Rollerfahrer im Regen Du bist nicht allein

Aufstehen, anziehen, raus in den Regen: Jeden Tag pendeln Millionen Menschen zu ihrem Job. Eine junge Fotografin hat ihnen ein Denkmal geschaffen - mit Schnappschüssen durchnässter Rollerfahrer.

Wiktoria Wojciechowska

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Seien wir doch mal ehrlich: Morgens, zwischen sechs und acht Uhr, wenn sich die meisten von uns zur Arbeit aufmachen - Partystimmung herrscht da nicht. Wer in der Bahn sitzt, glotzt auf sein Smartphone. Wer im Auto sitzt, ärgert sich über die anderen, die im Auto sitzen. Und wer auf dem Roller sitzt, zumal im Regen, macht eben exakt so ein Gesicht wie die Menschen in der Fotoserie "Short Flashes" und lässt die Welt einfach über sich ergehen.

Wiktoria Wojciechowska

Die Aufnahmen entstanden in den frühen Morgenstunden in den chinesischen Megametropolen Peking und Hangzhou, und obwohl China weit weg ist und die Leute auf den Fotos uns fremd sind, haben wir trotzdem eine Ahnung davon, wie sie sich fühlen. Sie sind nass, um sie herum ist es dunkel, aber sie steuern auf ein Ziel zu. Diese chinesischen Pendler sind die verbildlichte Form des urdeutschen Floskelgemurmels "Wie geht's?" - "Muss."

"Ein Familienalbum mit Leuten, die ich nie gekannt habe"

Auch bei der Fotografin hinter der Kamera herrschte keine Feierlaune. Wiktoria Wojciechowska, eine 25-jährige Polin, war im Rahmen eines Austauschprogramms ihrer Universität nach China gereist. "Ich war die Erste, die daran teilnahm und ich werde wohl auch die Letzte gewesen sein", sagt sie.

Angekommen in Hangzhou stellte sie nämlich fest, dass man sie vergessen hatte und ihr niemand die fremde Sprache übersetzte, geschweige denn die Tücken des chinesischen Alltags erklärte. Kaum jemand sprach englisch, schon die Essensbestellung wurde für Wojciechowska zur Herausforderung. Es war eine einsame Zeit in den ersten Wochen, "zu niemandem konnte ich Kontakt aufbauen", erzählt sie. "Ich brauchte eine Aufgabe."

Also begann sie, einen der gewaltigsten Eindrücke auf sie zu verarbeiten: den Verkehr in chinesischen Großstädten.

"Die Fahrzeuge schwappten wie eine Welle an mir vorbei, es war ein einziges Chaos", sagt die Polin. Wojciechowska versuchte das Chaos zu ordnen, indem sie einzelne Menschen im Vorbeifahren fotografierte - und es funktionierte: "Waren die Rollerfahrer vorher eine unübersichtliche Masse, wurden plötzlich Individuen durch die Bilder sichtbar." Sie hatte das Gefühl, endlich einen Zugang zu den Menschen gefunden zu haben.

"Obwohl es Fremde waren, über die ich nichts wusste, mochte ich sie irgendwie." Es entstand, so schildert sie es, "ein Familienalbum mit Leuten, die ich nie gekannt habe."

Die Folge: Schnupfen - und jede Menge Preise

Weil die 25-Jährige Chinesisch-Unterricht nahm, konnte sie auch bald ein bisschen mit ihren Protagonisten plaudern. "Manche der Fahrer hielten kurz an und erkundigten sich, was dieses Mädchen aus dem Westen da macht", erzählt sie. Die missmutige Regenstimmung war dann auf beiden Seiten weg: "Jeder von ihnen war freundlich zu mir", sagt Wojciechowska.

Offenbar erweckte sie den Eindruck, ein paar warme Worte gut gebrauchen zu können. "Meine Kamera war auf einem Stativ befestigt und durch einen festgeklebten Regenschirm geschützt. Aber weil es so heftig regnete und ich in den Läden keine Gummistiefel in meiner Größe finden konnte, hatte ich immer nasse Füße und Schnupfen."

Aber das zähe Ausharren an von Regen und Verkehr gefluteten Straßen hat sich gelohnt: Wiktoria Wojciechowskas "Short Flashes" ist mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden und als Bildband im Londoner Verlag Bemojake erschienen.

Zufällig eine ganze soziale Klasse dokumentiert

So flüchtig diese Aufnahmen wirken, sie haben mehreren Ebenen: Sie sind eine Allegorie auf die Mühsal des täglichen Pendelns, sie geben dem Einzelnen in der Masse ein Gesicht und damit Würde, und dank der teils farbenfrohen Regencapes haben sie auch etwas Skurriles.

Eher zufällig hat Wojciechowska außerdem den Alltag einer sozialen Klasse dokumentiert. "Eine Chinesisch-Lehrerin, der ich von meinem Projekt erzählte, wollte wissen, warum ich nur arme Leute fotografiere", sagt sie. "Dabei war mir gar nicht bewusst, dass diese Leute eher zur Unterschicht zählen." Die Erklärung der Lehrerin: "Nur mittellose Menschen sind in China noch mit dem Roller oder dem Rad unterwegs. Alle anderen haben sich längst ein Auto gekauft."

Wiktoria Wojciechowska: "Short Flashes", Bemojake, 48 Seiten

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