Sportwagen-Bestseller "Hausfrauenporsche"? Von wegen!

Mit zwölf Jahren konnte sie Reifen wechseln, mit Mitte dreißig fährt sie einen alten Porsche: Alicia Reuter ist vernarrt in ihren 924S. Weil er ihr etwas bietet, was sonst nur wenige Autos können: Form wahren.

Robbie Lawrence

Von Kai Kolwitz


Es war wohl damals auf dem Skyway in Chicago, Anfang der Neunziger, als sich zum ersten Mal abzeichnete, dass das mit Alicia Reuter und den Autos eine engere Beziehung werden könnte. Sie war zwölf und saß bei ihrer Tante im Auto, als einer der Reifen seine Luft verlor. Alicias Tante war ratlos - die Mitfahrerin allerdings nicht: Routiniert erklärte sie der Fahrerin die nötigen Handgriffe, um den Wagen wieder einsatzfähig zu machen: "Da anfassen, und die Radschrauben unbedingt losmachen, bevor du den Wagen aufbockst."

Heute ist Reuter Mitte dreißig. Die gebürtige Amerikanerin lebt inzwischen in Berlin. "Mein Vater hatte mir zum Glück drei Wochen vorher gezeigt, wie man einen Reifen wechselt", erinnert sie sich an die Pannenhilfe für die Tante. "Er hatte selbst einen alten MG B, der immer nur halb funktionierte. Das war wohl seine Lebensaufgabe, ihn herzurichten."

Die Tochter half ihm dabei, sie verbrachte viele Stunden in der Garage. Zeit, die ganz offensichtlich Spuren hinterlassen hat. Denn heute bewegt die Kunsthistorikerin einen 1988er-Porsche 924S durch Berlin: "Ich habe über ein Jahr nach ihm gesucht. Mich hat die zeitlose Form begeistert", beschreibt sie. "Wenn man sich den Innenraum ansieht, merkt man genau, wie viel Mühe die Leute bei Porsche auf das Design verwendet haben. Da sind Details drin, die hatten andere Marken erst zehn Jahre später. Bei guter Behandlung des Motors schafft der mehr als eine halbe Million Kilometer."

Erst die Häme, dann der Erfolg

In der Tat gilt der Porsche 924 heute als extrem langlebiges Auto, erst recht in der ausgereiften S-Version, die Porsche erst zehn Jahre nach der Premiere des Modells im Jahr 1976 auf den Markt brachte. Reuters 924S ist eins der letzten Exemplare, die gebaut wurden, mit 160 PS aus zweieinhalb Litern Hubraum.

220 km/h kann der Wagen schaffen, wenn man es darauf anlegt. Aber das tut seine Besitzerin dem 26 Jahre alten Auto nicht an. Dafür schlägt ihr Studium durch, wenn sie über den Wagen spricht: "Ich bin froh, dass wir noch alle Dokumente zu ihm haben", sagt sie. "Die Geschichte einer Sache ist wichtig."

Dabei hatten 924-Fahrer während der Bauzeit des Wagens einige Häme auszuhalten. Alle Welt wusste, dass er in Kooperation mit Volkswagen entstanden war und eigentlich auch mit VW-Logo auf den Markt hätte kommen sollen. "Hausfrauenporsche" tauften ihn die Spötter deshalb - und verkannten, dass überall, wo es darauf ankam, das Porsche-Know-how erkennbar war. Am exzellenten Fahrwerk zum Beispiel, das auch nach heutigen Maßstäben für eine sehr gute Straßenlage sorgt. Oder in der sogenannten Transaxle-Bauweise, mit dem Getriebe an der Hinterachse, für eine optimale Gewichtsverteilung.

Der Wagen verkaufte sich dann auch sehr gut, an die 150.000 Exemplare gingen in 13 Jahren weg. Und was aus heutiger Sicht noch dazukommt, sind die anerkannt zeitlose Form und die Alltagstauglichkeit des Wagens: Der 924S hat sogar einen akzeptablen Kofferraum und eine umklappbare Rückbank, selbst bei Ikea ist man mit diesem Porsche nicht aufgeschmissen.

