Abgefahren: Auf zur Allgäu-Orient-Rallye

Rallye Allgäu-Orient: Rasen für einen guten Zweck Fotos
minibaijan.com

Mit drei alten Minis nach Aserbaidschan - kann das funktionieren? SPIEGEL-ONLINE-Autor Paul-Janosch Ersing will es wissen. Er startet mit fünf Gleichgesinnten zur Allgäu-Orient Rally - und berichtet dann live vom Fahrersitz.

Den ganzen Tag in einem alten Auto sitzen und Kilometer schrubben, zwei Wochen lang: Das klingt nicht gerade nach Erholungsurlaub. Trotzdem melden sich jedes Jahr viele Interessenten für eine Teilnahme an der Allgäu- Orient-Rallye. Die 100 Startnummern für dieses Jahr waren am 7. Juli 2011 mitten in der Nacht um 3:33 Uhr nach zwei Sekunden vergeben. Das ist neuer Rekord.

Die Entstehungsgeschichte der nicht ganz so verbissenen Rallye: 2006 fuhr eine Handvoll abenteuerlustiger Allgäuer zu Freunden nach Amman - vor Ort wurden die Gebrauchtwagen für einen guten Zweck gespendet. In den Folgejahren wuchs die Zahl der Teilnehmer stetig, der Erlös kam verschiedenen Hilfsprojekten zugute.

Die Idee hinter der Rallye ist noch immer die gleiche, allerdings begeben sich in diesem Jahr mehr als 300 gebrauchte Autos auf die rund 5000 Kilometer lange Strecke vom Allgäu in den Orient. Die Regeln sind einfach: Weniger als 1111,11 Euro müssen die teilnehmenden Wagen wert sein oder älter als 20 Jahre alt. Die Autobahnnutzung ist ebenso untersagt wie die Hilfe vom Navigationsgerät.

Aufgrund der politischen Unruhen in Syrien, die eine Durchfahrt unmöglich machen, hat die Rallye 2012 ein neues Ziel: Anstatt nach Jordanien geht es nach Aserbaidschan in die Hauptstadt Baku.

So etwas macht man nur ein Mal im Leben - eigentlich

Vor zwei Jahren bin ich schon ein Mal in den Orient gefahren. Nach der Zielankunft in Amman habe ich mir gesagt: So ein Abenteuer macht man nur ein Mal im Leben. Doch dann kam im November letzten Jahres völlig unerwartet die Anfrage, ob ich es nochmal tun würde. Meine scherzhafte Antwort: Eigentlich nicht, höchstens in einem originalen Mini. Ein paar Tage später war klar: Ich fahre nach Baku. Alles, was ich brauchte, war ein verrücktes Team und drei gebrauchte Minis.

Ich merkte schnell: Fünf abenteuerlustige Mitfahrer sind schneller gefunden als drei geeignete Fahrzeuge. Die erste Trefferliste im Internet zeigte 17 Minis an, die aber entweder viel zu teuer oder meilenweit entfernt von einem halbwegs fahrbereiten Zustand waren. Erst die Ausweitung des Suchradius liefert ein interessantes Ergebnis: Ein liebevoll aufgemotzter roter Mini MK II mit Union-Jack-Flagge auf dem Dach stand in der Nähe von Leipzig bei einem Hinterhofhändler.

Inkontinenz im Motorraum

Vor der Fahrt nach Sachsen wurden einschlägige Mini-Foren gesichtet und Bekannte mit Mini-Erfahrung abtelefoniert. "Leichte Undichtigkeiten sind bei englischen Motoren normal, es sollte aber nicht tropfen", lasen wir in einer Kaufberatung. Ein guter Freund meinte nur: "Wer einen Mini fährt, sollte eine eigene Werkstatt haben." Das konnte ja heiter werden.

Die kurze Probefahrt mit dem Mini verlief überraschend unspektakulär. Der Vergaser-Motor mit 998 ccm Hubraum klang kernig, alle vier Gänge ließen sich sauber durchschalten. Gut, 41 PS sind nicht die Welt, aber was soll's: Der Preis stimmte, der Wagen war gekauft.

Nach 21 Kilometern fand die Überführungsfahrt nach Süddeutschland allerdings ein jähes Ende. Plötzlich klang der Mini gar nicht mehr gut, der Motor nahm im vierten Gang kein Gas an. Aus dem Auspuff kam weißer Dampf. Spontandiagnose: Die Zylinderkopfdichtung ist durch. Jetzt wussten wir auch, warum bei dem Mini gleich ein Ersatzmotor mit dabei war. Der stand allerdings noch bei dem Gebrauchtwagenhändler.

