Opel Kadett B: Ein Caravan namens Kelly

Erst nach dem Kauf erfuhr SPIEGEL-ONLINE-Leserin Jelka Tomaschewski, welch einen robusten Wagen sie da ergattert hatte. Ein Vorbesitzer hatte den Kadett mehrmals runderneuert. Und nach fast 40 Jahren als Stadtwagen und Reisemobil glänzt der Caravan noch immer in einem satten Türkis.

Opel Kadett B Caravan L, Baujahr 1972: Kompakt und beliebt Fotos
Jelka Tomaschewski

Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Jelka Tomaschewski über das Leben mit ihrem Opel Kadett B Caravan L, 1.2 Liter Hubraum, Baujahr 1972.

Im November 2007 entdeckte mein Freund Alex bei Ebay einen B-Kadett Caravan, der nur mit mickrigem Text und vier Bildern vorgestellt wurde. Wir wussten lediglich, dass das gute Stück im tiefsten Schwarzwald steht. Nach einem Telefonat mit dem Schwager des Besitzers war ich kaum klüger - starker badischer Dialekt. Alex und ich beschlossen, den Kauf einfach zu riskieren und fieberten der Auktion entgegen. Im November 2007 tippte ich die magischen Zahlen ein und bestätigte vier Sekunden vor Auktionsende mit zittrigen Händen das Gebot - unserer!

Für den Ausflug ins verschneite St. Peter im Hochschwarzwald bot sich Käferfahrer Nils als dritter Oldie-Kenner an. Am folgenden Wochenende machten wir uns früh morgens mit einem Kofferraum voller Werkzeug und belegten Broten auf den Weg. Gegen Mittag erreichten wir Freiburg. Von da an war es so neblig, dass man nur im Schneckentempo vorankam. Schon beim Einbiegen in die Auffahrt des Hofes sahen wir den Kadett zwischen Treckern und Mähmaschinen stehen. Ich war sofort verliebt in den niedlichen Caravan. Mich schockten weder die mausgraue Innenraumlackierung noch diverse schlecht gespachtelte Stellen, gekittete Fensterdichtungen oder kleine Rostlöcher.

Trotz fehlender Türdichtungen machten wir uns im Regen auf den Heimweg. Nass, aber glücklich, kamen wir abends in Hamburg an. Die erste Nacht verbrachte Kelly, wie ich die Caravanin taufte, in guter Gesellschaft, einem Manta B Berlinetta und einem Commodore B GS/E, in unserer Scheune.

Einige Tage später überraschte mich eine Email von einem Herrn Arnold aus Düsseldorf. Der hatte seinen alten Wagen bei Ebay an der geänderten Mitteltunnelabdeckung wiedererkannt, die er selbst mal mit Teppich ausgestattet hatte. Der Karosseriebauer lieferte mir genaue Daten: Er hatte den Wagen 1990 vom Erstbesitzer für 1000 Mark mit 172.806 Kilometern auf dem Tacho erworben, ihn komplett zerlegt und mit neuen Kotflügeln, A-Säulen, Schweller, Radlaufblechen und einer guten gebrauchten Hinterachse ausgestattet. Abschließend wurde der Pkw grüntürkis lackiert und bekam ein weißes Dach mit einer originalen Dachreling.

Wiederauferstehung und Reiseabenteuer

Zwei Jahre später, kaum fertig, fuhr ihm ein Kleintransporter ungebremst ins Heck - Totalschaden. Herr Arnold baute ihn erneut auf. Nach vier Wochen sah er wieder aus wie frisch aus dem Laden. Dann fuhr er weitere vier zufriedene Jahre mit dem Kadett, bis er ihn 1996 für 750 Mark an einen Kumpel verkaufte. Der lackierte ihn mausgrau und ersetzte Motor samt Getriebe. Danach verlor sich die Spur des Autos.

Der Kadett eignet sich hervorragend für den Campingurlaub: die Rückbank raus, Matratze, Campingkocher und genügend Dosenfutter rein und ab Richtung Norden. In Schweden erlaubt das Allemansrätten, das Jedermannsrecht, wild zu kampieren. Wir wollten unser Nachtlager gern mit Seeblick aufschlagen, doch leider lagen die meisten Gewässer recht versteckt. Aber wir fanden immer ein nettes Plätzchen, wo wir den Abend auf einem Steg oder zwischen Glockenblumen und Blaubeerbüschen ausklingen lassen konnten. Kelly machte keine Zicken, und auch Nils hatte keine Probleme mit dem Käfer zu vermelden.

