Oldtimer-Experiment: Mein lieber Schrott

Von Kay Köchlitz

Oldtimer-Experiment: Mit Altmetall gegen die Staatsgewalt Fotos
Hanns-Lüdecke Rodewald

Hanns-Lüdecke Rodewald liebt seinen Opel von 1956, auch wenn man dem das nicht ansieht. 1977 wurde der Wagen zuletzt gewaschen, repariert wird nur, was kaputt ist. Der Professor für Fahrzeugtechnik betrachtet das Auto längst als Experiment - und automobilen Widerstand gegen die Staatsgewalt.

"Man muss sich auch mal von etwas trennen können." Und: "Nichts kann ewig halten." Das sind Dinge, die Hanns-Lüdecke Rodewald über seinen 1956er Opel Olympia Caravan sagt.

Das ist insofern erstaunlich, als dass der Mann seinem Wagen schon seit Mitte der siebziger Jahre die Treue hält. Und mehr als das: Rodewald entschloss sich irgendwann, den Opel mit dem geringstmöglichen Aufwand am Leben zu erhalten. Sprich: Die Technik musste fit bleiben, und verkehrssicher musste der Kombi natürlich immer sein. Aber auf die Optik - nun ja, auf die legte der Professor ein kleines bisschen weniger Wert.

Als Folge davon sieht das Auto, das vor Rodewalds Haus auf der Straße parkt, aus wie eine offene Wunde: Der Lack ist stumpf wie Sandpapier, zumindest da, wo er noch nicht komplett verschwunden ist. Unzählige Beulen erzählen von einem bewegten Leben auf den Straßen Berlins. Seit einer Weile versucht außerdem die Natur, sich den alten Opel zu holen: Allein vier verschiedene Arten Moose und Flechten hat Rodewalds Tochter auf dem Wagen identifiziert.

Experiment mit fachlichem Hintergrund

Dabei ist der Eigentümer kein Freak: Hanns-Lüdecke Rodewald ist Professor für Fahrzeugtechnik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, er befasst sich mit Einspritzanlagen und der Crash-Sicherheit von Anhängerdeichseln. Von den Ingenieuren, die bei ihm studieren, werden nicht wenige Fahrzeugprüfer bei TÜV, Dekra oder einer anderen Organisation.

Der Professor sieht seinen alten Opel als Experiment mit fachlichem Hintergrund: Wie lange kann ein Auto durchhalten, wenn man nur die für den TÜV relevanten Reparaturen durchführt? Wann ist der Punkt erreicht, an dem das Auto so aufgebraucht ist, dass nur noch die Fahrt zum Schrottplatz bleibt?

Allerdings standen solche Fragen nicht am Beginn der Geschichte. Dass es den Kombi noch gibt, hat eine ganze Menge mit Trotz zu tun: "1977 wollte ich den Wagen verkaufen", erinnert sich der Besitzer. "Aber für 500 Mark wollte ihn damals niemand haben." Also lief der Wagen weiter im Alltag, bis sich der angehende Akademiker Anfang der Achtziger eine sehr ramponierte S-Klasse anlachte und in Folge unter anderem auf Plymouth Fury, Peugeot 504 oder VW T3 wechselte.

"Autowrack kraft Vermutung"

Der Opel blieb trotzdem angemeldet und wurde stets pünktlich beim TÜV vorgeführt, damit er weiter auf der Straße parken durfte. Als der Besitzer Anfang der Neunziger ein altes Haus sanierte, erwies der Wagen sich noch einmal als ausgesprochen praktisch.

Doch dann begannen die Probleme mit den Ämtern zu eskalieren: Eine erste Anzeige mit dem Vorwurf "Autowrack kraft Vermutung" konnte Rodewald noch mit Hilfe eines Anwalts ins Leere laufen lassen. Aber Mitte der Neunziger wurde der Wagen dann zwangsstillgelegt. Wohlgemerkt: Obwohl er auch zu diesem Zeitpunkt fahrbereit und vom TÜV geprüft worden war.

Das war der Moment, in dem sich der Professor endgültig entschloss, die Sache durchzuziehen. Anderthalb Jahre zog sich das Verfahren hin. Aber: "Am Ende haben wir gewonnen. Das Amt musste mir sogar Nutzungsausfall zahlen", sagt Rodewald.

