Rallye-Audi S1 EKS WRX quattro Einmal die Sau rauslassen

Sprintrennen im Kleinwagen, Blech an Blech, mit 580 PS und Allradantrieb - das ist Rallye-Cross. Doch die PS-Monster sind nur schwer zu bändigen - wie Roland Löwisch am Steuer des Audi S1 EKS WRX quattro erfahren durfte.

Audi

Es klingt eigentlich wie der Traum eines jeden Möchtegernrennfahrers: 580 PS, Allradantrieb und eine Piste. Dass meine Nacht davor dann doch recht unruhig war, lag - ehrlich gesagt - an 580 PS, Allradantrieb und einer Piste.

Ich soll einen Rallye-Cross-Wagen fahren über eine Strecke, die ich bis dato nicht kenne. Sie ist 1,294 Kilometer lang, besteht zu 60 Prozent aus Asphalt und zu 40 Prozent aus Schotter und liegt auf der Bikernieki National Sport Base nahe Riga. Es gibt weniger Auslaufzonen als auf der legendären Nürburgring-Nordschleife, gespickt mit vielen unverrückbaren Betonbarrieren und drei Hügeln. Profis springen an den künstlichen Kuppen bis zu 30 Meter weit, für eine komplette Runde brauchen die besten keine 50 Sekunden.

Der Testwagen ist ein Audi S1 in unschuldigem Rosa. Dabei hat das Fahrzeug nicht nur weit mehr Kraft als ein Rennwagen der Deutschen Tourenmeisterschaft (DTM), sondern ist die neueste Ausführung des Audi S1 EKS WRX, die DTM-Profi Nico Müller fährt, wenn er Gaststarts im Rallye-Cross absolviert. Diese extrem kurzweilige und kontaktfreudige Motorsportart erfreut sich weltweit zunehmender Beliebtheit.

So funktioniert Rallye-Cross (RC)
Wann wurde Rallye-Cross erfunden?
Rallye-Cross wurde 1967 in England erfunden - ursprünglich fürs Fernsehen als Pausenclowneinlage, setzte sich dort aber aufgrund der großen Popularität rasch durch. Lange wurde diese Art von Kontaktmotorsport nicht ernst genommen. Erst seit 2014 existiert eine FIA-RC-Weltmeisterschaft.
Wie läuft eine Meisterschaft ab?
Eine Saison besteht aus zwölf Rennwochenenden, von denen der Großteil in Europa stattfindet. Der kürzeste Track ist nur 952 Meter lang, der längste gut 1,3 Kilometer. Es werden in vier Qualifikationsrennen immer vier Runden gefahren, im Halbfinale und Finale je sechs Runden. Die jeweils zwölf Punktbesten treten in zwei Halbfinals gegeneinander an. Ins Finale kommen die sechs besten Fahrer der Halbfinals. Ansonsten gilt wie überall beim echten Racing: Der Schnellste gewinnt.
Wie sieht die Strecke aus?
Jede Strecke besteht aus einer Mischung aus Asphalt und Schotter. In jedem Rennen ist eine so genannte Joker Lap Pflicht: Innerhalb der vier oder sechs Runden muss jeder Fahrer einmal diesen kurzen alternativen Streckenverlauf benutzen, der die Runde verkürzen oder verlängern kann.
Was genau ist die Joker Lap?
Diese besteht immer (zum Teil) aus Schotter, während der reguläre Weg asphaltiert ist. Das bedeutet: Die Fahrer brauchen in der Joker Lap normalerweise zwei bis drei Sekunden länger. Wann die Joker Lap dran ist, entscheiden nicht die Fahrer, sondern sie bekommen den besten Zeitpunkt von einem "Spotter" über Funk mitgeteilt. Der Beobachter hat den Überblick über das gesamte Rennen. Normale Taktik ist es also, dass der Führende die Joker Lap erst ganz zum Schluss in Angriff nimmt. Wer anfangs hinten fährt, entledigt sich der Aufgabe so früh wie möglich. Wer einen Frühstart verursacht, muss zur Strafe zweimal die Joker Lap fahren.
Welche Rallye-Cross-Klassen gibt es?
Die höchste RC-Klasse bilden die Supercars (bis 600 PS, Zweiliterbenziner, Allrad), gefolgt von den Touring Cars (Zweiliterbenziner, Hinterradantrieb) und den Super 1600 (1,6 Liter Benziner, Frontantrieb). Die vielen, meist rund fünfminütigen Sprintrennen starten nahezu ohne Pause, sodass die Fans bestens unterhalten werden.
Wann startet der nächste RC-Lauf in Deutschland?
Der elfte und vorletzte Lauf der diesjährigen Saison findet vom 13. bis 14. Oktober auf dem Estering bei Buxtehude statt.

