Rennwagen Mercedes T-80 Rückkehr der 650 km/h-Flunder

Er hätte das schnellste Auto der Welt werden sollen und ist doch keinen Meter gefahren: Nach 80 Jahren hat das Mercedes-Museum den Rekordwagen T-80 restauriert.

Daimler

12 Zylinder mit 44 Liter Hubraum, 3500 PS und bei Vollgas 650 km/h schnell: Der Mercedes T-80 ist zwar schon rund 80 Jahre alt, doch mit Daten wie diesen kann sich der Oldtimer selbst mit aktuellen Supersportwagen wie dem Bugatti Chiron oder dem McLaren Senna messen.

Dumm nur, dass der Silberpfeil diese Fabelwerte nur in der Theorie erreicht hat. Denn ersonnen vom Rennfahrer Hans Stuck, gefördert von Luftwaffengeneral Ernst Udet, abgenickt von Daimler-Chef Wilhelm Kissel und ausgeführt von Entwicklungsingenieur Ferdinand Porsche, sollte der acht Meter lange Einsitzer zwar für Mercedes und das Deutsche Reich den Geschwindigkeitsweltrekord für Landfahrzeuge einfahren. Doch dazu kam es nicht, da Deutschland am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg auslöste.

Fotostrecke

20  Bilder
Rennwagen Mercedes T-80: Das schnellste Auto der Welt, das nie gebaut wurde

"Das Ziel war eine Geschwindigkeit, die zuvor kein Landfahrzeug erreicht hat", erklärt Gert Straub aus der Werkstatt des Mercedes-Museums. Das war umso herausfordernder, als in diesen Jahren britische Fahrer in Daytona Beach und auf den Bonneville Salt Flats immer neue Rekorde aufstellten: Malcolm Campbell erreichte am 3. September 1935 mit "Blue Bird" 484,62 km/h über die fliegende Meile, eine Angabe, die den Mittelwert aus Hin- und Rückfahrt bezeichnet. George Eyston knackte am 19. November 1937 mit "Thunderbolt" die 500-km/h-Marke (502,11 km/h über den fliegenden Kilometer). Und John Cobb legte schließlich am 23. August 1939 mit dem "Railton Special" eine neue Bestmarke von 595,04 km/h über den fliegenden Kilometer vor. Dementsprechend verschob sich die von Stuck geplante Rekordgeschwindigkeit von 550 km/h zunächst auf 600 km/h und schließlich sogar auf bis zu 650 km/h.

Der T-80 wird von Mercedes am 14. und 15. Juli in Goodwood präsentiert

Um dieses Tempo zu schaffen, entschied sich Konstrukteur Porsche für einen Flugmotor von Mercedes-Benz, der mit Methanol auf bis zu 3500 PS gesteigert wurde. Eingebaut wurde er in ein Auto, wie es die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte: Kaum hüfthoch, mit riesigen Heckflossen und sechs Rädern an drei Achsen sollte er im Februar 1940 über ein neues Autobahnstück bei Dessau fliegen. Doch nach dem Kriegsbeginn wurde das Prestigeprojekt gestoppt. Der hinter dem Fahrer eingebaute Motor ging zurück ans Luftfahrtministerium und der Rest des Rennwagens wurde in Stuttgart eingelagert.

Doch nun, am 14./15. Juli, feiert der T-80 ein spätes Comeback - passenderweise in Goodwood beim Festival of Speed. Dort wird er zwar nicht den berühmten Hillclimb hinauf schießen, nicht einmal durch die Boxengasse rollen. Doch Mercedes wird den Wagen dort zeigen, nachdem die Mechaniker aus dem unternehmenseigenen Museum Fahrgestell und Rahmen des Wagens beinahe zwei Jahre restauriert und rekonstruiert haben, die Hülle fehlt.

Rekonstruierter T-80 mit Cockpit
Daimler

Rekonstruierter T-80 mit Cockpit

Aber gerade das macht den Reiz der Restaurierung aus, sagt Straub, der die Arbeiten geleitet und initiiert hat: "Ohne Karosserie bekommt man einen perfekten Eindruck von der Technik, die damals verwendet wurde." Beim Blick auf das Gestell erkennt man die endlosen Dimensionen des Rekordwagens, der 8,24 Meter lang aber nur 1,74 Meter breit ist, der Betrachter erhält eine ziemlich genaue Vorstellung des Aufbaus, sieht das vom Original erhaltene Cockpit und vor allem den bald zwei Meter langen Motor. In diesen kann man sogar hineinschauen. Das beeindruckende Aggregat war als Anschauungsobjekt bereits im Besitz von Daimler, wurde zwischenzeitlich an das Deutsche Museum ausgeliehen und eigens für die Restaurierung wieder zurück beordert.

Es gab keine Konstruktionsskizze

Anfangs waren die Mechaniker natürlich versucht, den Wagen zum Laufen zu bringen, muss Straub eingestehen - zumal es in der Sammlung noch einen nicht restaurierten Flugmotor des gleichen Grundtyps gibt. Doch der Aufwand wäre zu groß gewesen, diesen passend zu machen. Denn der ehemals passende Zwölfzylinder wurde zur damaligen Zeit bereits modifiziert.

