Radel verpflichtet

Radel verpflichtet Trockenübung

Antton Miettinen / Cafe Du Cycliste

Eigentlich habe ich keine Lust, mich im Sommer mit Regenbekleidung zu befassen. Dieses Jahr ging es nicht anders. Auf der Suche nach dem besten Schutz bin ich wieder dort angekommen, wo ich als Kind schon einmal war.

Vor einigen Wochen habe ich mit Freunden eine Tagestour mit dem Rennrad von Berlin nach Ahrenshoop an der Ostsee unternommen. Wir machen das jedes Jahr. Diesmal war das Wetter leider besonders mies. Als wir losfuhren, regnete es in Strömen. Viel besser sollte es während der ganzen Fahrt nicht werden.

Regenfahrten auf dem Rennrad sind eine besondere Herausforderung. Ohne Schutzbleche regnet es nicht nur von oben, die Reifen schleudern einem das Wasser auch von unten entgegen. Und weil man sich beim Rennradfahren zudem anstrengt, muss die Regenkleidung sehr atmungsaktiv sein. Sonst bleibt man zwar von außen trocken, ist aber von innen schweißnass.

Zum Autor
  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Weil das schlechte Wetter vorhergesagt war, hatte ich mir vor der Tour neue Ausrüstung gekauft: Überzieher für die Schuhe in Signalgelb und eine kurze Regenhose von Vaude. Ein wasserdichtes Gabba-Trikot von Castelli hatte ich noch im Schrank. Es ist angeblich das Trikot der Wahl vieler Profis bei schlechtem Wetter. Was nur den Schluss zulässt, dass Profis entweder selten bei Regen fahren oder abgehärteter sind als ich.

Das Trikot hielt dem Regen eine gute halbe Stunde lang stand, dann war es durch. Die Füßlinge waren nicht viel besser. Erst lief das Wasser an meinen Beinen entlang in die Schuhe, dann sog sich langsam auch der Stoff der Überzieher voll. Schließlich waren Schuhe und Füße so nass, als hätte ich keinen Schutz getragen. Nur die Hose hielt dem Regen stand, immerhin. Nichts ist unangenehmer als eine an sensibler Stelle vom Spritzwasser durchnässte Radlerhose.

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Radel verpflichtet: Die richtige Regenbekleidung zum Radfahren

Für die nächste Ausfahrt im Regen werde ich mir wahrscheinlich Goretex-Überschuhe kaufen. Die waren mir bei meiner ersten Shopping-Tour zu teuer, aber das war wohl am falschen Ende gespart. Nach der Tour hat mir ein Freund seine Regenjacke von Gore Bike Wear geliehen, die angeblich atmungsaktivste Regenjacke auf dem Markt. Sie wiegt gerade mal 100 Gramm und lässt sich problemlos in einer Trikottasche verstauen. Man schwitzt tatsächlich wenig in der Jacke. Ob sie auch im Dauerregen wirklich dicht ist, weiß ich nicht, weil ich sie nur eine halbe Stunde im Regen getragen habe. Die Jacke kostet allerdings stolze 280 Euro.

Das größte Problem: Alltagsfahrten im Regen

Regenfahrten auf dem Rennrad sind ohnehin nicht mein Hauptproblem. Wichtiger ist es, für die Alltagsfahrten in der Stadt eine praktikable Lösung zu finden. Wenn es schon morgens schüttet, ist die Entscheidung leicht. Dann ziehe ich Überschuhe und eine Regenhose aus Plastik an. Da kommt keine Feuchtigkeit durch, weder von außen noch von innen. Für die 15 Kilometer, die ich zur Arbeit pendele, lässt sich das aushalten. Meist ziehe ich dann meine Wanderregenjacke darüber: Die ist etwas schwerer, hält aber schön dicht. Leider nervt die An- und Auszieherei. Und wenn es am Nachmittag nicht mehr regnet, muss ich das ganze Zeug in meiner Satteltasche unterbringen, was auch nicht ideal ist.