Von Weitem sieht der Wagen aus wie ein Kleinwagen, dem Audi Botox gespritzt hat. Mit dem konventionellen A1 teilt sich der Rennwagen das Chassis, die Dachholme und noch die Scheibenwischer - das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Das wegen der Sprünge und der Schotterstrecken recht weich abgestimmte Fahrwerk ist komplett anders. Der Motor stellt 580 PS und 700 Nm maximales Drehmoment allen vier Rädern zur Verfügung, die nur gezügelt werden

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Rallye-Audi S1 EKS WRX quattro: Ein Traum für Möchtegernrennfahrer

durch begrenzten Mut, eingeschränktes Können oder genug Vernunft des Piloten. Das bedeutet: Dem Fahrer hilft keine Elektronik - kein Stabilitätsprogramm, keine Traktionskontrolle, keine Stotterbremse. Nicht mal Servokraft für Lenkung oder Bremse ist vorhanden. Hier ist der Fahrer noch Herr im Plastik - die äußeren Anbauteile des Renners bestehen alle aus Kunststoff und überleben in ihrer Gesamtheit kaum eines der jeweiligen Fünfminutenrennen.

DTM-Profi Nico Müller höchstselbst weiht mich in die Geheimnisse des Autos ein. Es ist gerade erst repariert worden. Beim neunten WRX-Lauf der Saison in Riga war er im Halbfinale gegen eine Barriere geschubst worden und musste mit gebrochener Vorderradaufhängung aufgeben.

Um einen besseren Schwerpunkt zu haben, sitzt man im Vergleich zum Serien-S1 ungefähr im Fußraum der Hinterbänkler. Ganz schön dunkel hier unten, man sieht kaum etwas. Das sequenzielle Getriebe wird durch Druck nach vorne über den fetten Schalthebel geschaltet, nach vorne bedeutet einen Gang hoch, nach hinten runter. Der noch fettere Hebel daneben entkoppelt die Hinterräder vom Allradantrieb und blockiert sie auf Wunsch - so lässt sich ein Zwangsdrift im Renntempo am besten einleiten.

In der Mittelkonsole befinden sich sechs Schalter - die meisten beschäftigen sich mit Motoreinstellungen. Für Laien wie mich: lieber Finger weg. Vor der Windschutzscheibe zeigen LED-Leisten, wann man in den nächsthöheren Gang schalten soll, auf der Lenksäule wiederum befindet sich eine große Anzeige für den gewählten Gang. Im abnehmbaren Lenkrad sind noch vier kleine Knöpfe: Scheibenwischer, Waschwasser, Funk und ALS. Das "Anti Lag System" ist ausschaltbar, dann schont es Antriebsstrang und Auspuff vor Hitze. Unter Last sollte es aktiv sein - dann hält es beim Schalten die Drehzahl hoch, sodass kein Turboloch auftreten kann.

Die Lenkung ist extrem direkt

Um die Kupplung zu schonen, soll ich langsam starten, erklärt mir Müller. Zum Einlegen des ersten Ganges muss die Kupplung getreten werden, dann rollt der Wagen los. Sobald Turbodruck da ist, schießt das Auto nach vorne. Die sehr kurz übersetzten Gänge müssen dann mit Nachdruck und ohne Treten des Kupplungspedals in Windeseile eingelegt werden - da erreiche ich schon die erste Kurve. Dank eines maximalen Drehmoments von 700 Newtonmetern beschleunigen die Profis in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h - das ist schneller als es Supersportwagen vom Schlage eine Lamborghini Aventador SVJ oder eines McLaren Senna können. Dabei ist so ein Rallye-Cross-Auto kein extremes Leichtgewicht - mit Fahrer muss es laut Reglement mindestens 1300 Kilo wiegen.

