Rahmenbaukurs So baue ich ein Fahrrad

Fahrradfahren ist kinderleicht. Aber ein Fahrrad bauen? Redakteurin Margret Hucko wollte es wissen und hat sich für einen Rahmenbaukurs angemeldet.

Andreas Müller

Wer sich selber ein Fahrrad bauen möchte, darf nicht zimperlich sein, persönliche Daten preiszugeben. "Kennst du deine Beinlänge?", fragt mich Robert Piontek, Firmeninhaber von Big Forest Frameworks, Spezialist für maßgefertigte Fahrradrahmen aus Potsdam. "Kennst du deine?", kontere ich. Piontek lacht. "Nein, ich weiß aber meine Sitzhöhe."

Ich stehe in einem Keller im Stadtteil Babelsberg. Der Raum ist nicht größer als eine durchschnittliche Studentenbude, nur viel aufgeräumter. An den Wänden hängen Sägen, Fräsmaschinen, Bohrer, Schraubenschlüssel. Dazwischen vergrößerte Fotos, die Piontek beispielsweise beim Löten zeigen oder Nachdrucke historischer Plakate.

Hier, im Souterrain, bauen Laien unter Anleitung ihren eigenen Fahrradrahmen zusammen. Individueller Rahmenbau boomt in der Nische. "Aus zwei Gründen", sagt Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad und Herausgeber des Radkulturmagazins "Fahrstil", das dem Thema "Handmade" eine ganze Ausgabe widmete. "Entweder wollen die Leute etwas Besonderes, das es so auf dem Markt nicht gibt, oder es geht ihnen ums Selbermachen." Rahmenbau als Alternative zum Stricken, Do-it-Yourself (DIY) liegt seit Jahren im Trend. Kurse gibt es von verschiedenen Anbietern in verschiedenen deutschen Städten, nicht nur für Rahmenbau, im Prinzip für alles rund ums Fahrrad.

Der Lehrer ist Doktor der Astrophysik

Pionteks Kunden sind im Durchschnitt zwischen 30 und 55 Jahre alt, männlich, viele von ihnen Ingenieure, aber mit Schreibtisch-Job. Manche bringen ihre Söhne und Töchter mit, Paare oder Frauen besuchten ihn in seiner Werkstatt ebenfalls zum Löten und Sägen, berichtet der gebürtige Amerikaner. Insgesamt nehmen etwa 30 bis 40 Fahrradfans jährlich an seinen Kursen teil.

Piontek, 42 Jahre alt, schlank und bärtig, ist eigentlich Doktor der Astrophysik. Er studierte an der Universität Maryland, wo er seine Frau kennenlernte - eine Deutsche. 2005 zogen sie zusammen in ihre Heimat, er jobbte als Hochzeitsfotograf, arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität und suchte nach Etwas, womit er sich selbstständig machen konnte.

Sein Vater, ein Ingenieur bei Ford in Dearborn, Michigan, hatte in seiner Garage Supersportwagen gebaut. Als Jugendlicher half er ihm dabei, "daher hatte ich Erfahrung mit Metallarbeiten". Hinzu kam eine Leidenschaft für Fahrräder. "Also beschloss ich, mein eigenes Fahrrad zu bauen." Er flog für zwei Monate zu seinen Eltern in die USA, bediente sich im Werkzeugkasten seines Vaters und fummelte mit Hilfe eines Buches ("Lugged Bicycle Frame Construction, a Manual for the first Time Builder") sein erstes Fahrrad zusammen. Bis zu seinem aktuellen Job, Laien in die Kunst des Rahmenbaus einzuführen, war es dann nicht mehr weit.

Aus diesen Rohren besteht ein Fahrradrahmen
SPIEGEL ONLINE

Aus diesen Rohren besteht ein Fahrradrahmen

Pro Monat baut er etwa ein Bike als Auftragsarbeit und eine Weile überlegte er, ausschließlich mit handgefertigten Fahrrädern seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch er entschied sich dagegen: Sein Rahmenbau-Workshop hat gegenüber einer Bike-Manufaktur aus Pionteks Sicht einen gravierenden Vorteil: "Es gibt keinen Wettbewerb aus China."

Was bitteschön sind Muffen?

Die meisten Kunden finden Piontek übers Internet, wo er seine Kurse für 1290 bis 2890 Euro anbietet - je nachdem, für welches Rad sich die Kunden entscheiden. Auch ich informierte mich dort. "Gemufftes Rennrad" steht dort als Überschrift zu einem Kurs. Muffel kenne ich zu genüge (Morgenmuffel, Frühstücksmuffel,....), aber Muffen? Google verrät mir, dass Muffen Verbindungsstücke für Rohre sind und im Rahmenbau hilfreich für blutige Anfänger. Ich entscheide mich, ein "gemufftes" Rad zu bauen. Nicht, weil ich davon hundertprozentig überzeugt bin, sondern eher, weil ich die Messlatte für mein DIY-Projekt ungern unnötig hoch legen möchte. Einen muffenlosen Rahmen zu bauen "braucht mehr Übung", heißt es auf der Internetseite von Piontek.

Bevor ich überhaupt ein Werkzeug in die Hand nehme, legt mir Piontek einen Haftungsausschluss vor. "Es ist noch nie etwas Schlimmes passiert", tröstet mich der 42-Jährige prophylaktisch. Aber er will weder für meine etwaigen Verbrennungen aufkommen, noch für einen verkorksten Rahmen - verständlich. Ich unterschreibe und komme mir dabei vor wie bei einer OP. Kann es jetzt endlich losgehen?