Wenn es nicht gerade aus Kübeln gegossen hat, habe ich in den letzten Jahren deswegen eine sehr schöne Jacke der britischen Firma Vulpine getragen, die ein paar Schauer gut abhielt, für stärkeren Regen aber ungeeignet war. Als sie verschlissen war, habe ich mir ein ähnliches Modell von Rapha gekauft, dass sich klein zusammenpacken lässt, aber im Dauerregen ebenfalls überfordert ist. Wirklich befriedigend fand ich diese Lösung deswegen auch nicht. Regenjacken schützen zudem nur den Oberkörper, aber nicht die Beine.

Die Rückkehr des Ponchos

Weil ich mich diesen Sommer leider wirklich oft mit dem Thema Regen beschäftigen musste, fiel mir irgendwann der Regenponcho wieder ein, den ich auf der Berliner Fahrradschau im Frühjahr gekauft, dann aber zunächst nicht gebraucht und daher wieder vergessen hatte. Als Kind hatte ich einen Poncho, war dann aber davon abkommen. Als Jugendlicher fand ich Ponchos extrem uncool.

Heute kann ich das wieder pragmatischer sehen und mit diesem Blick offenbaren sich sofort die Vorteile: Ein Poncho schützt auch die Oberschenkel vor Nässe. Er lässt sich leicht über andere Kleidungsstücke ziehen. Und weil er viel Luft von unten hereinlässt, schwitzt man viel weniger als in Regenjacken und -Hosen. Und man kann auch mal einen Rucksack darunter tragen.

"The People's Poncho", nannte sich das Teil, das ich gekauft hatte. Es war ein schickes, dunkelblaues Regencape aus einem angenehmen Material, das sich klein zusammenfalten ließ. Die 75 Euro fand ich zwar teuer, aber angemessen. Leider sieht der People's Poncho zwar gut aus und hält dicht, hat aber einige Macken. Ich habe einen sehr breiten Lenker an meinem Stadtrad, über den der Poncho gerade so drüber passt. Daher bietet er vorne zu wenig Schutz. Außerdem weht der Wind die Rückseite des Capes manchmal hoch, sodass ich auch hinten Regen abbekomme. Das war alles nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Ich habe dann nachgeholt, was ich von Anfang an hätte tun sollen: Ich habe mich informiert. Schlaufen für die Hände haben fast alle, aber mindestens ebenso wichtig ist ein sogenanntes Hüftband, das verhindert, dass der Poncho im Wind hochflattert. Lang genug sollte er sein, um locker über den Lenker zu passen. Eine verstellbare Kapuze ist ebenfalls hilfreich, damit man auch dann noch gut sieht, wenn man den Kopf dreht. Wasserdicht verschließbare Durchgriffe für die Arme sind kein Muss, aber ein Vorteil. Und für die Sichtbarkeit sind reflektierende Elemente ganz wichtig.

Am Ende habe ich mich für das Modell "Super Praktiko" des bayerischen Spezialisten Hock entschieden. Es kostet knapp 50 Euro, erfüllt alle Kriterien und hat sogar praktische Sichtfenster in der Kapuze. Außerdem lässt er sich in der eigenen Brusttasche verstauen. Die perfekte Lösung? Nicht ganz. Zusammengerollt ist der Poncho größer, als ideal wäre. Und gegen Spritzwasser von unten hilft er auch nicht. Aber er entspricht von allen Varianten, die ich ausprobiert habe, meinen Bedürfnissen am besten. Manchmal sind die traditionellen Lösungen noch immer die besten.



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36 Leserkommentare
worschtsalat 06.09.2017
gerbold 06.09.2017
mlange8801 06.09.2017
schnuppa@schnuppa.de 06.09.2017
Nichtversteher1234 06.09.2017
Kamillo 06.09.2017
AASAA 06.09.2017
fatherted98 06.09.2017
Fläsh 06.09.2017
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varesino 06.09.2017
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Leser161 06.09.2017
AASAA 06.09.2017
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AASAA 06.09.2017
hotel_papa 06.09.2017
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xysvenxy 06.09.2017
Steve B 07.09.2017

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