Altmetall Opel Vectra, Baujahr 1996: Der ehrliche Kumpel

Opel Vectra B Bj. 1996: Zuverlässig und sparsam Fotos
Oliver Rohkamm

Anfangs war er noch skeptisch, doch nach mehr als zehn Jahren kann sich SPIEGEL-ONLINE-Leser Oliver Rohkamm über seinen Opel Vectra B nicht beklagen. Kleine Macken nimmt er in Kauf, denn voll beladen ist die Familienkutsche das ideale Vehikel für längere Strecken.

Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Oliver Rohkamm über das Leben mit seinem Opel Vectra B, Baujahr 1996.

Seit Ende 2001 der alte Opel Omega A meiner Frau einer Brandstiftung zum Opfer gefallen war, suchten wir nach einem neuen gebrauchten. Voller Euphorie schlug ich meiner Frau Dutzende Wagen vor. Irgendwann blieb sie im Internet bei einem damals fünf Jahre alten knallroten Vectra B hängen - ein 1,6-Liter-Benziner mit 75 PS und CD-Ausstattung. Das Kürzel CD steht in diesem Fall nicht für Musik, sondern meint Lederlenkrad, Velourspolsterung, Kopfstützen hinten und elektrische Fensterheber vorn. ABS und Airbags waren offensichtlich schon Standard.

Nachts, an einer spärlich beleuchteten Tankstelle, trafen wir uns mit dem Verkäufer, und 5500 Euro wechselten den Besitzer. Ich war anfangs skeptisch, doch mehr als zehn Jahre und gut 120.000 Kilometer später wurde ich eines Besseren belehrt. Der Wagen blieb bisher nur einmal liegen. Meine Frau hatte vergessen zu tanken - die Benzinuhr war defekt. Dafür mussten wir etliche Male den ÖAMTC, den Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touring Club rufen, da die Kinder ihre Leselampen nicht ausgeschaltet hatten und tags darauf die Batterie leer war.

In feuchten Wintern gab es überdies zuweilen Startschwierigkeiten. Der ÖAMTC riet stets, die Zündkabel zu tauschen. Allerdings war mir das zu teuer. Lieber holten wir ab und zu den Automobilclub. Und seit einigen Jahren haben sich die Zündkabel offenbar erholt. Jetzt startet der Wagen im Herbst und Winter problemlos - mit den alten Leitungen.

Entspanntes Gleiten und Rollen trotz kleiner Macken

Da die Großeltern knapp 300 Kilometer von uns entfernt wohnen, geht es regelmäßig mit drei Kindern in die alte Heimat und zurück. Vollgepackt bis unters Dach meistert der Wagen alle Touren mit Bravour, sommers wie winters - der perfekte Wagen zum Reisen. Man rollt mit gemütlichen 120 km/h auf der Autobahn und mit 80 auf der Landstraße. Durch seine aerodynamische Form kommt der Wagen mit den 75 PS auf rund 180 km/h. Wenn wir wirklich mal überholen wollen, brauchen wir ein wenig Anlauf. Sobald die Straße ansteigt, zeigt der Druck aufs Gaspedal keinerlei Wirkung mehr. Beim Runterschalten wird der Motor lauter, aufs Tempo hat das allerdings keinen Einfluss. Geschenkt.

Natürlich hat der Wagen auch seine Macken: Im Multifunktionsdisplay geben von Jahr zu Jahr immer mehr Pixel den Geist auf. Auch die Klimaanlage funktioniert nicht mehr korrekt. Aber daran haben wir uns rasch gewöhnt. Mittlerweile hat der Wagen 16 Jahre und rund 160.000 Kilometer auf dem Buckel und bis auf zweimal lief es beim TÜV jedes Jahr wie folgt ab: Hinfahren, Plakette aufkleben lassen, nach Hause fahren.

Kinder entdecken zum Eiskratzen die unglaublichsten Werkzeuge

Beim ersten Mal vor fünf Jahren monierte der TÜV Ölleck am Getriebe. Leider reichte ich den Wagen mit einem Freibrief zur Reparatur gleich an Opel weiter. Für rund 1500 Euro wurde das Getriebe mit Simmeringen neu gedichtet und bei der Gelegenheit die Kupplung samt Drucklager ausgetauscht. Eine Motorwäsche und eine andere Prüfstelle hätten wahrscheinlich gereicht. Aber gut, es blieb die einzige technisch bedingte Reparatur bis dahin in all den Jahren, abgesehen von den üblichen kleinen Verschleißteilen.

Auch Rost ist bis dato an tragenden Teilen nicht zu entdecken, so sehr die Prüfer auch immer herumstochern. Ausnahme: der zweite TÜV-Ärger. Ein herziges Rostloch am linken Kotflügel verhinderte das positive Gutachten. Ein kleine Kratzer, der beim Ausparken in einem Parkhaus entstanden war, wurde leider nur laienhaft für cirka zwölf Euro ausgebessert. Sieben Jahre später blätterten wir noch mal 500 Euro hin - für einen neuen Kotflügel.

Ein anderes Mal demolierten in der Nacht angetrunkene Studenten die Frontscheibe mit einer Whiskyflasche. Den Sprung im Sichtbereich kann man dem treuen Vectra nicht anlasten. Auch die arg zerkratzten Seitenscheiben gehen nicht auf sein Konto, sondern auf das der Kinder, die zum Eiskratzen die unglaublichsten Werkzeuge entdecken.

Lack, Lichtmaschine, Wasserpumpe und Stoßdämpfer - alles ist noch im Originalzustand. Nichts musste in all den Jahren ausgetauscht werden. Daher können aus den 16 Jahren auch gerne 20 werden, und ab 30 Jahren lockt ja dann schon das Oldtimer-Kennzeichen.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Artikels heißt es, dass die Rohkamms 2001 von einem "Dacia Duster oder Porsche Cayenne" sprachen. Beide Autos waren damals noch nicht auf dem Markt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 66 Beiträge
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1. Wohltuend
Antiautor 08.07.2012
Man kann dem Kollegen Rohkamm wirklich nur gratulieren zu seinem Schätzchen. Ist es doch der lebende Beweis dafür, dass einmal vernünftige Autos gebaut wurden, selbst im heute so leistungsverliebten Deutschland.
2. Das sind immer die, über die ich mich ärgere
Kamillo 08.07.2012
Mit 80 auf der Landstraße, das ist ein Verkehrshindernis!
3. Hellseher
micha_bln 08.07.2012
also wer 2001 schon vom dacia duster spricht, muß wirklich ein hellseher sein.
4.
ballex 08.07.2012
Zitat von micha_blnalso wer 2001 schon vom dacia duster spricht, muß wirklich ein hellseher sein.
Dachte ich mir auch...und falls das Ironie im Artikel sein soll, dann ist sie nicht gerade gut platziert. Abgesehen davon muss jeder selbst wissen, ob er seine drei Kinder in einem 16 Jahre alten Auto regelmäßig 300km zu den Großeltern fahren möchte, oder ob er nicht (das nötige Kleingeld vorausgesetzt) doch besser in ein sichereres Auto investiert und bei anderen Dingen zurücksteckt. Mal von der Langzeitqualität des Opels abgesehen... mfg, ballex
5.
dedolight 08.07.2012
Zitat von micha_blnalso wer 2001 schon vom dacia duster spricht, muß wirklich ein hellseher sein.
Gilt für den Cayenne ebenso... Und dafür dass der Wagen nichts hat ist erstaunlich viel kaputt. Aber naja, wird's halt mit der Realität nicht so ernst genommen.
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Markus Gölzer
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