Kurz vor Linköping, auf einem Campingplatz, passierte mir das Malheur: Beim Aufschließen der Beifahrertür brach der Schlüssel ab. Was nun? Alle Türen zu und sämtliches Werkzeug im Wagen. Unser dänischer Zeltnachbar hatte zwar einen Dietrich dabei, aber schien mit dem Werkzeug nicht besonders vertraut. Wir bekamen keine Tür auf. Mit einem Schraubenzieher knackten wir dann das Kofferraumschloss. Das Beifahrerschloss wurde ausgebaut, um an den Bart zu gelangen, wir brauchten ihn ja für das Zündschloss. Nils kam auf die verrückte Idee, den Käferschlüssel auszuprobieren. Und tatsächlich! Mit dem Ersatzschlüssel des Käfers ließ sich der Kadett starten. Opel und VW haben wohl doch mehr gemeinsam, als man denkt!

Am nächsten Tag fanden wir einen Fahrradladen mit Schlüsseldienst - dessen Besitzer weder Englisch noch Deutsch verstand. Eine Passantin musste übersetzen. Tatsächlich war ein passender Rohling da. Mit zwei frischen Schlüsseln kamen wir glücklich nach Hause, auch wenn es mehr ein Abenteuer- als Erholungsurlaub war. Seither waren wir noch häufig zelten. Die größte Fahrt steht Kelly aber noch bevor: Eines Tages wollen wir zum Nordkap!

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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1. Schönes Ding
Mo2 21.10.2010
Dann mal viel Glück und Freude mit Kelly! Mein Bruder hatte das Modell vor laanger Zeit als Coupé und ich durfte den auch mal bewegen. Daher weiß ich noch in etwa wie das Fahrgefühl war, heute würde man sagen: Seifenkiste. Aber durchaus charmant, nur bei Glätte kann es mit dem leichten Heck(antrieb) unangenehm werden. Und die auf einigen Fotos zu sehenden Alufelgen gehen natürlich gar nicht! Im Gegensatz zu den wunderschönen Spiegelkappen...
2. Mal wieder typisch Spiegel
Josef Ritter 21.10.2010
Zitat von sysopHierzulande war das Modell zwar sehr beliebt, schaffte es aber nie, den VW Golf vom ersten Platz als Publikumsliebling zu vertreiben.http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,717906,00.html
Mal wieder typisch Spiegel. 1972 gab es noch gar keinen Golf sondern nur die VW PKW\Kombi Modelle Käfer und den Sechzehnhundert (Typ2 ?). Wen sollte der Kadett da vertreiben? Kadetts wurde drei Serien gebaut. Golfs z.Z glaube die sechste. Das Auto, so wie es in dieser Farbe - die es nicht gab -. da steht, ist auch kein Kulturgut und verdient so auch nicht das H Kennzeichen.
3. Dumm und leichtsinnig...
bundespiepmatz 21.10.2010
...ist es den Kombi innen mit Vorhangstoffen auszustatten. Das verhindert zwar den Einblick, lockt aber auch Unholde an. Schließlich signalisiert der Sichtschutz, dass in dem Wagen jemand liegt. Dann lieber schwarze Bettwäsche und schwarze Biker-Maske und nicht unter einer Straßenlaterne parken. So bleibt man fast unsichtbar im Wagen des Nachts. Und nie an einem Gewässer den Wagen abstellen und so hoch wie möglich im bergigen Land und nicht auf einem mit Stahl armierten Armeeparkplatz (wie in der Schweiz häufig zu finden). Auf letzterem hatte ich mal in meinem Kombi genächtigt und kam in den Genuss eines Blitzeinschlags. Klar, die Karosserie, wenn aus Blech, wirkt da wie ein Schutzkäfig, aber das heisst nicht, dass am Wagen nichts kaputt gehen kann. An meinem Wagen musste der elektrische Leerlaufstellmotor dran glauben (bei der Talfahrt am frühen Morgen wurde das sehr nervig und gefährlich, weil der Motor ständig ausging und damit auch der Servomotor für die Lenkung ausfiel) und ein Befestigungsbolzen wurde vom Auspuffkrümmer am Motor vom Blitz herausgeschlagen. Aber trotzdem habe ich mich ganz köstlich amüsiert. Der Blitz war so dick und breit gewesen wie das Fahrzeug lang war. Kein Knall, aber eine Erschütterung. Aber ich hörte den von diesem Blitz erzeugten Donner als Echo von den umliegenden Bergwänden.
4. Hatte auch einen...
Luna125 21.10.2010
.. aber als der Rost zu sehr nagte und die Reparatur unrentabel war (Laufleistung damals 247.000km) haben wir ihn ohne Motor verschrottet. Der Motor läuft heute noch im Garten meines Onkels zum Betreiben einer Pumpe zwecks Gartenbewässerung
5. Fahrradschlüssel hätte es auch getan
Pit 29 21.10.2010
Haben wir gemacht, als beim Campen irgendwann Schlüssel drin und wir draußen waren. Kadett geht mit allem aufzusperren.
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