Elektromobil Peraves Monotracer: Kabinenroller mit Ferrari-Flair

Von Rainer Klose

Elektromobil Peraves Monotracer: Zwei macht frei Fotos
Rainer Klose

Elektromobile sind unsportlich, lahm und haben wenig Reichweite? Der Peraves Monotracer MTE-150 beweist das Gegenteil. Der Exot schafft 240 km/h, beschleunigt wie ein Sportwagen und fährt locker 300 Kilometer weit. Nachteil: Für das Stromliniengefährt braucht man den Motorradführerschein.

Elektromobile zu konstruieren ist eine Frage der Physik. Wer zu schwer baut oder zu viel Luftwiderstand erzeugt, verliert. Offenbar trifft dies im Moment auf alle Elektroautos zu, deren Bauweise aus der Benzin-Ära stammt: Stahlblechkarosserie und Breitreifen sind der Tod jeder Effizienz.

Und so fahren der Mitsubishi i-MiEV und seine Brüder von Peugeot und Citroën im Stadtverkehr zwar sensationell leise, doch im Alltagsverkehr nur rund hundert Kilometer weit. Im Nissan Leaf wird der Fahrer nach dieser Distanz ebenfalls nervös. Der 1,7 Tonnen schwere Opel Ampera wirft nach etwa 60 Kilometern den Benzinmotor an. Bis dahin hat er 10 kWh Strom verbraucht, der Akku ist leer.

Es geht auch anders. Man baue zum Beispiel ein stromlinienförmiges Zweirad, zwei Sitze hintereinander, die Karosserie aus faserverstärktem Kunststoff. Hinein kommt ein Lithium-Polymer-Akku mit einer Kapazität von 20 kWh, dazu der 150 kW-Motor und die Antriebselektronik des Tesla Roadster.

Die Strom-Explosion

Die lange tropfenförmige Karosserie ergibt einen cW-Wert von 0,19 und eine Stirnfläche von einem Quadratmeter. Multipliziert man diese Werte, ergibt das den Luftwiderstand - er ist dreimal kleiner als der des aktuellen Toyota Prius (cW = 0,25; Stirnfläche 2,33 m²). Das Leergewicht von nur 550 kg und der geringere Rollwiderstand der Motorradreifen bringen weitere Vorteile.

Und so klingt es nicht mehr wie Zauberei, wenn Roger Riedener, der Chef der Firma Peraves, für sein eigentümliches Mobil eine Reichweite von über 300 Kilometern verspricht. Nicht in Schleichfahrt wohlgemerkt, sondern bei Autobahntempo 120 km/h. Wer weniger weit reisen will und es eiliger hat, darf mit 240 km/h über die Autobahn rauschen.

Das Gefährt nennt sich Peraves Monotracer MTE-150, stammt aus der Schweiz, durchläuft gerade die letzten Abnahmeprüfungen der Zulassungsbehörden und wird ab sofort für den stolzen Preis von 95.140 Euro angeboten. Lieferzeit: acht Monate.

Fällt er um?

Nun stellt sich die entscheidende Frage: Wie fährt sich so ein Apparat? Fällt er um? Nein. Aber dafür braucht es Übung. Im Monotracer sitzt der Pilot leicht nach hinten gelehnt und streckt die Füße nach vorn, wie auf einem Chopper. Doch zwischen Fahrerfuß und Asphalt liegt ja die Karosserie. Am Anfang ist es eine recht gruselige Vorstellung, auf einem teuren Zweirad zu balancieren, ohne sich abstützen zu können.

Es braucht Übung, den Balance-Reflex vom Fuß in den linken Daumen zu verlegen - denn dort wartet der Schalter fürs Stützfahrwerk auf seinen Einsatz. Ein Zucken mit dem Daumen, und in 0,5 Sekunden sind die rettenden Räder ausgefahren. Wer mit größeren Motorrädern umgehen kann, lernt das Anfahren und Anhalten im Monotracer an einem Nachmittag. Nach rund tausend Kilometern auf der Straße fühlt man sich allmählich sicher und kann die Maschine in einem sauberen Bogen durch die Kurven drücken.

Ein frugales Sparmobil ist der Monotracer keineswegs. Fahrer und Passagier nehmen auf Ledersitzen Platz, vom Sattler handvernäht wie die gesamte Innenverkleidung. Elektrische Heizung und Klimaanlage sind im Unterboden des Fahrzeugs eingebaut; hinter dem Kopf des Passagiers befindet sich ein Gepäckraum von 200 Litern Inhalt. Das reicht für kleine Einkäufe und den Wochenendausflug.

Sicher und komfortabel wie ein Auto - nur auf zwei Rädern

Überhaupt ist der Monotracer - nachdem man sich das Balancieren angewöhnt hat - ein recht alltagstaugliches Fahrzeug. Er findet noch in den engsten Parkfeldern Platz, fährt stoisch ebenso durch schweren Platzregen wie durch neblig-kalte Herbstnächte. Für die Sicherheit sorgen ABS, ESP und eine kevlarverstärkte Kunststoffkarosserie mit einlaminierten Überrollbügeln aus Stahl - crash-sicher wie ein Integralhelm, der vom Vorderrad bis zum Hinterrad reicht.

