Neuaufbau Porsche 993 Turbo S Puzzle mit 6500 Teilen

Der 993 ist für Fans ein ganz besonderes Modell. Es war der letzte 911er mit luftgekühltem Motor. Porsche hat nun einen dieser legendären Sportwagen komplett neu aufgebaut - aus Tausenden von Ersatzteilen.

Porsche

Von Fabian Hoberg


Ganz selten kann man ein 20 Jahre altes Auto im Neuzustand fahren. Uwe Makrutzki durfte das vor ein paar Wochen auf 48 Kilometern erleben. "Das Gefühl, einen nagelneuen 993 Turbo zu fahren, ist wie eine Zeitreise in die Neunzigerjahre."

Makrutzki ist Leiter der Porsche-Classic-Werksrestaurierung und hat schon viele schöne und seltene Klassiker gefahren. Was er aber vor ein paar Wochen erleben durfte, war auch für ihn neu:

Der Porsche 911 Turbo mit der internen Bezeichnung 993 gilt mit seinen 20 Jahren offiziell zwar noch nicht als Oldtimer, doch für Porsche-Fans hat er mit Einstellung der Produktion im Jahr 1998 bereits Kultstatus erlangt. Denn er war der letzte 911er mit luftgekühltem Sechszylindermotor, bevor Porsche beim 996 auf Wasserkühlung setzte. Und genau dieses Auto erschuf Makrutzki quasi aus dem Nichts.

Schon die Basis des 993 Turbo S ist selten

Am Anfang seiner Arbeit gab es nur eine 993-Rohkarosserie. Diese lagerte bei Porsche in Zuffenhausen. "Wir diskutierten intern, ob wir anlässlich des Jubiläums '70 Jahre Porsche Sportwagen' etwas daraus machen sollten. Verkaufen oder verschrotten kam jedenfalls nie infrage", sagt Mechaniker Makrutzki.

Zeitgleich legte der Sportwagenhersteller eine Sonderserie auf. Der Porsche 911 Turbo S Exclusive Series, der einen leistungsgesteigerten Motor mit 607 PS besitzt. Das exklusive Modell kostet fast 260.000 Euro und ist auf 500 Fahrzeuge limitiert. "Wir hatten die Idee, ein historisches Neufahrzeug im gleichen Design wie die 911 Turbo S Exclusive Series anzubieten", sagt Philipp Salm-Reifferscheidt, Leiter Vertrieb und Marketing Porsche Classic.

So wurde der Porsche 993 aufgebaut:

Also setzten sich die Kreativabteilung des Sportwagenherstellers und die Classic-Experten zusammen und entwarfen ein Design für das alte Auto. Sie nannten das geheime Projekt "Classic Project Gold". Schon die Basis des 993 Turbo S ist selten. 1997 und 1998 verließen davon nur 345 Modelle das Werk in Zuffenhausen. Für die Turbo-S-Variante fehlten noch die hinteren seitlichen Lufteinlässe. Doch den Plan, das Auto zu verkaufen, verwarfen die Beteiligten bald.

Nur die nackte Karosserie war vorhanden

Stattdessen soll es am 27. Oktober in Atlanta für die Ferry-Porsche-Stiftung versteigert werden, die sich in den Bereichen Soziales und Bildung engagiert - zusammen mit insgesamt 70 weiteren Sportwagen zum Jubiläum der Marke. Es ist ein Auto für Sammler und Fans der Marke, die sich den Porsche zum Angucken in die Garage stellen.

"Dafür ist der Wagen aber eigentlich zu schade, denn er ist perfekt und fährt sich fantastisch", sagt Makrutzki. Wie viel der neue alte Turbo kostet, sagt er nicht. Nur, dass er und Team rund 1300 Arbeitsstunden in den Porsche investierten. Insgesamt haben 13 Mitarbeiter an dem Projekt gearbeitet.

Für Makrutzki war die Aufgabenstellung des Projekts völlig neu. Bisher restaurierte er historische Fahrzeuge, die jahrelang auf der Straße unterwegs waren. Beim 993 war es anders. Weil nur die nackte Karosserie vorhanden war, musste er erst alle Teile besorgen. Das waren nicht gerade wenige. Im Classic-Katalog von Porsche sind für den 993 rund 6500 Teile verfügbar, darunter war noch ein Kurbelgehäuse des Motors und ein Rumpfgetriebe. "Fast das ganze Auto entstand aus vorhandenen Originalersatzteilen", sagt Makrutzki.

Goldgelbfarbene Applikationen

Danach folgten in der Classic-Abteilung Schritte aus der Produktion: Kabelbaum verlegen, Karosserie abdichten, lackieren und der Unterbodenschutz - ganz nach den Vorgaben von vor 20 Jahren. "Obwohl der 993 nur sehr wenig gelaufen ist, fährt und schaltet er sich extrem präzise und komfortabel, ja nahezu perfekt", sagt Makrutzki.

Porsche

Mit der Leistungssteigerung durchs Werk kommt der 3,6-Liter-Sechszylinder mit Biturbo statt auf 408 auf 450 PS. Schaltgetriebe und Allradantrieb kamen ebenfalls aus dem Regal für Originalteile. Die per Hand eingeschlagene Fahrgestellnummer folgt auf die des Elfers, der 1998 als letztes Serienmodell des Typs 993 Turbo vom Band lief.