Ja, aber nur mit einem Fragenkatalog. Statt Stahl zu sägen, heißt es Fragen abarbeiten.

Piontek: Was für ein Fahrrad soll es werden? Ein Fixie? Ein Singlespeed?

Ich: Singlespeed.

Piontek: Bremsen?

Ich: Bremsen wären gut. (Erst spät bemerke ich meine Naivität).

Piontek (lacht): Ich meine, Rennradbremsen oder V-Bremsen?

Schon jetzt fühle ich mich leicht überfordert und rette mich mit einer Gegenfrage.

Ich: Was ist denn besser für breitere Reifen und Schutzbleche?

Piontek: V-Bremsen, das passt dann besser. Was für ein Lenker?

Ich: Gerne einen geraden.

Piontek schreibt mit. Steuersatz ahead?, fragt er.

Puh, ich verstehe gar nichts mehr.

Piontek: Soll dein Rad klassisch oder modern aussehen?

Ich: Modern.

Piontek: Wie groß bist du?

Ich: 1,67 Meter.

Piontek: Wie willst du sitzen?

(Was für eine Frage?)

Ich: Bequem natürlich. Etwas aufrecht.

Langsam wird es mir zu viel. Eine Datenkrake wie Google ist nichts gegen die Abfrage vor einem Rahmenbaukurs.

Auf dem Bildschirm wird mein Fahrrad Realität

Unter seiner Werkbank zieht Piontek einen Fahrrad-Dummy hervor, auf dem ich Platz nehme. An dem Bike lässt sich alles verstellen, die Einstellungen und alle meine Angaben landen in einem Computerprogramm mit dem Namen "Bike Cad Pro", mit dem nun ein erstes Modell entworfen wird. Es ist fast so ergreifend wie das erste Ultraschallbild des eigenen Babys. Mein erstes selbstgefertigtes Fahrrad nach Maß erscheint mir bereits jetzt - wo es nur im Rechner existiert - wie ein Teil von mir. Immerhin bestimmt mein Körper, wie es später einmal aussehen wird.

Der Abstand von Oberrohr bis Boden ist zu groß, sagt Piontek. Stimmt mit meinem Kind etwas nicht? "Wenn das Oberrohr leicht abfällt, wird es besser", berät Piontek. Ich nicke und willige ein. Der Bildschirm zeigt nun mein Rad, wie es in wenigen Tagen aussehen könnte. "Jetzt müssen wir gucken, welche Muffen passen." Doch bevor es an die Materialauswahl geht, brauche ich eine kleine Pause.

Der Text ist der erste Teil einer vierteiligen Serie. Im nächsten Teil wählt Margret Hucko Muffen und Stahlrohre aus und berichtet über die ersten Arbeitsschritte.

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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
brux 15.10.2017
1. Na ja
Alte Rennradrahmen lassen sich leicht finden. Das Rad dann mit Komponenten neu aufzubauen, ist Spass genug. Die total entfremdeten Stadtmenschen müssen wohl immer übertreiben. Warum nicht gleich die Stahlrohre selbst ziehen oder besser noch das Erz selbst verhütten?
solna 15.10.2017
2. Brux hat recht
Kommentar 1 ('brux') hat Recht: Komplett überdreht. Lieber 20 alte Rahmen als ein handvermessener Selbstbau, zumal auch beim Rad der Weg zur Schmerzvermeidung nur über dauernden Wechsel geht: wer in immer gleicher Haltung fährt, auch wenn sie bestens vermessen ist, wird irgendwann einmal Probleme bekommen. Oder sitzt Ihr zuhause immer auf demselben Stuhl? Stadtrad, Hollandrad, Rennrad, Minirad. Gebt euch Variationsmöglichkeiten. Der Hintern mag das. Besonders dreist ist es, dass sogenannte Bike-Fitting-Anbieter aus dem Missstand des unbequemen Sitzens übermäßig viel Kapital schlagen. Schlappe 345 Euro verlangt die Firma R.* für ihr 'Expert-Paket'. Wann haben Sie das letzte Mal ein Auto gekauft, um für 345 Euro zu erfahren, wie Sie sich den Sitz richtig einstellen? Der Himmel helfe den armen Menschen, die tatsächlich zum Bike-Fitter gehen.
Phi-Kappa 15.10.2017
3. Mecker, mecker...
Zitat von bruxAlte Rennradrahmen lassen sich leicht finden. Das Rad dann mit Komponenten neu aufzubauen, ist Spass genug. Die total entfremdeten Stadtmenschen müssen wohl immer übertreiben. Warum nicht gleich die Stahlrohre selbst ziehen oder besser noch das Erz selbst verhütten?
Lass doch die Leute nach ihrer Fasson selig werden. Muss ja nicht jede(r) genau so ticken wie du!
Supertramp 15.10.2017
4. Rahmen Brüche vorprogrammiert
laien sollten so was nicht
stepanus34 15.10.2017
5. Ich find's super.
Heute wird Geld für soviel Sch*** ausgegeben - hier dagegen wird gewerkelt, dazugelernt, man (oder Frau) hat was im selbstgemachtes in der Hand hinterher. Gut.
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