911er-Tuning in den USA: Dieser Porsche ist kein Porsche mehr

Aus Los Angeles berichtet

Porsche 911 von Singer: Carbon-Cover eines Klassikers Fotos
Tom Grünweg

Porsche-Puristen schimpfen Rob Dickinson einen Frevler. Der gescheiterte Musiker motzt alte 911er auf und verkauft sie für Preise ab einer halben Million Dollar. Kritik lässt den Chef der Tuning-Schmiede Singer kalt: "Erlaubt ist, was schnell macht."

Ein Kraftwerk, ein Schrottplatz, ein paar Hinterhofwerkstätten und heruntergekommene Gebrauchtwagenhändler - in der Sheldon Street in Sun Valley, einem Vorort von Los Angeles, sind Glanz und Glamour der Metropole meilenweit entfernt; Luxuskarossen ebenso. Zumindest so lange, bis sich an einem der staubigen Flachbauten ein rostiges Rolltor öffnet und man das Reich von Rob Dickinson betritt. Dickinson stammt aus London, lebt jetzt in Los Angeles und verdient sein Geld mit Tuning - allerdings nicht mit der billigen Variante, die normalerweise in den Vorstädten rund um Los Angeles angeboten wird.

Stattdessen baut Dickinson für eine kleine Kundenschar aus aller Welt eine ganz eigene Interpretation des Porsche 911 - und spaltet damit die Fangemeinde des Sportwagens wie kaum ein anderer. Für die einen ist dieses Auto mit dem Design aus den siebziger Jahren gepaart mit moderner Technik der vielleicht beste Porsche, der außerhalb von Zuffenhausen gebaut wird. Und für die anderen ist er ein Sakrileg. Denn mit dem Original hat er quasi keine einzige Schraube mehr gemein.

Aber auf solche Diskussionen hat Dickinson eigentlich gar keine Lust. Er will einfach nur ein Auto bauen, das klasse aussieht und sich auch so fährt. "Da kommt man am 911er einfach nicht vorbei", sagt er. Auf Authentizität pfeift er - und sieht sich damit in der Tradition der Porsche-Ingenieure. "Erlaubt ist, was schnell macht", lautet die Begründung.

Seine Interpretation des Klassikers, sagt er, ist ein Kondensat all dessen, was einen Porsche 911 ausmacht. "Wir nehmen aus der gesamten Modellgeschichte die besten Komponenten. Und wo es nötig erschien, haben wir sogar noch einmal weiterentwickelt."

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Die Basis liefert die Baureihe 964, die von 1988 bis 1994 gebaut wurde und als die vielleicht beste aus der Ära der luftgekühlten Boxermotoren gilt. "Wir nehmen die Gebrauchtwagen komplett auseinander und behalten nicht viel mehr als die Fahrgestellnummer und die Türen", sagt Dickinsons Werkstattchef Marlon Goldberg mit Blick auf das ausgeweidete Gerippe eines 1990er-Modells.

Die Karosserie im Stil des Ur-Hülle wird nach eigenen Designvorlagen aus Karbonmatten gebacken, der Rahmen ist weitgehend neu und gründlich verstärkt, und die Elektronik stammt aus der Jetztzeit. Und wenn der in Anlehnung an die legendären Ducktail-Modelle selbst entworfene Heckspoiler ausfährt, sieht man darunter einen blitzblank polierten Boxermotor, der von Cosworth in England getunt wurde: sechs Zylinder, 3,8 Liter Hubraum, viele Bauteile aus Porsche-Rennmotoren und die Ventile aus dem 993 RS.

Das reicht für sensationelles Sägen schon im Leerlauf, für Drehzahlorgien bis weit über 10.000 Touren und vor allem für 350 PS Leistung. Mit seinem Rennfahrwerk und der Carbon-Karosserie ist das Auto etwa 200 Kilo leichter als das Original. Kein Wunder, dass Dickinsons Kunden sehr oft auf Rundstrecken unterwegs sind.

Eine Frage des Geschmacks

Es geht jedoch nicht nur um Rasanz, sondern auch um Ästhetik. Das Auto auf den Fotos zum Beispiel ist für einen Kunden aus Indonesien bestimmt. Im rot belederten Innenraum sind die neue Elektronik und die Klimaautomatik dezent eingefügt. Auch der Motorraum im Heck ist mit gestepptem Leder ausgeschlagen. Alles eine Frage des persönlichen Geschmacks. Spätestens bei den kombinierten Xenon-LED-Scheinwerfern allerdings dürfte auch toleranten Porsche-Puristen ein Schauer über den Rücken laufen.

