Opel Cascada Diesel: Der Blickfänger

Von Jürgen Pander

Opel Cascada Diesel: Erfrischung im Sommer Fotos
Jürgen Pander

Opel-Typen, nach denen man den Kopf drehte, gab es in den vergangenen Jahren keine. Das ist seit kurzem anders, denn das Cabrio Cascada ist ein Blickfänger. Leider gilt das auch, wenn man im Auto sitzt und rausguckt. Hat denn nie ein Entwickler mal rückwärts eingeparkt?

Schon mal mit der "Wilden Maus" gefahren? Das ist eine Rummelplatz-Achterbahn, deren Reiz nicht in Loopings besteht, sondern in etlichen 180-Grad-Kurven. Und weil die Führungselemente der Wägelchen ziemlich weit hinten angebracht sind, glaubt man bei jeder einzelnen dieser Kurven, dass man in den Abgrund stürzt - ehe das Ding im vermeintlich allerletzten Moment dann doch noch die Kurve kriegt. Dieser Kitzel lässt sich auch mit dem Opel Cascada erleben.

In dem neuen viersitzigen Cabriolet hat das jedoch nichts mit der Lenkung zu tun, sondern mit der grandiosen Unübersichtlichkeit der Karosserie. Kurvt man beispielsweise durch ein Parkhaus, glaubt man an jeder Ecke, dass jeden Moment das hässliche Knirschen zu hören sein müsste, wenn Blech auf Beton trifft. Ständig ist man in Erwartung einer Karambolage, ob vorn oder hinten, denn vom Fahrerplatz aus gesehen sind die Enden des Cascada eine einzige große Vermutung.

Man kann diesem Problem auf dreierlei Art begegnen. Erstens: Man kauft für 650 Euro Aufpreis das Komfort-Paket, zu dem unter anderem eine Einparkhilfe vorn und hinten gehört (inklusive nervendem Gepiepse) sowie eventuell dazu noch eine Rückfahrkamera (290 Euro). Zweitens: Man öffnet das Verdeck, was an der Unübersichtlichkeit der Frontpartie nichts ändert, den Blick nach hinten jedoch verbessert (Achtung, Dach fährt beim Öffnen bis auf 2,10 Meter Höhe aus). Drittens: Man fährt vorsichtig und genießt ab und zu den Kitzel, ob es noch reicht mit dem Lenkeinschlag oder nicht. Natürlich spielt sich das mit der Zeit auch ein. Unseren Testwagen jedenfalls lieferten wir ohne Schrammen und Scharten wieder ab.

Motorisiert war das Auto mit dem 2-Liter-Biturbo-Dieselmotor mit 195 PS, dem stärksten Selbstzünder im Angebot. Die Maschine ist der derzeit modernste Ölbrenner der Rüsselsheimer, mit zwei Turboladern von denen der kleinere im unteren, der größere im oberen Drehzahlbereich arbeitet; dazu wird die Ladeluft des kleineren mit Wasser gekühlt, die des größeren mit Luft. Ein weiteres Detail: In den Glühkerzen sind Sensoren integriert, die mehr als 2000-mal pro Sekunde den Druck in der Brennkammer messen, um so die Verbrennung zu überwachen und das Optimum aus Leistungsausbeute und Schadstoffminimierung zu erzielen.

Der immense Aufwand hat - abgesehen davon, dass kein Turboloch wahrzunehmen ist - keine Auswirkungen auf das Fahrgefühl. Im Verbund mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe ist der Selbstzünder ein williger Antreiber, der ziemlich knurrt, wenn man Leistung von ihm fordert. Ein Dieselmotor in einem Cabriolet - das galt früher mal als Sakrileg, ist inzwischen aber so gut wie Standard bei allen offenen Modellen, die mehr als zwei Sitze haben. Man kann daran auch nicht viel aussetzen - außer vielleicht den Bruch mit alten Gewohnheit (was selten etwas Schlechtes ist) oder das etwas höhere Geräuschniveau.

Ein Auto zum fröhlichen Flanieren

195 PS, das hört sich granatenmäßig an für einen Viersitzer im Mittelklasseformat, doch ganz so doll ist es gar nicht. Der Wagen wiegt nämlich unbeladen 1816 Kilogramm, was unter anderem an zusätzlichen Versteifungsstreben im Unterboden liegt und natürlich auch am Selbstzünder unter der Haube. Kurz gesagt: Das Auto ist ein ziemliches Trumm, und es fühlt sich auch so an: satt und zufrieden nämlich. Das ist aber gar nicht schlecht, denn ein viersitziges Cabrio ist eben kein sportlicher Roadster, sondern ein eleganter Sommerfrischler zum gediegenen Flanieren.