"Wir wollten ein Einzelstück erschaffen, das aktuelle Designelemente mit einem historischen Fahrzeug verknüpft. Es war uns aber klar, dass bei diesem Einzelstück - einem Neufahrzeug auf Basis eines luftgekühlten 911 Turbo - eine Zulassung nicht möglich sein wird", sagt Philipp Salm-Reifferscheidt. Durch die spezielle Lackierung mit Goldpartikeln, Carbon-Elementen und in die oberen Kotflügel eingelassenen Exclusive-Plaketten orientiert sich der Klassiker am Design des neuen 911 Turbo S Exclusive Series (991). Sitze und Innenraum sind schwarz mit goldgelbfarbenen Applikationen. Verschiedene Farbverläufe, Plaketten und Kontrastnähte unterscheiden den Innenraum weiter von dem der Serienfahrzeuge.

Das Team arbeitete so exakt, dass keine Nacharbeiten nötig waren

Die permanente Abstimmung mit den Designern war für Makrutzki neu. Bisher arbeitete er nach einem Lastenheft, stimmte sich nur mit dem Kunden ab. "Diesmal ging es um Farbe, die Nahtverläufe im Leder oder Materialien fürs Cockpit sowie eine Menge an Individualausstattung, die es damals nicht gab", sagt er. Den kompletten Innenraum fertigte ein Sattler über Wochen von Hand, legte für einzelne Bauteile Muster auf, stimmte sie mit dem Designer ab, bevor er sie ins Auto setzte. "Das Einzelstück mit dieser Ausstattung und den Materialien ist mit Abstand der edelste und perfekteste 993 Turbo, den es gibt", sagt Makrutzki.

Er spulte dann mit dem fertigen Porsche die Erprobung ab, unter anderem auf dem Prüf- und Testgelände in Weissach, insgesamt 48 Kilometer. Jeden einzelnen davon habe er genossen. Zwei Tage prasselte Regen auf die Karosserie, um die Dichtheit zu gewährleisten. Das Team arbeitete so exakt, dass keine Nacharbeiten nötig waren, so der Mechaniker.

Am 23. August konnten die ersten Sammler in Kalifornien das Einzelstück betrachten, am 27. September stellt es die VW-Tochter bei dem größten Porsche-Treffen der Welt aus, der Motorsport-Reunion auf der Rennstrecke in Laguna Seca. Einen Monat später fällt dann der Hammer bei der Auktion in Atlanta.

Baujahr der Neuinterpretation des 993 lautet 2018

Dass der spätere Besitzer die Leistung und das Fahrgefühl exzessiv auskosten wird, ist eher unwahrscheinlich. Denn für das Einzelstück gibt es weder einen Fahrzeugbrief, noch technische Dokumente für eine Zulassung. Denn das Baujahr der Neuinterpretation des 993 lautet 2018. Damit gelten auch alle aktuellen Sicherheits- und Abgasvorschriften, die der Nachbau nicht erfüllt. Ohne gültige Zulassung darf der Porsche nur mit speziellen Kennzeichen fahren. Oder auf einem Privatgelände - aber auch da funktionieren kleine Zeitreisen.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
peterpullin 24.08.2018
1. Schade eigentlich,
das werk hat genug original fahrgestellnummern von geschrotteten autos. das ding als neuaufbau eines alten porsche deklariert - das ergebnis (für den guten zweck) wäre um einen siebenstelligen betrag höher. da das ding geregelte kats, abs, .... an bord hat: so what! soviel aufwand, schönheit und glitzer für die tonne.
thobac 24.08.2018
2. Finde ich
Jetzt aber enttäuschend, dass Porsche sich nicht mehr bemüht hat, dieses Fahrzeug zulassungsfähig zu machen
crunchy_frog 24.08.2018
3.
Das liegt nicht an Porsche, sondern an der rechtlichen Lage. Porsche hatte nur zwei Möglichkeiten: den Wagen original aufzubauen, dann ist er nicht zulassungsfähig. Oder ihn mit moderner und damit zulassungsfähiger Technik auszustatten, dann wäre er nicht mehr original. Letzteres wäre auch ziemlich paradox, denn der luftgekühlte Motor wird heute aufgrund der Abgasvorschriften sicher keine Neuzulassung bekommen, man hätte also auf ein wassergekühltes Aggregat verbauen müssen und damit hätte man - abgesehen von allen technischen Schwierigkeiten - das Wesen des 993 ad absurdum geführt.
varesino 24.08.2018
4. Stil
Schade, diese Farbe und dann die 3 km Kontrast-Naht. Turbo mit Frittentheke. Stil hat dieser Porsch nicht. Die Herren Designer hätten sich besser mal einen Singer Porsche genau angesehen. Schade um die vielen Teile.
insideman 24.08.2018
5. Nur die halbe Wahrheit.
Der letzte 911er mit luftgekühltem Motor war kein 993 sondern der 996 Turbo. Sieht man auch an der Preisentwicklung für dieses Modell.
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