnten - der kleine Kombi hat immer tapfer durchgehalten, brauchte kaum mehr als Sprit, Scheibenwischwasser und ein Minimum an Wartung. Klar, mal ein neuer Auspufftopf, mal neue Stoßdämpfer, mal neue Bremsscheiben. Alles Kleinigkeiten. Bis im vergangenen Jahr die große Herz-OP anstand: Zylinderkopfdichtung. Seitdem braucht er regelmäßig seine Dosis Öl.
Der steckt alles weg
Im Innenraum lässt er sich sein Alter dagegen kaum anmerken. Der Lenkradkranz glänzt zwar speckig und weist fast keine Narbung mehr auf, aber die mattschwarze, geschäumte Cockpit-Oberfläche wirkt noch annähernd fabrikneu. Die Sitze passen wie angegossen, sind immer noch straff und bieten bequemen Seitenhalt - auch wenn die linke Wange des Fahrersitzes aufgrund des vielen Ein- und Aussteigens inzwischen ein wenig an Halt verloren hat.
Und noch etwas kann sich sehen lassen: die eine herausragende Eigenschaft, der Opel sicher die hohen Absatzzahlen des Kompakt-Kombis verdankt, nämlich die Eignung des Astra als Lastesel. Klappe auf, Sitze falten, Fahrrad rein, bei Bedarf auch ein zweites, Klappe zu, Klappe auf, Fahrrad raus, Kühlschrank rein, Klappe zu. Sogar meine alte Vespa habe ich ohne große Schwierigkeiten im Frachtraum verstauen können. Egal ob Urlaubsfahrten, Umzüge oder spontane Großeinkäufe in schwedischen Möbelhäusern - der große kleine Kombi hat alles weggesteckt.
Jetzt heißt es aber doch Abschied nehmen. Die Abwrackprämie hat mein tapferer Begleiter überstanden. Doch dann kam ein Angebot, das ich nicht ausschlagen konnte. So schließt sich der Kreis. Er wird aber in gute Hände abgegeben. Mit frischem TÜV für die nächsten zwei Jahre und einer neuen Wischwasserpumpe für den richtigen Durchblick. Er wird mir fehlen.
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- Freitag, 25.12.2009 – 09:11 Uhr
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