Die Herstellerfirma Peraves hat Erfahrung mit diesen kuriosen Fahrzeugen und stellt sie bereits seit 25 Jahren her - doch bisher gab es die Gefährte nur mit Benzinantrieb.

Gegründet wurde das Unternehmen vom ehemaligen Swissair-Flugkapitän Arnold Wagner, einem begeisterten Motorradfahrer und Konstrukteur von Kunstflugzeugen. Wagner mochte irgendwann nicht mehr in einer nassen Lederkombi zum Geschäftstermin erscheinen und begann zu tüfteln. Schließlich versah er BMW-Motorräder mit einer Art Segelflugzeug-Cockpit. Von Wagners erster Kreation, dem Ecomobil, rollten 90 Stück aus den Werkshallen. Seit 2008 ist das aktuelle Modell, der Monotracer auf dem Markt, angetrieben vom Motor der BMW K1200. Nun folgt sein elektrifiziertes Geschwister.

Am schönsten ist das Segeln

Die Fahrt im Vorserienmodell des Monotracer MTE-150 ist selbst für Menschen, die den benzingetriebenen Vorgänger kennen, ein Erlebnis. Ein verhaltenes Sirren begleitet die Fahrt, es stammt aus dem gerade verzahnten Getriebe und gibt dem Fahrer einen akustischen Anhaltspunkt über die Geschwindigkeit. Nach dem Ortsschild legen wir uns sachte in die ersten Landstraßenkurven hinein und drehen am Gasgriff.

Ruckfrei und linear beschleunigt der Monotracer; das Getriebesirren wird nun vom feinen Rauschen des Fahrtwinds untermalt. Schnell gewöhnt man sich an die Rekuperationsbremse - einfach den Gasgriff voll zurückdrehen, dann bremst die Fuhre übers Hinterrad deutlich ab. Noch schöner jedoch ist das sogenannte Segeln - dazu lässt man den Gasgriff etwas offen. Dann rollt der Monotracer still und antriebslos auf die nächste Ortschaft zu, schwingt beinahe lautlos durch die Kurven. Himmlisch.

Das Kontrastprogramm starten wir an einer Autobahnauffahrt. Die rechte Hand dreht am Gas, und der Monotracer legt los wie ein Supersportwagen. In weniger als vier Sekunden zeigt der Digitaltacho Tempo 100. Doch der Druck von hinten lässt nicht nach. Auch beim Beschleunigen von Tempo 150 km/h spurtet der Monotracer los, als hätte er von Drehmomentkurven und Luftwiderstand nie etwas gehört. Die Physik scheint aufgehoben.

Wir lassen es diesmal bei knapp 200 km/h bewenden, ohne dass dem MTE-150 auch nur annähernd die Puste weggeblieben wäre. Das Serienmodell soll auf 240 km/h begrenzt werden, sagt Peraves-Chef Roger Riedener. 270 km/h wären locker machbar - das sei aber für die Reifen nicht mehr gut.

Was nach dem Aussteigen bleibt, ist das tröstliche Gefühl, dass wir auf sportliches Fahren und einen eleganten Auftritt auch in der CO2-sparenden Zukunft nicht verzichten werden müssen. Die Ära der automobilen Alleskönner mag irgendwann vorbei sein - dann gibt es sie vielleicht nicht mehr, die siebensitzigen Geländewagen mit 250 km/h Spitze und Nürburgring-Nordschleife-Sportfahrwerk. Dann werden wir uns entscheiden müssen, ob wir mit der Familie in die Skiferien bummeln oder eine flotte Runde durch die Eifel drehen wollen. Aber warum eigentlich nicht?