Dazu ist der Cascada geradezu perfekt, was vor allem auch an seinem Aussehen liegt. Der Wagen ist optisch rundum gelungen. Das Stoffdach - das sich in 17 Sekunden öffnet oder schließt, und zwar auch während der Fahrt bis Tempo 50 - faltet sich so flach im Kofferraum zusammen, dass die Heckpartie erfreulich elegant gestaltet werden konnte. 280 Liter fasst der Kofferraum bei geöffnetem Dach (sonst 380 Liter), und wenn man die Rücksitzlehnen umklappt, wächst das Ladevolumen auf 650 Liter (geschlossen 750 Liter).

Gelungen ist auch der aerodynamische Schliff des Autos. Man kann zu viert mit geöffnetem Dach sogar auf der Autobahn unterwegs sein, ohne dass es irgendwelche Klagen über Zugluft gibt - bis Tempo 80 ungefähr herrscht praktisch Windstille im Innenraum, darüber wird es dann nach und nach zugiger. Aber genau das ist ja der Witz eines Cabriolets: den Fahrtwind spüren und mal wieder einen Eindruck davon bekommen, was Geschwindigkeit bedeutet.

Verbrauch deutlich über dem Normwert

Was den Spritverbrauch betrifft, ist der Cascada Biturbo ein weiteres Beispiel für einen realitätsfernen Durchschnittswert. 5,2 Liter je 100 Kilometer lautet die offizielle Angabe. Bei unseren Testfahrten im ganz normalen Alltagsbetrieb, allerdings häufig mit geöffnetem Verdeck oder, falls nicht, mit aktivierter Klimaanlage, genehmigte sich der Selbstzünder im Schnitt 6,9 Liter Diesel. Das ist ja nicht schlecht für einen 1,8-Tonner mit umfassender Ausstattung sowie Faltverdeck, aber es ist eben weit entfernt von jenem Wert, mit dem geworben wird.

Auch wenn man von einem Auto wie dem Cascada keine hohen Stückzahlen erwarten darf - in Deutschland wurden seit Auslieferbeginn Ende April schon mehr als 1700 Fahrzeuge neu zugelassen - passt das schicke Modell gut zum Aufwärtstrend, der die Marke aus Rüsselsheim offenbar erfasst hat.

Erst in diesen Tagen meldete Opel für den zurückliegenden Monat den Verkauf von 18.600 Pkw in Deutschland, was einem Marktanteil von 7,3 Prozent entspricht. So gut stand die Marke schon Jahre nicht mehr da. Auch die Meldung, dass Opel jetzt 350 Ingenieure neu einstellen möchte, ist erfreulich. Vielleicht könnte einer von den Neuen auch ein zuletzt stark vernachlässigtes Aufgabenfeld übernehmen: Karosserie-Übersichtlichkeit.

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insgesamt 123 Beiträge
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1. Traurig
zeitmax 06.08.2013
Welch stotternde Formensprache am Heck, welch großflächig-geistlose Flanken. Man schaue sich mal ein knuffiges, altes BMW E30-Cabriolet dagegen an!
2. Naja
Erich91 06.08.2013
Auto sollte man schon fahren können, wenn man sich als Tester ausgibt. Ich z. B. fahre ein solches Modell und nach 2 Tagen Gewöhnung komme ich perfekt mit dem Cascada parat.
3. Gratulation an Opel
kenterziege 06.08.2013
Weiter so! Die Autos werden gewollt! Dagegen ist der Ampera ein elektrifiziertes Mauerblümchen. Ich habe neulich bei einem Freund, der Opel Händler ist ( es gibt sie noch !!) mir so einen weißen Cascada genau angeschaut und auch gefahren. Nicht schlecht! Opel hat ja nun auch völlig neue Benziner im Programm. Die passen vielleicht doch besser zu Cabrio. Wenn diese ständig in Quartalen denkenden Manager von GM die Tochter OPEL mal einige Jahre in Ruhe lassen würden, dann kommt auch wieder etwas Vernünftiges! Herr Neumann ist die letzte Chance für Opel.
4. Optischer Fehlschlag
guenter_w 06.08.2013
Man parke dieses Designunglück mal neben einen offenen BMW E 30 Cabrio - sämtliche Lobeshymnen aus Artikel und Bildunterschriften verkümmern dann zur bloßen Makulatur.
5. Optischer Fehlschlag
guenter_w 06.08.2013
Man parke dieses Designunglück mal neben einen offenen BMW E 30 Cabrio - sämtliche Lobeshymnen aus Artikel und Bildunterschriften verkümmern dann zur bloßen Makulatur.
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Fahrzeugschein
Hersteller: Opel
Typ: Cascada 2.0 Biturbo
Karosserie: Cabrio/Roadster
Motor: Vierzylinder-Turbodiesel
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.956 ccm
Leistung: 195 PS (143 kW)
Drehmoment: 400 Nm
Von 0 auf 100: 9,4 s
Höchstgeschw.: 230 km/h
Verbrauch (ECE): 5,2 Liter
CO2-Ausstoß: 138 g/km
Kofferraum: 380 Liter
umgebaut: 280 Liter
Gewicht: 1.816 kg
Maße: 4696 / 1839 / 1443
Preis: 32.555 EUR
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