Die Lenkung ist extrem direkt, und dem guten Rat von Müller, nicht so viel zu schalten, um den "Pink Panther" ruhig zu halten, kann ich nicht nachkommen. Die Profis bremsen und beschleunigen nicht nur, weil sie langsamer oder schneller werden möchten, sondern auch gezielt Last auf die Vorder- oder Hinterachse zu bringen für eine bessere Traktion: "Man muss mit den Lastwechseln spielen. Man muss spüren, wann die Rotation kommt und wann man Gas geben kann", erklärt Müller.

In der Theorie hört sich das gar nicht so schwer an, aber in der Praxis... Müller erklärt weiter, wie ich mit dem Wagen kontrolliert abheben kann: "Vor dem Sprung etwas bremsen, aber nicht beim Take-off. Lieber vor dem Abheben schnell etwas Gas geben, damit die Last nach hinten kommt. In der Luft vom Gas gehen, sonst ist man schnell am Drehzahlbegrenzer. Aber nicht bremsen, das verändert die Flugbahn negativ. Und so flach wie möglich landen - bloß nicht auf der Nase..."

Das rosa Monster kommt auf Regenreifen

Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe. Es ging alles viel zu schnell. Doch das Auto fliegt. Ein erhebendes Gefühl, kontrolliert den Untergrund zu verlassen - bis die nächste Kurve mir viel zu schnell entgegenkommt. Kaum ist diese Aufgabe halbwegs bestanden, fängt es an zu regnen. Die leicht profilierten Rennpneus reagieren sensibel auf Feuchtigkeit, der Wagen fährt sich wie auf Schmierseife. Zwar lässt sich das Auto problemlos driften, doch erstens ist das nicht schnell und zweitens ist die Piste so schmal, dass die Sorge einzuschlagen, trotz Kleinwagenabmessungen groß ist.

Beim Zwangsstopp stellen die Mechaniker das rosa Monster auf Regenreifen. "Die sind super beim Beschleunigen und Bremsen," macht Müller Mut, "nur Seitenführung gibt's nicht viel." Also noch mehr aufpassen. Zwar wird die Fahrt bald flüssiger, weil im Kopf langsam das Streckenlayout sitzt, aber 580 kurz übersetzte PS so schnell wie möglich über nassen Untergrund zu prügeln, öffnet jede Pore.

580 PS, Allradantrieb und eine Piste - sie haben mich noch eine weitere Nacht beschäftigt. Der Traum eines Möchtegernrennfahrers ist in Erfüllung gegangen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Audi
Typ: S1 EKS RX quattro
Motor: Vierzylinder-Turbo
Getriebe: sequenzielles Sechsgang-Getriebe
Antrieb: Allrad
Hubraum: 2.000 ccm
Leistung: 579 PS (426 kW)
Drehmoment: 700 Nm
Von 0 auf 100: 2,5 s
Höchstgeschw.: 210 km/h
Gewicht: 1.300 kg
Maße: 3975/1840/1417 mm


insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
tamna 12.10.2018
1. obwohl in England erfunden...
bleibt es die skandinavische Art des Motorssports. Eine Vielzahl von RX-Rennstrecken in den schwedischen Wäldern und eine Jugend, die ihren Spass daran hat, über den Winter ältere Volvos und Saabs zu RX-Rennwagen aufzurüsten und die Party dann im Sommer steigen zu lassen. Daher sind in der Spitze zu 80 % Schweden und Norweger zu finden. Für die Zuschauer ist alles besser als bei einer mitteleuropäischen Rally...eine Vielzahl von Läufen an einem Tag, Kämpfe Rad an Rad, Lautstärke, Drift, Nähe zur Strecke und den Teilnehmern...das, was dem Rundstreckenrennsport etwas verloren gegangen ist. Dazu noch ein kostenfreier Life-Stream bei Youtube, was will man mehr? Es gab von der FIA die Ansage, ab 2020 auf Elektro-Antrieb umzusatteln...Gott sei Dank haben sich die Skandinavier durchgesetzt und diese hirnrissige Idee gekappt. Da würde niemand hingehen, sich das keiner ansehen...wie bei dieser Show-Veranstaltung der "Formel E"...rennsport ist das nicht.
chrismuc2011 12.10.2018
2.
Damit würde ich auch gerne mal ein paar Runden drehen. Macht bestimmt viiiiieeeel Spaß!
bayerns_bester 12.10.2018
3.
Zitat von tamnableibt es die skandinavische Art des Motorssports. Eine Vielzahl von RX-Rennstrecken in den schwedischen Wäldern und eine Jugend, die ihren Spass daran hat, über den Winter ältere Volvos und Saabs zu RX-Rennwagen aufzurüsten und die Party dann im Sommer steigen zu lassen. Daher sind in der Spitze zu 80 % Schweden und Norweger zu finden. Für die Zuschauer ist alles besser als bei einer mitteleuropäischen Rally...eine Vielzahl von Läufen an einem Tag, Kämpfe Rad an Rad, Lautstärke, Drift, Nähe zur Strecke und den Teilnehmern...das, was dem Rundstreckenrennsport etwas verloren gegangen ist. Dazu noch ein kostenfreier Life-Stream bei Youtube, was will man mehr? Es gab von der FIA die Ansage, ab 2020 auf Elektro-Antrieb umzusatteln...Gott sei Dank haben sich die Skandinavier durchgesetzt und diese hirnrissige Idee gekappt. Da würde niemand hingehen, sich das keiner ansehen...wie bei dieser Show-Veranstaltung der "Formel E"...rennsport ist das nicht.
Motorsport interessiert mich auch nicht ansatzweise und ich habe davon auch überhaupt keine Ahnung. Daher eine ganz ernstgemeinte Frage: Wieso ist die Formel E (bzw. eine Rally mit E Autos) kein "echter" Rennsport? Sind nicht die Geschwindigkeit und die Positionskämpfe maßgeblich? Die gibt's doch mit E Autos auch, oder?
juanmanuelfangio 12.10.2018
4. Vermarkter ohne Konzept
Zitat von tamnableibt es die skandinavische Art des Motorssports. Eine Vielzahl von RX-Rennstrecken in den schwedischen Wäldern und eine Jugend, die ihren Spass daran hat, über den Winter ältere Volvos und Saabs zu RX-Rennwagen aufzurüsten und die Party dann im Sommer steigen zu lassen. Daher sind in der Spitze zu 80 % Schweden und Norweger zu finden. Für die Zuschauer ist alles besser als bei einer mitteleuropäischen Rally...eine Vielzahl von Läufen an einem Tag, Kämpfe Rad an Rad, Lautstärke, Drift, Nähe zur Strecke und den Teilnehmern...das, was dem Rundstreckenrennsport etwas verloren gegangen ist. Dazu noch ein kostenfreier Life-Stream bei Youtube, was will man mehr? Es gab von der FIA die Ansage, ab 2020 auf Elektro-Antrieb umzusatteln...Gott sei Dank haben sich die Skandinavier durchgesetzt und diese hirnrissige Idee gekappt. Da würde niemand hingehen, sich das keiner ansehen...wie bei dieser Show-Veranstaltung der "Formel E"...rennsport ist das nicht.
Stimmt alles, was Sie sagen, bis auf den letzten Absatz: Nicht die Skandinavier haben sich bei der FIA durchgesetzt; es war vielmehr so, dass die FIA verlangt hatte dass sich vier Hersteller mit je vier voll-elektrisch betriebenen Autos für vier Jahre entschließen dabei zu sein. Weil aber der Vermarkter keine schlüssigen Konzepte aufweisen konnte, haben Audi und Ford das Handtuch geworfen – zumindest vorläufig. Volkswagen und Peugeot wollten so oder so mitmachen. Und: Was Formel E betrifft, scheinen leider gar keine Ahnung haben zu wollen. Ist Rennsport vom Feinsten. Sollte man akzeptieren. Auch, wenn's schwerfällt.
P-Schrauber 12.10.2018
5.
Sehr schöner und kurzweiliger Artikel. Sicher keine übliche Sportart* dafür herrlich spannend coller Adrenalin und vor allem noch richtige Fahrer und Autos ohne elektronische Fahrhilfen also Motorsport pur. Elektro hätte dem Spektakel die Geräuschkulisse geraubt und auch die Kosten in unglaubliche Höhen schnellen laasen, ich deneke soagr wegen der Batterietechnik wäre der ökologische Footprint schlechter ausgefallen. Jetzt noch ein Artikel über Motorradtrial ebenso einer der wenigen Motorsportarten wo es noch um Geschick geht und man ohne technische Hilfsmittel in Form von Fahrhilfen gegeneinander antritt selbst die Geschwindikeit ist unerheblich!
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