Von Tom Grünweg
Der Wagen war der Star der Frankfurter Automobilausstellung des Jahres 1963. Nach achtjähriger Entwicklungszeit stand damals auf dem Porsche-Stand neben dem Modell 356 ein neuer Sportwagen. Gezeichnet vom Sohn des Firmenchefs Ferry Porsche, war das Auto technisch auf der Höhe der Zeit und vor allem kräftig genug für das Ringen mit der erstarkten Konkurrenz. Und es galt schnell als würdiger Nachfolger des seit 1950 gebauten Porsche-Erstlings 356. Mehr noch: Der Wagen begründete eine Legende, von der die Firma noch heute zehrt. Denn was damals enthüllt und ab 1964 in den Handel gebracht wurde, war das Ur-Modell des Porsche 911, der für viele PS-Fans rund um den Globus der Inbegriff des deutschen Sportwagens ist.
Nicht nur die von Ferdinand Alexander Porsche designte Form und das technische Grundkonzept mit dem Sechszylinder-Boxermotor im Heck hat sich bis heute kaum verändert; auch das Entwicklungsprinzip ist gleich geblieben. "Um alle Forderungen des Chefs unter einen Hut zu bringen, so erkannten die Porsche-Techniker bald, mussten sie dem automobilen Hausbrauch treu bleiben", schrieb der SPIEGEL 1964. "So kam es, dass beim neuen Porsche prinzipiell alles beim Alten blieb." Das ist eine Formel, die auch auf den aktuellen Modellwechsel passt.
Zwar ist das Porsche-Modell heute unter der Bezeichnung 911 bekannt, doch anfangs hieß das Auto 901. Peugeot jedoch hatte sich die Ziffer "0" in der Mitte der Typenkürzel schützen lassen und bestand auf einer Änderung. "Die ersten Autos wurden als Porsche 901 produziert und intern auch so geführt", sagt Harry Utesch aus Fellbach nahe Stuttgart, "aber schon nach ein paar Dutzend Exemplaren wurden die Schriftzüge ausgewechselt."
Utesch, Oldtimer-Sammler und -Händler, besitzt eines der ganz frühen Exemplare, das den Zahlensalat besonders deutlich macht: Auf den Gussteilen unter der Motorhaube sind noch lange Codes zu finden, die mit 901 beginnen. Doch auf dem Heckdeckel und im Cockpit steht schon die neue, heute so berühmte Nummer 911.
Merkwürdig, ausgerechnet dieses Modell wurde nie modernisiert
Nach längerem Ringen mit sich hat Utesch die Kostbarkeit noch einmal für eine Ausfahrt bereitgestellt. Und zwar in der Abendsonne vor der alten Zeitnahme der Rennstrecke Solitude in Stuttgart. Nach einigen Aufwärmrunden dreht der Boxermotor locker und lässig auf mehr als 5000 Touren hoch und schnellt dann röhrend durch das kurvige Mahdental, als wären die fünf Jahrzehnte, die er auf dem Buckel hat, kaum der Rede wert. Das porschetypische Sägen klingt ungefiltert, der Motor wirkt dabei so bissig wie seine viel stärkeren Nachkommen.
Die Hemmung Uteschs, das Auto aus der Hand zu geben, ist verständlich: Von diesen Übergangsmodellen wurden nur etwa 230 Exemplare gebaut. Und weil viele von ihnen eine späte Karriere auf der Rennstrecke machten und ihr Ende in einer Leitplanke fanden, schätzt der Experte den Restbestand auf nicht einmal mehr hundert Autos. Und keiner davon ist so original wie seiner. Denn wie durch ein Wunder, das sich heute nicht mehr so recht erklären lässt, hat sein Coupé aus dem Jahr 1964 alle Modernisierungsmaßnahmen verpasst. Andere 901 hatten bei der ersten Inspektion ein neues Bremssystem, eine feinere Lenkung oder optimierte Antriebswellen bekommen, dieser Wagen aber blieb der alte.
Neben der unveränderten Technik sorgt auch die Patina des Interieurs für eine spezielle Atomsphäre. Die Ledersitzchen mit den Mittelbahnen im sportlichen Karo-Look sind durchgesessen. Das Armaturenbrett, tatsächlich noch aus Holz gefräst, ist deutlich nachgedunkelt und das große Holzlenkrad abgegriffen. Der winzige Schaltknauf wiederum glänzt wie ein polierter Kieselstein. Und das Porsche-Wappen auf der Lenkradnabe kann man kaum mehr erkennen.
Eines der meistfotografierten Porsche-Modelle
Wie nah der weiße Wagen dem Ur-Elfer tatsächlich ist, fiel erst auf, als ihn der Vorbesitzer in den achtziger Jahren bei Porsche restaurieren lassen wollte. Das Werk lehnte ab, schlug aber dem Besitzer einen Deal vor: Das Auto bleibt im Ur-Zustand, Porsche kümmert sich um die Pflege und darf den Wagen dafür für PR-Zwecke nutzen. So erschien dieser 911er nicht nur in Dutzenden Kalendern, Jahrbüchern und auf Magazintiteln, sondern stand auch ein Jahr lang im Designmuseum in London. "Dort parkte er unter einem großen Porträt von Ferdinand Alexander Porsche, den alle nur 'Butzi' nannten. Seitdem trägt auch das Auto den Spitznamen", erzählt Utesch. So wurde aus einem Oldtimer über die Jahre ein Unikat, und "Butzi" zum Inbegriff des Ur-Elfers.
Das dürfte auch den Wert des Wagens beeinflussen, über den Utesch nicht so gerne spricht. Nur so viel: Das Auto, das neu damals 21.900 Mark kostete, wurde schon in seiner Zeit als Reklameauto für 180.000 Mark versichert. Und heute sei bereits ein Gebrauchter im desolaten Zustand nicht unter 100.000 Euro zu bekommen.
Zwar wirkt der zierliche Sportwagen - 4,17 Meter lang, 1,61 Meter breit, 1,32 Meter hoch - überraschend geräumig, wenn man es erst mal in die kleinen Sitze geschafft hat. Doch lag das nicht in der Absicht von Firmenchef Ferry Porsche. "Zwei Sitze und zwei Notsitze seien nach wie vor genug - der Wagen dürfe kein Familienauto werden, sondern müsse seinen Charakter als wettbewerbsfähiger Sportwagen behalten", zitiert ihn der SPIEGEL damals.
Diese Charakterzüge hat er sich bis heute bewahrt. Klar sind die neuen Modelle um ein Vielfaches stärker, und verfügen in der noch aktuellen Generation 997 über bis zu 3,8 Liter Hubraum und 530 PS. Doch weil das Ur-Modell lediglich 1080 Kilo wog, genügte der Zwei-Liter-Sechszylinder-Boxermotor mit 130 PS vollauf, um das Auto auf damals ziemlich abenteuerliche 210 km/h zu treiben.
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