Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Alex Boehm über das Leben mit seinem Opel Commodore B GS/E, Baujahr 1977 .
Ich war gerade dabei, einen ramponierten Opel Monza zu restaurieren. Trotzdem verbrachte ich 2007 einen Frühsommerabend auf den Internetseiten einschlägiger Automobilmärkte. Plötzlich entdeckte ich den schwarzen Commodore. Auf den kleinformatigen Fotos sah er reichlich eingestaubt aus. Die Beschreibung las sich wie folgt: "Opel Commodore B GS/E, Baujahr 1977, umgebaut auf 3.0 Monza-Technik, Karosserie rostfrei aber mehrfach geschweißt, viele Dellen und Kratzer, Garagenlackierung. TÜV seit 12 Jahren abgelaufen und seitdem nicht mehr bewegt."
Mich interessierten die typischen Anbauteile aus der Tuning-Zeit der späten Achtziger, wie die Abgasanlage, die Felgen und das Fahrwerk. Deshalb rief ich den Verkäufer an. Der hatte den Wagen zum Ausschlachten gekauft, es aber letztlich nicht übers Herz gebracht, da ihm der 180-PS-Monza-Motor so viel Spaß machte. Ähnlich war auch meine Überlegung: Sollte der Wagen nicht zu retten sein, hätte ich eine Menge Ersatzteile, die ich dank des Opel-Baukastenprinzips auch in meinem Monza-Projekt verwenden könnte. Außerdem waren die Tuning-Teile und die seltene Diesel-Haube gesuchte Raritäten, die sich wieder gut zu Geld machen ließen.
Zwei Tage später hatte ich die Auktion gewonnen, und das zu einem sehr erfreulichen Kurs. Ausgerüstet mit Kurzzeitkennzeichen, einem vollen Kofferraum an Werkzeug und fachkundiger Begleitung ging es Richtung Stuttgart.
Nach dem Tanken tröpfelte es
Am späten Nachmittag standen wir am abgemachten Treffpunkt, einer alten Scheune im Umland von Stuttgart. Der Verkäufer hatte den Wagen ein wenig betankt und ihn vom Staub befreit, was diverse Dellen zum Vorschein brachte. Egal, der Preis stand fest, der Schlüssel steckte und bevor es 700 km zurück nach Hamburg ging, machten wir noch schnell eine Probefahrt. Der Verkäufer hatte nicht zu viel versprochen - der Commodore fuhr. Und wie!
Nach einem kurzen Gesamt-Check ging es auf die Autobahn. Zuvor wurde der Tank mit 70 Litern Super Plus geflutet. Als ich vom Bezahlen zurückkam, sah ich, dass es unter dem Wagen tröpfelte. Schnell war die poröse Benzinleitung als Übeltäter ausgemacht; zum Glück hatte der ADAC Ersatz dabei. Doch das war das kleinere Problem während der Rückfahrt.
Gen Morgengrauen und beinahe daheim angekommen fiel mir das immer lauter werdende Differential auf. Am nächsten Tag wurde bei der Ölstandkontrolle der Hinterachse meine Befürchtung wahr: Es war kein Öl drin. Das hatte der Vorbesitzer wohl vor zwölf Jahren abgelassen und dann vergessen.
Unterschiedliche Reaktionen bei jung und alt
Ärgerlich. Doch wenige Tage später entdeckte ich in einem Forum ein Ersatzdifferential. Bei der Aktion wurden sämtliche Öle und Filter getauscht, und einen neuen Satz Reifen gab es auch. Die Hauptuntersuchung bestand der Commodore ohne Mängel, sogar das H-Kennzeichen bekam er, da alle Teile an diesem Wagen dem Original entsprachen. Allerdings monierte der TÜV, dass der optische Gesamtzustand hart an der Grenze der Richtlinien sei. Deshalb habe ich meinem Traumwagen eine große Kosmetikkur inklusive Ganzlackierung gegönnt.
Seither fahre ich den Commodore regelmäßig, und nicht nur auf Oldtimer-Treffen, sondern auch im Alltag. Die Reaktionen auf seinen Anblick sind unterschiedlich. Die junge Generation hält den Wagen für einen waschechten Amerikaner, ältere Herrschaften halten ihn für einen "Gebrauchtwagen", der erstaunlich gut in Schuss ist und den sie vor einem Vierteljahrhundert auch mal hatten. Andere wiederum zeigen einfach den Daumen nach oben, wenn sie mir in ihren neumodischen Schlachtschiffen entgegenkommen. Stets kommt die Frage nach dem Verbrauch, wobei 11 Liter auf 100 Kilometer für ein 220 km/h schnelles Reisecoupé selbst aus heutiger Sicht fast noch zeitgemäß sind.
Für mich gibt es nichts Schöneres, als an einem warmen Sommerabend über die Landstraße zu cruisen, dem sonoren Klang des Reihensechszylinders zu lauschen und zuzusehen, wie die lange schwarze Motorhaube die letzten Strahlen der untergehenden Sonne reflektiert. Bei Bedarf genügt ein leichter Druck aufs Gaspedal und schon haben die 180 PS leichtes Spiel und lassen den Wagen selbst für heutige Verhältnisse flott nach vorn sprinten. Dieses Fahrgefühl kann mir kein fabrikneuer Audi Q7 bieten.
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