Geschäftsidee eines Gläubigen Christi Taxifahrt

Der bekennende Katholik Christian Dieckmann steuert Deutschlands erstes Pilgertaxi. Nicht alle Fahrgäste mögen seine erzkonservativen Ansichten.

Steve Przybilla

Von Steve Przybilla


Vom Rosenkranz ist am Rückspiegel nichts mehr zu sehen. "Der baumelte immer so sehr", sagt Christian Dieckmann. Macht aber nichts, denn der Mercedes des 53-jährigen Taxifahrers sieht immer noch aus wie ein rollender Schrein. Bibel, Kreuz, Maria-Bilder - in Deutschlands erstem Pilgertaxi ist die Religion immer an Bord.

Eigentlich ist Dieckmann ein ganz normaler Taxifahrer. Mit Janker und Schal wartet er am Freiburger Hauptbahnhof auf Kunden. Doch Dieckmann ist noch etwas anderes, und zwar mit Leib und Seele: Katholik. Als Kind wurde er christlich erzogen, später hat er eine Zeit lang im Kloster gelebt. Noch heute verbringt er jeden Tag etwa eine Stunde mit Beten. Sein Glaube, sagt er, gehöre für ihn zum Leben dazu, und das zeige er auch bei der Arbeit.

Dass Jesus als Bild über dem Handschuhfach klebt, hat aber nicht nur spirituelle Gründe. Als selbstständiger Taxifahrer nutzt Dieckmann seine Frömmigkeit auch geschäftlich. "Für mich zählt das Wort Gottes", sagt der Katholik mit leiser, fester Stimme. Umso mehr freut er sich, wenn er Gleichgesinnte zu entlegenen Pilgerorten fahren kann. "Um finanziell zu überleben, brauche ich lange Fahrten." Daher die Idee mit dem Pilgertaxi.

Im Pilgertaxi läuft das Ave Maria - "Ich stelle aber auch gerne um"

Was eine Pilgerfahrt kostet, lässt sich pauschal nicht sagen. "Das kommt auf die Tour an", sagt Dieckmann. Auf seiner Homepage empfiehlt er die Strecke Freiburg, Koblenz-Vallendar, Paris, Lisieux, Lourdes, Santiago de Compostela (und zurück). Gefahren ist er eine solch große Tour bislang nicht, aber das Geschäft stehe ja auch erst am Anfang.

"Wallfahrtsorte haben mich schon immer begeistert", sagt der 53-Jährige. In seiner Freizeit fahre er regelmäßig nach Altötting und Medjugorje (Bosnien), um dort zu beten. Nicht verwunderlich also, welche Musik im Pilgertaxi läuft: Ave Maria. "Ich stelle aber auch gerne um."

Wenn Dieckmann von seiner Religion erzählt, glänzen seine Augen. Er spricht dann hastig, geradezu euphorisch. Er habe schon viele Politiker, Prominente und Würdenträger gefahren, zum Beispiel Jogi Löw oder den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Aber am liebsten würde er einmal den Gesundheitsminister kutschieren - um über die heilende Kraft des Glaubens zu diskutieren.

Bei den Kunden rufen solche Aussagen ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Manche wollen mit Religion nichts am Hut haben, andere suchen das Gespräch. Der Freiburger Krankenpfleger Mehari Weldai, 52, ist schon mehrfach mitgefahren. "Ich glaube schon immer fest an Gott, aber nach der Fahrt fühle ich mich gesegnet", sagt Weldai. Einmal habe ihn Dieckmann sogar kostenlos mitgenommen. "Er macht viele fromme Sachen."

Auch mit Fahrgästen anderer Religionen habe er kein Problem, betont Dieckmann. Die meisten muslimischen Fahrgäste wüssten seine Religiosität zu schätzen: "Viele können es gar nicht glauben, dass jemand in Deutschland so gläubig ist."

Ansichten von vorgestern

Doch es gibt auch Erlebnisse, die zeigen, dass der Taxifahrer nicht nur fromm, sondern erzkonservativ ist. Einmal, sagt Dieckmann, habe er einen schwulen Mann mitgenommen. "Er hat mich direkt gefragt, was ich als von Homosexualität halte. Da habe ich ihm geantwortet, dass es eine Krankheit ist, die man heilen kann." Der Fahrgast sei daraufhin sofort ausgestiegen.