In der offiziellen Pressemitteilung verkauft Mercedes den Einsatz des Schnittmotors als bewusste Entscheidung: Er ermögliche "tiefe Einblicke in die Technik und rundet so das Demonstrationsobjekt mit seinem offenen Gitterrohrrahmen als Karosserieunterbau perfekt ab".

Historisches Foto von Fahrgestell mit montiertem Flugmotor
Daimler

Historisches Foto von Fahrgestell mit montiertem Flugmotor

Obwohl es nie darum ging, den Wagen wieder fahrfähig zu machen, war der T-80 für die Museumsmannschaft eine Herausforderung. Knapp 80 Jahre sind an Fahrgestell und Antriebsstrang nicht spurlos vorübergegangen, muss Straub einräumen. Zwar fanden er und seine Mitarbeiter in den Archiven über 500 Zeichnungen und Fotos des Autos, aber nirgendwo eine Konstruktionsskizze. Den Gitterrohrrahmen mussten sie deshalb nach der Methode Pi mal Daumen von der Karosse im Museum ableiten. Und bis sie die riesigen Räder für den Renner gefunden hatten, dauerte es. Er habe ein paar schlaflose Nächte gehabt, erzählt Straub: Die 32-Zoll-Felgen kamen schließlich aus den USA und die dünnen Gummis darauf haben sie aus Traktorreifen geschnitten.

Der T-80 sei nicht fahrbar, heißt es bei Mercedes

Eine Komplettrestaurierung ist allein schon wegen eines fehlenden, passenden Motors so ziemlich ausgeschlossen, der T-80 wird also ein Auto zum Anschauen bleiben. Zwar würde sich bestimmt ein Fahrer finden lassen, aber verantworten könne eine Rekordfahrt mit dem Retro-Renner keiner, so Straub. "Vielleicht sollte man sich damit abfinden, dass der T-80 nicht fahrbar ist. Damals nicht, und heute auch nicht."

Mehr zum Thema


insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zinobln 13.07.2018
1. Wilhelm Kissel
...wer hat eigentlich das NSDAP Abzeichen von diesem SS-Obersturmbannführer Wilhelm Kissel wegretuschiert? Auch diese Firma hat eine sehr braune Vergangenheit...
brooklyner 13.07.2018
2.
Zumindest in seiner äusserlichen absurden Pracht ist der Wagen ja schon mindestens seit den 80ern im alten, wie auch jetzt im neuen (ziemlich sehenswerten) Daimler Museum zu bewundern. Daher stammt auch das Foto oben. Schade, dass er nicht fährt, aber das restaurierte Innenleben unter der Verkleidung ist hoch interessant. Ich hätte da meine Bedenken gehabt, so schnell damit zu fahren, aber ich bin auch kein Rennfahrer. Als vor einigen jahren bei einer Flugschau in Schönefeld plötzlich ein restaurierter Messerschmitt 262 Nazi-Düsenjäger dröhnend abhob, war das schon ein seltsam gruselig-faszinierendes Ereignis, das Teil am Himmel brüllen zu sehen, das man allenfalls aus dem Smithsonian kannte.
topsykrett 13.07.2018
3. @1
@1: Immer erstmal alles schlecht machen, thematisch vollkommen am Artikel vorbei, Hauptsache den ersten Post haben. Abgesehen davon steht die Firma zu Ihrer Vergangenheit, auch zu den schlimmen Momenten. Davon können Sie sich ausführlich im Museum der Firma überzeugen.
Referendumm 13.07.2018
4.
Rennfahrer Hans Stuck konnte letztendlich wohl froh gewesen zu sein, dieses Ding nicht gefahren zu haben. Sieht nicht gerade vertrauenserweckend aus und dann noch diese Daten: 12 Zylinder mit 44 Liter Hubraum, 3500 PS und bei Vollgas 650 km/h schnell. Erinnert mich an den Special Rolls-Royce mit dem Spitfire-Flugzeugmotor, dessen Rückwärtsgang schon theoretisch über 200 km/h ging bzw. geht. Die Karre gibts ja noch. Sieht cool aus. Sowohl der "Blue Bird" als auch der "Thunderbolt" sehen da ein bissl vertrauenserweckender aus. Auch das noch: "sollte er im Februar 1940 über ein neues Autobahnstück bei Dessau fliegen." - wäre kaum gut ausgegangen denke ich. @zinobln: Wie tausende andere deutsche Firmen und vor allem Konzerne auch und wie zehntausende leitende Mitarbeiter auch. Aber danke für diesen entscheidenden Hinweis - käme ja sonst nie einer drauf!
rddr 13.07.2018
5. Kannte ich noch nicht, ...
...deshalb danke für den interessanten Artikel. Was mich stutzig macht ist, dass mit der damaligen Reifentechnologie schon Geschwindigkeiten von mehr als 500 km/h erreicht werden konnten? Ein Bugatti Veyron fährt über 400 und rubbelt seine Reifen nach 50 km dabei runter.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.