Überforderte Prüfer

Knapp 60 Jahre hat der Opel inzwischen auf dem Buckel. "In dieser Zeit hat er diverse Neuwagen ersetzt, die erst gar nicht gebaut werden mussten, weil er weiterlief", betont Rodewald die ökologische Komponente. Knapp zehn Liter Verbrauch sind zwar nicht ganz wenig, aber gemessen an vielen heutigen Autos immer noch locker im Rahmen. Außerdem muss der Opel ja keine Fernfahrten mehr bestehen. "Aber mit einem Fläschchen Benzin als Starthilfe springt er immer noch sofort an", sagt der Besitzer, der den Tachostand inzwischen auf etwa 170.000 Kilometer gebracht hat.

Rodewald betont übrigens, dass er keinen bestimmten Prüfer hat, der den Wagen über die Jahre kennengelernt hat. Er meidet sogar seine ehemaligen Studenten, um niemanden in Schwierigkeiten zu bringen. Stattdessen fährt der Opel da zur Hauptuntersuchung, wo es sich gerade anbietet - und bringt die Ingenieure dort in aller Regel in Verlegenheit. "Letztens hat sich ein Prüfer geweigert, weil er sich den Wagen nicht zugetraut hat", sagt der Opel-Eigner. Andere wünschen eine Fahrzeugwäsche (die letzte war 1977) oder suchen vergeblich nach Rückfahrlicht, Nebelschlussleuchte oder Gurten - alles Dinge, die ein Wagen Baujahr 1956 kraft Gesetz nicht haben muss.

Verkehrssünder oder nicht?

Rodewald zeigt Berichte, in denen Bemerkungen stehen wie "Wagen in sehr schlechtem Gesamtzustand" oder "erhebliche Anzahl von Reparaturstellen" - und trotzdem: "Plakette erteilt". Nur einmal, in den Achtzigern, musste Rodewald für den TÜV etwas auf die Fahrertür schweißen, das als "Fußgänger-Ableitblech" tituliert wurde: Nach einem Unfall stand der Türgriff nach außen, ein Prüfer befürchtete, dass er Fußgängern im Fall eines Zusammenpralls zusätzliche Verletzungen zufügen könnte.

Erst kürzlich hatte der Professor wieder einen juristischen Streit auszufechten. Er hatte Punkte in Flensburg kassiert, weil der alte Opel auf der Straße steht, mitten in der Umweltzone - einfach, damit ihn der Eigentümer im Auge behalten kann. Eine Plakette hat der Wagen mangels Kat nicht und auch kein Oldtimer-Kennzeichen wegen seines schlechten optischen Zustands. Allerdings werde der Wagen in der Stadt nur per Anhänger bewegt, sagt der Eigner - und relevant für eine Strafe ist das Fahren, nicht das Parken.

Das Verfahren wurde eingestellt, was die Beteiligten enttäuscht, die sich eine endgültige Klärung erhofft hatten. Doch selbst eine Niederlage würde Rodewald wohl nicht dazu bringen, seinen alten Opel abzugeben.

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insgesamt 105 Beiträge
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1. sehr sympatisch
deranaluest 10.07.2013
Kein heiligs Blechle sondern ein Gebrauchsgegenstand. Das Auto ist ein Nutzfahrzeug, kein Putzfahrzeug.
2.
+.+ 10.07.2013
Ach Gott jedem sein Hobby. (und wenn man damit ein bischen diverse Ämter ärgern kann find ich das sogar gut...)
3.
zdza 10.07.2013
Habe den Wagen in Kreuzberg schon öfter bestaunt und auch schon abgelichtet. Das Nummernschild mit Plakette hat mich allerdings sehr irritiert- wundert mich nicht, dass das einigen Prüfern auch so geht. Na dann, allzeit gute Fahrt und noch gutes Durchhalten für den schönen Opel^^
4.
thanks-top-info 10.07.2013
ach so, der Wagen wird auf nem Hänger umher gefahren. 170 tausend sind auch nicht viel, dann passt es. Würde die Schüssel seid 56 täglich bewegt, wie es im Artikel zunächst den Anschein macht, dann hätte der Herr Professor reichlich zu tun, Ersatzteile an Land zu bringen
5. respekt
noyes 10.07.2013
Hut ab! Der Mann hat meine vollsten Respekt!
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Markus Gölzer
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