So eine Umrüstung kostet jede Menge Zeit - und noch mehr Geld. "In diesen Autos stecken allein Teile für mehr als 250.000 Dollar und knapp 4000 Stunden Arbeit", sagt Dickinson, bevor er den Endpreis nennt: ab 450.000 Dollar aufwärts. Das ist gewiss verdammt viel Geld für ein Auto, dessen zweites Leben als Gebrauchtwagen für 20.000 Dollar begann.

Ursprünglich war Dickinson in die USA ausgewandert, weil er Rockstar werden wollte. Doch die Karriere kam nicht recht in Gang. Stattdessen fragten viele Menschen nach seinem heruntergekommenen, gelben 1969er 3.0 mit dem Kennzeichen POR-69, den Dickinson zum Rennwagen aufgerüstet hatte und noch heute über manchen Rundkurs prügelt. "Das Auto sah aus wie Frankenstein, aber alle paar Tage wollte es mir irgendein Regisseur, Filmstar oder Studiomusiker abkaufen", erinnert sich Dickinson.

Musikalischer Freidenker

Es war wie ein Zeichen. Dickinson verzichtete auf die musikalische Laufbahn und gründete vor knapp fünf Jahren seine Tuning-Schmiede. Der Traum vom Musiker lebt in deren Namen weiter. Singer Vehicle Design heißt die Firma, für die mittlerweile ein halbes Dutzend Spezialisten vor Ort und mehr als hundert Zulieferer in aller Welt arbeiten.

Seitdem ist Dickinson mehr denn je überzeugt davon, dass man mit einem Porsche alles machen darf, solange es dem Spaß am Auto dient. Zudem sorgt er dafür, dass die alten Sportautos auf der Straße bleiben. Den Versuch, die aufwendigen Hightech-Retro-Renner als originalgetreue Nachbauten zu verkaufen, unternimmt er erst gar nicht - und lässt so die Anfeindungen von Puristen ins Leere laufen. Auf dem Heckdeckel steht, unter der Singer-Signatur in klassischer Schreibschrift, das Wort "Reimagined" - neu ersonnen.

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insgesamt 63 Beiträge
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1. Rahmen?
Fritz.A.Brause 18.06.2013
Wow! Ich wusste garnicht, dass der 964 einen Rahmen hat. Aber wenn er verstärkt wird, muss er ja da sein... Schöne Autos, die der Herr Singer da macht, aber die Gusseisernen werden es nicht mögen. Aber was macht das schon aus? Soll er doch ruhig ein paar ausgenudelten amerikanischen (Automatik?) 964 zu einem tollen zweiten Leben verhelfen!
2. vor allem
troy_mcclure 18.06.2013
Zitat von sysopPorsche-Puristen schimpfen Rob Dickinson einen Frevler. Der gescheiterte Musiker motzt alte 911er auf und verkauft sie für Preise ab einer halben Million Dollar. Kritik lässt den Chef der Tuning-Schmiede Singer kalt: "Erlaubt ist, was schnell macht." Porsche 911 von Singer: Hightech-Retro-Sportwagen aus Los Angeles - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/porsche-911-von-singer-hightech-retro-sportwagen-aus-los-angeles-a-903932.html)
Erlaubt ist, was gefällt; und wenn ich Auto, Kohle und Lust auf so einen Umbau hätte, dann wäre es mir herzlich egal, was Porsche-Puristen darüber denken. Ich finde das, was der dsa tut, jedenfalls gut und viele Kunden offenbar auch
3. Richtig recherchiert?
kalim.karemi 18.06.2013
Zitat von sysopPorsche-Puristen schimpfen Rob Dickinson einen Frevler. Der gescheiterte Musiker motzt alte 911er auf und verkauft sie für Preise ab einer halben Million Dollar. Kritik lässt den Chef der Tuning-Schmiede Singer kalt: "Erlaubt ist, was schnell macht." Porsche 911 von Singer: Hightech-Retro-Sportwagen aus Los Angeles - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/porsche-911-von-singer-hightech-retro-sportwagen-aus-los-angeles-a-903932.html)
Der Motor mag ja vom 964 stammen, der Rest ist F- Modell. Jedenfalls kann ich mir kaum vorstellen, dass es wirtschaftlich vertretbar ist, einen 964 auf F-Modell mit Carbonteilen zurückzubauen. Andererseits, die Karre sieht einfach nur geil aus.
4. ?
g.s.hess 18.06.2013
Ich habe noch nie verstanden was man mit einem Auto über 100 ps in einem Land wie den USA macht ? Schneller das Tempolimit erreichen ?
5. Reinheitsgebot beachten!
c218605 18.06.2013
Alle wassergekühlten Porsche oder Käfer sind keine. Genauso wie die meisten Jaguars keine Jaguar sondern Ford oder nun Tatra sind!
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