Zeit für Reparaturen

Der Meister der örtlichen Werkstatt, zu der es der Mini gerade noch aus eigener Kraft schaffte, bestätigte derweil unsere Vorahnung: Motorschaden. Während sich jeder halbwegs normale Gebrauchtwagenkäufer schwarz ärgern würde, dachten wir: Gut, dass uns so etwas schon vor dem Rallye-Start passiert. Noch blieb genug Zeit für umfangreiche Reparaturen. Drei Wochen später war der Motor getauscht, und der Mini wurde im Alltag bewegt.

Ein zweiter Mini (53 PS, Einspritzer) wurde in der Nähe von Köln gekauft, von privat. Den dritten (41 PS, Vergaser) fanden wir durch Zufall bei einem Import-Export- Autohändler bei Stuttgart. Jetzt begann die Zeit des Schraubens: Bremsen überholen, Ventile einstellen, Elektrik prüfen, neue Reifen montieren. Mit Blick auf die zu erwartenden Straßenverhältnisse Richtung Baku pochten wir auf eine Höherlegung - vier Zentimeter mehr Bodenfreiheit können unterwegs entscheidend sein.

Mindestens genauso entscheidend wie eine funktionierende Technik ist auf so einer Rallye der Langstreckenkomfort an Bord. Dass zwei der Team-Mitglieder die 1,90-Meter-Marke erreichen, machte die Sache nicht leichter. Sitzschienenverlängerungen mussten her, 20 Euro das Paar. Und weil die Serienscheinwerfer des Minis nicht gerade viel Licht spenden, entschieden wir uns für die Montage von zusätzlichen Lampen. Damit sahen die drei Minis dann fast aus wie echte Rallye-Autos.

Und dann war da noch die Sache mit dem Platzangebot. Zwei Personen pro Fahrzeug samt Gepäck, Proviant, Werkzeug, Motoröl und Ersatzräder. Obwohl der Mini - wenn man die minimalistische Grundfläche von 4,26 Quadratmetern berücksichtigt - ein echtes Raumwunder ist, sollte man beim Packen etwas Tetris- Erfahrung mitbringen. Die Idee mit Gepäckträgern und Aluboxen auf dem Dach führte beim gesamten Team zu erleichterten Gesichtern. Der kleine Kraftstofftank (35 Liter) wird zu häufigen Tankstopps zwingen, was uns die Möglichkeit zu etwas Gymnastik an der Tankstelle verschafft.

Während der Vorbereitungszeit auf die Rallye bewies der britische Klassiker eindrucksvoll, dass er auch zwölf Jahre nach dem Produktionsstopp noch ein echter Sympathieträger ist: Sobald wir auf der Straße an einem der Fahrzeuge hantierten,

blieben Passanten stehen und suchten das Gespräch. "So einen hatte ich auch mal, heute hätte ich ihn gerne wieder", sagt eine Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschob. Ob sie uns den Roten nicht für 2500 Euro abkaufen könne? - Wir winkten ab. Dass es sich bei der Allgäu-Orient-Rallye um eine Einweg-Veranstaltung handelt und die Minis tatsächlich am Kaspischen Meer bleiben werden, glaubt uns aber irgendwie niemand. Man hält es wohl für britischen Humor.

Ob wir tatsächlich mit drei Autos dort ankommen und was uns auf dem Weg dorhin passiert, können Sie ab Samstag, den 28. 4. beim Facebook-Auftritt von SPIEGEL ONLINE Auto verfolgen. Dort berichten wir jeden Tag in Bild und Text vom Fortgang der Rally. Werden Sie also Fan und fiebern Sie mit!

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spon-facebook-10000136316 27.04.2012
Wir wünschen Euch eine aufregenden und lustige Rallye. Kommt Gesund wieder. Wir "die zu Hause gebliebenen" freuen uns auf Eure spannende Berichte. Inshallah Gummi Arabicum
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    Paul-Janosch Ersing, 30, ist freier Journalist und lebt in Tübingen. Gemeinsam mit TV-Moderator Andreas Jancke betreibt er das Independent-Videoblog www.temporama.de. Über die Allgäu-Orient-Rallye 2012 berichtet er auf www.minibaijan.com und täglich live auf der Facebook-Seite von "SPIEGEL ONLINE Auto".

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