Eine Fälschung muss sein

6000 Euro hat Reuter für den Wagen bezahlt, dafür aber auch ein ausgesprochen gepflegtes Exemplar ergattert, dem man seine gut 200.000 Kilometer weder im Innenraum noch am Wartungszustand anmerkt. Bisher musste die Besitzerin kaum etwas reparieren: "Einen Ölwechsel habe ich gemacht", sagt sie. "Und die elektrischen Fensterheber liefen zu langsam, darum habe ich mich gekümmert." Fast klingt sie ein bisschen enttäuscht, dass nicht mehr Schrauberei nötig war.

"Ein wesentliches Argument für den 924S war, dass das Modell noch bezahlbar ist", sagt Reuter. "Ich bin nicht reich und ich will auch nicht als die Kunst-Tussi rüberkommen, die sich mal eben einen Porsche gekauft hat." So bleiben auch die Pläne für den Wagen im Rahmen: demnächst mal in den Harz damit und dann, wenn Zeit ist, nach Italien, über die Alpen, wo es die passenden Straßen für einen Porsche gibt.

Vorher muss allerdings noch die Handbremse gemacht werden, das will Reuter erledigen, wenn einer ihrer beiden Brüder zu Besuch in Berlin ist - beide ebenfalls totale Automaniacs: "Sie haben beide alte Polizeiautos", sagt die Porsche-Fahrerin. "Der eine einen Chevrolet Caprice, der andere einen Chevrolet Monte Carlo. Beide sind auf Low Rider umgebaut, mit verstellbaren Hydraulikfahrwerken."

Gibt es sonst noch Wünsche für den Wagen? Einen Stellplatz brauche er unbedingt für den Winter. Und: "Auf der Straße wird ständig das Porsche-Emblem geklaut", ärgert sie sich. "Nun ist ein richtiges schlechtes aus China drauf. Ich hoffe, jetzt ist Ruhe."

Freunde von Autos
  • Corbis
    Es gibt Menschen, die haben mit ihrem Auto ein größeres Ziel im Blick als nur den Weg von A nach B: eine Weltreise zum Beispiel, bei der aus dem einfachen Pkw ein zuverlässiger Partner wird. Sie wollen ihr Fahrzeug umbauen, zerlegen, bewahren. Was diese Menschen teilen: Sie sind Freunde von Autos. In einer losen Serie stellt SPIEGEL ONLINE Männer und Frauen mit ganz besonderen "Beziehungskisten" vor. Freunde von Autos ist eine Kooperation mit "Freunde von Freunden", einer internationalen Agentur in Berlin, die Kreative aus Kultur und Kunst porträtiert.
Wer mehr über Alicia Reuter erfahren will, liest hierein Interview mit ihr.



insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
cabriofahrer100 21.10.2014
1. Schön!
tolles auto, sehr schöner Zustand! Gratuliere!
Tecki04 21.10.2014
2. Transaxle
Vor der Hinterachse, davor! Wer recherchiert diesen Kram eigentlich immer?
blackart 21.10.2014
3. Die Frau....
hat Geschmack und sich einfach einen kleinen Traum erfüllt. So sollte es im Leben sein....
chr.reinhard 21.10.2014
4.
500€ porsche mit audi maschine
jacktoast 21.10.2014
5.
Schade, dass in dem Artikel so wenig Wissenswertes über das interessante Auto zu lesen ist. Schade auch, dass nicht herausgearbeitet wird, wie groß die Unterschiede zwischen dem "Hausfrauenporsche" 924 und dem 924S sind. Die verhalten sich etwa wie Maultier zu Rennpferd. Wobei der Begriff "Hausfrauenporsche" schon eine Diffamierung darstellt, selbst für den eher biederen 924 mit VW Motor. Er war zu seiner Zeit (1978 - 85) keineswegs bieder. Und der 924S (1985 - 88) mit echter Porsche-Technik konnte sich nicht mehr durchsetzen, weil er dem 924 nur äußerlich glich. Da war der Zug allerdings schon abgefahren.
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