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Porsche-Tuner Rod Emory: Operation geglückt, Patient bebt

Aus Lancaster berichtet

Porsche-Tuner Rod Emory: Heiße Heirat Fotos
Tom Grünweg

"Outlaws" nennt der US-Tuner Rod Emory seine Kreationen. Er vermählt die Karosserien des Ur-Porsche 356 mit der Technik jüngerer 911 und erschafft so brachiale Fahrmaschinen. Puristen toben, für sie ist er deswegen ein Verbrecher.

Kaum etwas liebt der Amerikaner Rod Emory so sehr wie Autos von Porsche. Er wuchs quasi in einem Ersatzteillager des Stuttgarter Autoherstellers auf. Im Alter von 14 Jahren restaurierte er seinen ersten 356 und kennt sich inzwischen mit dem Ur-Porsche vermutlich besser aus als jeder andere Mensch an der amerikanischen Westküste. Trotzdem wünschen Emory viele Porsche-Puristen Tod und Teufel an den Hals.

Der Grund: Rod ist nicht nur der Sohn eines einstigen Porsche-Werkstattmeisters. Er ist auch der Enkel eines kalifornischen Hot Rod Konstrukteurs: Großvater Neil Emory schaffte es mit seinen Kreationen in den Fünfzigerjahren aus dem Valley Custom Shop bis in die Hall of Fame der amerikanischen Tuner.

Es kam, wie es kommen musste: Emory ist zwar ein begnadeter Porsche-Experte geworden. Aber er hat auch seine eigenen Vorstellungen davon, wie ein Sportwagen aussehen und vor allem, wie er fahren soll. Weil es mit dem Fahrspaß bei einem 356er nach modernen Maßstäben nicht sonderlich weit her ist, hilft der smarte Vierziger aus Lancaster, einem kleinen Ort im staubigen Hinterland nördlich von Los Angeles, halt ein bisschen nach.

Kraftvolle Organspende aus dem 911

Seinen Lebensunterhalt und offensichtlich einiges darüber hinaus verdient Emory mit Entwicklungsdienstleistungen für die benachbarten Flugzeughersteller Boeing und Lookheed, für die seine Firma angeblich sogar das Modell eines Tarnkappenbombers entworfen hat. Zusatzeinkommen sichert der Getränkefabrikant Red Bull, dem Emory neben Hunderten von Werbe-Minis mit einer Softdrink-Dose auf der nachgerüsteten Pick-up-Pritsche auch die Raumkapsel für Felix Baumgartners Rekordsprung aus der Stratosphäre gebaut hat.

Doch am liebsten steht er in seiner kleinen, aber feinen Werkstatt in einem staubigen Industriegebiet und macht 356er flott. Und das kann man durchaus wörtlich nehmen. Denn unter dem überraschend stilvoll und zurückhaltend modifizierten Blech steckt in der Regel die Technik deutlich jüngerer 911er: Nicht nur Fahrwerk und Bremsen tauscht Emory dafür aus und möbelt die Innenräume auf, als kämen die Oldtimer direkt vom Band. Sondern vor allem montiert er neue Motoren und Getriebe.

Wo es den 356er im Original nur mit höchstens 90 PS gab, toben im Heck seiner Sportwagen deshalb jetzt bis zu 200 Pferde - losgelassen aus einem Sechszylinder-Boxer des 911, den Emory kurzerhand um zwei Zylinder gekürzt hat. Damit hat er es in Kalifornien zu einer ähnlichen Berühmtheit gebracht wie Rob Dickinson mit seinen Singer-Porsche oder der zottelige Sammler und Tuner Magnus Walker, die sich jedoch den etwas jüngeren 911ern verschrieben haben.

Tagelange Blecharbeit von Hand

Mit seiner Arbeit sieht sich Emory sehr wohl in der Tradition des Stuttgarter Sportwagenherstellers. "Die Ingenieure haben damals doch auch alle Register gezogen, um das Maximum aus ihren Modellen heraus zu holen", rechtfertigt er sein Treiben. "Ich mache nichts anderes, nur dass ich heute eben ein paar mehr Möglichkeiten habe."

Der Austausch von Fahrwerk, Getriebe und Motoren, das machen Emory und seine knapp zwei Dutzend Mitarbeiter wie am Fließband. Wenn Blechteile gebraucht werden, verwandelt sich der Firmenchef vom Mechaniker in einen Kunsthandwerker und biegt das Aluminium mit Hammer und Holz so, wie er es noch von seinem Großvater gelernt hat. Der alte Herr hat ihm sein Werkzeug vererbt, viele Maschinen in der pieksauberen Werkstatt sind schon 60, 70 Jahre alt.

Selbst die Lüftungsschlitze für den Motor treibt er dann von Hand ins Blech und streicht immer wieder mit den Fingerkuppen darüber, bis endlich ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht huscht. Das kostet Zeit, räumt Emory ein. Wenn er allein tagelang an einem Kotflügel dengelt, dann kann die Fertigung eines kompletten Autos schon mal zwölf bis 18 Monate dauern.

Es grollt nicht nur der Motor, sondern auch eingefleischte Fans

Und Zeit ist Geld: Unter 200.000 Dollar ist bei ihm kaum was zu machen und Preise von 450.000 Dollar sind keine Seltenheit, sagt Emory, der angeblich bereits 150 Autos umgebaut hat. Aber auch dafür hat er eine gute Ausrede: "Mittlerweile zahlt man ja schon für das Spenderfahrzeug mitunter sechsstellige Beträge."

Obwohl die 356er durchaus ein rares Gut sind, macht er sich um die Zukunft keine Sorgen. "Wenn man nur lange genug sucht, dann findet man noch immer genügend Basisfahrzeuge", sagt Emory und singt ein Loblied auf die sozialen Netzwerke. Dort postet er regelmäßig, was er für Teile oder Modelle sucht, und wird kurz darauf mit Angeboten angeblich überschüttet.

Auch Ärger mit den Ämtern fürchtet er nicht. Daheim in Amerika, wo er die meisten seiner Autos verkauft, verläuft die Zulassung ohne den Schrecken pingeliger TÜV-Prüfer. Und die paar Exporte, die er bislang für Singapur, Italien oder England fertig gemacht hat, sind alle längst auch auf der Straße: "Weil mein jüngstes Grundfahrzeug von 1973 war, laufen die alle als Oldtimer und haben problemlos eine Zulassung bekommen," erzählt Emory und blendet den dafür mutmaßlich nötigen Papierkrieg der Porsche-Besitzer elegant aus.

Schwierig ist nur sein Verhältnis zu den Porsche-Puristen. Sie können einfach nicht verstehen, wie man die Originale derart verändern, in ihren Augen verschandeln, kann. Emory weiß, dass er mit seiner sehr freien Interpretation bei den Traditionalisten ordentlich aneckt und nennt seine Modelle nicht ohne Grund "Outlaws", Gesetzlose. Und doch ist er mit sich und seiner Arbeit im Reinen. "Erstens haben Tuning und Customizing in meiner Familie mittlerweile mindestens genau so viel Tradition wie der Sportwagenbau in Stuttgart", sagt er. Und zweitens fühlt er sich den Kollegen in Zuffenhausen aufs Engste verbunden. Er weiß, wo er bei seinen Umbauten die Grenzen zu ziehen hat: "Ich würde nichts machen, was sie bei Porsche nicht auch gemacht hätten. Oder zumindest hätten machen können."

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