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insgesamt 59 Beiträge
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1. optional
oneil57 12.06.2012
Na super das Prestige Objekt. Wie wäre es denn, wenn endlich mal nicht futuristische, sondern erschwingliche und alltags taugliche Fahrzeuge auf den Markt kommen würden.
2. Ein fahrzeug zum verlieben!
meergans 12.06.2012
Das muß man neidlos zugeben. Das Fahrgefühl muß herrlich sein---- ein elegantes und entspanntes Segeln durch die Landschaft. Es wird aber ein Vergnügen für nur wenige bleiben, denn es gibt da eine Tatsache die sich noch kaum herumgesprochen hat: Eine Volkswirtschaft gibt keinesfalls beides her, nämlich ein öffentliches UND ein privates Verkehrssystem gleichzeitig. Es sei denn um den Preis einer katastrophalen Verschuldung.
3.
think_tank 12.06.2012
Bei 240 kmh dürfte die Reichweite dann aber auch auf ca. 100 km sinken und dann wird ein anderes großes Problem bei Elektrofahrzeugen offensichtlich: man kann den Akku nicht mal eben in 5 Minuten aufladen. Aber bei dem Tempo würde ich mir sowieso eher Gedanken um die Reichweite der Reifen machen. Wie auch immer, das Teil dürfte bei der Motorleistung und dem Strömungswiderstand nur etwas für wirklich sehr erfahrene Motorradfahrer sein, behaupte ich mal.
4. Handling?
Martl 12.06.2012
Zitat von sysopElektromobile sind unsportlich, lahm und haben wenig Reichweite? Der Peraves Monotracer MTE-150 beweist das Gegenteil. Der Exot schafft 240 km/h, beschleunigt wie ein Sportwagen und fährt locker 300 Kilometer weit. Nachteil: Für das Stromliniengefährt braucht man den Motorradführerschein. Peraves Monotracer MTE-150 im Test - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,837586,00.html)
Ich verfolge interessiert alles, was in Richtung Elektroantrieb so vorgestellt wird auf dem Markt. Als Motorradfahrer würde mich bei diesem Gerät das Handling interessieren. Die Reifen sind zwar nicht allzu groß, allerdings dürfte der lange Radstand ein "Kurvenwedeln" eher verhindern. Vertraut wären mir auch die Schalter am Lenker, alles von BMW. Das Teil finde ich ziemlich gut gelungen, der Preis mag gerechtfertigt sein, für Ottonormalverbraucher wie mich ist er aber illusorisch. Schade.
5. Wieder mal haarscharf daneben...
heinerm. 12.06.2012
Warum kommt beim Thema Elektromobilität eigentlich meistens irgend ein alltagsuntauglicher Quartsch heraus? Wird dieses Mobilitätskonzept immer noch nicht ernst genommen? Da werden seit Jahren schwerfällige Panzer mit minimaler Reichweite produziert - und jetzt auf einmal das. Bitte nicht falsch verstehen - ich halte das Prinzip, das hinter dem hier vorgestellten Fahrzeug steht, für genial. Wenn man sich den Besetzungsgrad der allmorgendlich in die Städte einfahrenden Pkw ansieht, ist ein leichter Zweisitzer mit einer solchen Reichweite genau der richtige Weg. Aber warum muss es jetzt schon wieder ein Geschoss mit 240 km/h Höchstgeschwindigkeit zu einem astronomischen Preis sein? Ein ähnlich konstuiertes Dreirad mit halber Leistung und vergleichbarer Reichweite dürfte durchaus massentauglich und somit auch zu einem akzeptablen Preis herstellbar sein.
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Im ABC finden Sie Erklärungen zu allen wichtigen Stichworten von Auto- oder Flüssiggas bis Wasserstoff:

Welche Typen von Elektroautos gibt es?
Reiner Elektroantrieb
Diese Fahrzeuge haben keinen klassischen Antriebsstrang mehr, der vom Motor die Bewegungsenergie auf die Räder überträgt. Stattdessen sind in den Radnaben Elektromotoren, die Energie kommt aus einem Akku, der an der Steckdose aufgeladen werden kann. Weil die Speicherkapazität der Batterien noch nicht mit einem klassischen Automobil vergleichbar ist, haben einige Elektromobile einen sogenannten Range Extender an Bord - einen kleinen Generator, der die Elektromotoren mit Energie versorgt, wenn der Akku leer ist.

Beispiele: Tesla Roadster, Chevy Volt/Opel Ampera, Think City
Hybridantrieb
Hybridautos haben zusätzlich zum klassischen Verbrennungsmotor einen Akku an Bord. Wenn der leer ist, springt der Benziner an. Eine Variante sind sogenannte Mild-Hybrid-Systeme, bei denen der Stromantrieb nur parallel unterstützend läuft, um den Benzinverbrauch zu reduzieren. Der Akku wird in der Regel durch Bremskraftrückgewinnung und einen Dynamo geladen. Zukünftige Hybridfahrzeuge sollen aber auch an der Steckdose aufladbar sein.

Beispiele: Toyota Prius, Honda Civic, Honda Insight
Brennstoffzellenantrieb
Bei diesen Fahrzeugen tankt man statt Benzin flüssigen Wasserstoff. In einer chemischen Reaktion wird das Hydrogen in der Brennstoffzelle in elektrische Energie umgewandelt, die dann das Fahrzeug antreibt. Anders als bei reinen Elektrofahrzeugen ist die Infrastruktur für den Wasserstoff eine ungelöste Frage. Vorteil der Brennstoffzellenfahrzeuge ist ihre größere Reichweite.

Beispiele: Honda FCX Clarity, Hamburger Nahverkehrsbusse (Mercedes-Benz)
Range Extender
Im Gegensatz zu den herkömmlichen Elektroautos haben Range Extender einen Verbrennungsmotor an Bord, der anspringt, wenn die Ladung der Batterie zur Neige geht. Vorteil: Die Reichweite steigt auf das Niveau eines Autos mit konventionellem Antrieb. Vorreiter dieser Spezies ist der Opel Ampera, der die Kraft des Verbrenners aber auch nutzt, wenn die volle Leistung zum Beispiel auf der Autobahn abgerufen wird.

Beispiele: Opel Ampera


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