Die Aufklärung scheint zwar an ihm vorbeigegangen zu sein, doch im Pilgertaxi wolle er niemanden missionieren, beteuert der Chauffeur. "Wenn ich gefragt werde, dann antworte ich aber auch" - wenngleich seine Meinung zu Abtreibung und Homosexualität auch vielen Katholiken zu radikal erscheinen dürfte. Finanzielle Unterstützung durch die Kirche erhält Dieckmann nach eigenen Angaben nicht. "Aber natürlich fahre ich hin und wieder einen Pfarrer."

Die Erzdiözese Freiburg arbeitet mit Dieckmann nicht zusammen. "Uns ist lediglich die Existenz des Pilgertaxi-Angebots bekannt", sagt Sprecherin Lisa Maria Plesker. Zu den kontroversen Ansichten des Taxifahrers möchte sie sich nicht äußern.

Glaube schützt vor Blitzern nicht

Bleibt nur noch eine Frage: Wie hält es der fromme Taxifahrer eigentlich selbst mit der Sünde? Dieckmann überlegt kurz. Dann sagt er: "Das entscheidet der liebe Gott." Vielleicht aber auch der Blitzer: Das Pilgertaxi, sagt Dieckmann, sei kürzlich genau 21 km/h zu schnell gefahren. "Deswegen muss ich gleich noch zum Anwalt." Richtig Sorgen mache er sich wegen solcher Dinge aber nie: "Ich bin beschützt - vom Himmel."

Anschnallen sollte man sich trotzdem, wenn man bei Christian Dieckmann mitfährt.

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
MartinBeck 04.03.2017
1. Glauben und nicht heucheln
Was Herr Dieckmann tut und worüber SPON etwas ungläubig berichtet ist genau die Art von Religiosität, die hunderttausende von Einwanderern in Deutschland leben. Dabei macht es keinen großen Unterschied, ob es türkische Muslime (bei weitem nicht alle religiös) oder afrikanische Christen (weit überwiegend sehr religiös) sind. Sie tun das Selbstverständliche: Sie zeigen ihren Glauben und sprechen darüber. Genau so natürlich, wie andere über ihren Fußballverein, ihren Hund oder ihren Enkel sprechen. Der Mann hat meine Hochachtung, auch wenn er vielleicht einige skurrile Seiten hat.
herr wal 04.03.2017
2. Vor Geschwindigkeitskontrollen können ihn die Kreuze und Jesus-Bilder nicht beschützen:
Wahrscheinlich ist deshalb auf der Kühlerhaube des Taxis auch noch das Peace-Zeichen aufgepflanzt. (Bild 2, oberhalb des verpixelten Nummernschildes.) Das finde ich gut. Über eventuelle Synergieeffekte mit den anderen Devotionalien drinnen im Fahrzeug kann ich im Moment nichts sagen. Eigentlich würde ich auch recht gerne zahlende Passagiere im Namen meiner Religion befördern und ihnen dann unterwegs den Pastafarismus ein wenig erläutern. (Ich bin ja zwar auch nur Laie, kein Geistlicher, aber wie man sieht, macht das ja nichts.) Allerdings wäre das nur in Zusammenarbeit mit NASA oder ESA möglich, denn die Wallfahrtsorte des SpaghettiMonsters liegen ja nun allesamt nicht hier auf diesem unseren Planeten Terra.
io_gbg 04.03.2017
3.
"Einmal, sagt Dieckmann, habe er einen schwulen Mann mitgenommen. 'Er hat mich direkt gefragt, was ich als von Homosexualität halte. Da habe ich ihm geantwortet, dass es eine Krankheit ist, die man heilen kann.' Der Fahrgast sei daraufhin sofort ausgestiegen." Herr Dieckmann könnte wissen, dass das seine Ansicht Unsinn ist und dass er absichtlich auf falscher Grundlage diskriminiert. Üblicherweise gilt doch Christen das Lügen als Sünde, oder gilt das nicht gegenüber Minderheiten?
walldemort 04.03.2017
4. Homophobie ist heilbar
Die gute Nachricht: Niemand ist gezwungen, ein bornierter, vorurteilsbeladener Kleingeist zu bleiben.
Nobody Niemand 04.03.2017
5. Ist das gut!
Wie die Reaktionen wohl wären, wenn es ein Taxifahrer wäre mit Koran statt Bibel, einer Mondsichel anstelle der Maria-Bilder und dem Gebetsrufen statt Ave Maria im Radio? Der Kerl einen 50cm Bart und einem Umhang vor einem stehen würde. Ja klar... jetzt sagen die Freunde der AFD so sieht jedes Taxi in Berlin aus. Aber mal im ernst ist das echt ne Story wert?
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