Oldtimerkauf per Internet: Mein Schatz, ich komme!
Einen Oldtimer kaufen, wenn man gar keine Ahnung von Autos hat? Das geht. Sogar ungesehen, übers Internet. SPIEGEL-ONLINE-Autorin Annick Eimer reiste per Zug 2000 Kilometer in den Südwesten Frankreichs, um einen Renault R4 zu kaufen - und glücklich damit heimzukehren. Ein Erfahrungsbericht.
"Ich kaufe mir einen R4", kündigte ich meinen Freunden kurz nach Silvester bei einem gemeinsamen Bier in der Kneipe an. "Was, bitte?" "Einen R4, einen Renault". Schweigen. Dann sagte meine Freundin verständnislos: "Ein Auto? Du hast doch ein Auto."
Stimmt. Ich habe ein Auto. Einen Golf. Und der fährt. Aber seit Kindheitstagen träume ich von einem R4. Dieses kleine, eckige Auto mit dem hohen Dach. 4L, "la Quatrelle", nennen die Franzosen ihn.
Früher war Frankreich voll davon. An jeder Straßenecke stand einer. Die Polizei fuhr ihn, der Postbote auch. Und der Klempner und der Dachdecker und der Gemüsehändler. Rund acht Millionen Mal hat der französische Autohersteller Renault den Wagen zwischen 1961 und 1992 verkauft. Ein Bestseller. Ein Auto für die Massen. Billig, einfach, anspruchslos.
Hochmotiviert - und total ahnungslos
Warum sich in meinem Kopf ausgerechnet der Wunsch nach diesem Auto festgesetzt hat, das weiß ich nicht. Eigentlich bin ich in meiner Kindheit nur in einem einzigen R4 mitgefahren. Der gehörte der Mutter einer Freundin, war beige und roch nach Hund. Und er war großartig. Er kam mir vor wie eine riesige Limousine im Vergleich zu dem Polo, den meine Mutter fuhr. Vor allem die Revolverschaltung fand ich einfach nur todschick.
Offensichtlich hatte mich das Erlebnis tief beeindruckt. Meine Freunde allerdings teilten meine Begeisterung nicht. Allenthalben kassierte ich nur Kopfschütteln. "Das ist doch totaler Quatsch." "Die sind doch schon alle weggerostet." Und ein Freund fasste es kurz und knapp zusammen: "Das kannst Du nicht machen. Du hast nämlich gar keine Ahnung von Autos."
Stimmt. Ich habe keine Ahnung von Autos. Die größte Reparaturleistung, die ich je an einem Auto vollbracht habe, war das Wechseln eines Keilriemens unter fachkundiger Anleitung. Einen Oldtimer habe ich noch nie gekauft.
Dank Internet zur R4-Expertin
"Das kann man alles lernen!" habe ich damals meinen Freunden trotzig entgegnet. Und begab mich auf die Suche. Nach einem Auto und nach Lernmaterial. Und tatsächlich erwies sich das Internet als wahre Fundgrube.
In der Oldtimer-Community geizt keiner mit seinem Wissen. Da gibt es großartige Seiten von R4-Liebhabern, die Tücken und die Vorzüge der einzelnen Modelle in klaren Worten schildern. So einfach und präzise, dass selbst ein Grünschnabel, wie ich es einer war, sie verstand.
Ingenieure und Hobbybastler erklären, an welchen Stellen ein bisschen Rost nicht so schlimm ist, und wo er Vorbote der letzten Fahrt zum Schrottplatz ist. Es gibt Dutzende Videos und Bildergalerien, in denen Schrauber akribisch dokumentieren, wie sie ihr Auto erst in Tausende Kleinteile zerlegen, um es dann wieder zusammenzuschrauben. Wie Lego, nur ein bisschen größer.
Theoretisch alles klar
Nach ein paar Wochen, in der ich jede freie Minute auf R4-Seiten im Internet verbracht hatte, fühlte ich mich schon wie ein echter Profi. Ich konnte sämtliche Fachbegriffe im Schlaf. Auf Deutsch und auf Französisch. Ich sah mich nunmehr in der Lage, zu beurteilen, ob ein Wagen den TÜV noch überstehen würde oder nicht.
Nur ein Auto hatte ich immer noch nicht gefunden. Der Grund: In Deutschland gibt es nur noch wenige Exemplare des R4. Und diese wenigen waren meist restauriert, entsprachen nicht meinem Budget und auch nicht meiner romantischen Vorstellung von dem Scheunenfund mit der entzückenden Geschichte dahinter. Auch in Frankreich sieht es ziemlich mau aus - zumindest in den gut erreichbaren Großstädten. Denn nur da suchte ich, denn ich wollte den Wagen ja vor dem Kauf begutachten.
Nach fünf Monaten war ich es leid. Ich weitete meine Suche auf ganz Frankreich aus. Und siehe da: Nach wenigen Tagen sprang er mir aus einem französischen Kleinanzeigenseite entgegen - mein R4. Dunkelblau, ein wenig zerbeult, stand er einsam vor einem Scheunentor. Baujahr 1976, knapp 100.000 Kilometer auf dem Tacho, 900 Euro sollte er kosten. Mir war klar: Dieses Auto musste es sein, dieses, nur dieses.
Ein kurzes Zucken, dann ging es los
Ein Blick auf den Standort ließ mich dann noch einmal kurz zusammenzucken. Corrèze, Südwestfrankreich, fast 2000 Kilometer von meinem Wohnort Hamburg entfernt. Aber ich war wild entschlossen. Die Verkäufer, die ich kurz darauf kontaktierte, gaben sich erst zugeknöpft. Ein älteres Ehepaar, das nicht glauben konnte, dass da jemand aus Hamburg kommen wollte, um ihr Auto zu kaufen.
Nach ein paar Mails erzählten sie mir dann trotzdem die Geschichte des Autos. Monsieur hatte es Anfang der achtziger Jahre der Arztgattin aus dem Nachbarort abgekauft. Seitdem stand es fast das ganze Jahr über in der Scheune des Bauernhofs seiner Eltern. Nur im Sommer, wenn er für ein paar Wochen nach Hause fuhr, um bei der Heuernte zu helfen, wurde der Kleine auf die Straße geholt. "Der hat die richtige Historie," sagten die Oldtimer-Fans, die ich auf meinen Streifzügen durchs Netz kennengelernt hatte, anerkennend.
Wenige Wochen später sah ich ihn zum ersten Mal leibhaftig. Im Nachtzug war ich nach Paris gefahren und von dort aus weiter mit dem Zug in den Süden. Und da stand er vor der Werkstatt, die ihn vor meiner Ankunft noch einmal durchgecheckt hatte. Er war noch schöner anzusehen als auf den Bildern. Monsieur packte alle Ersatzteile, die er über die Jahre in der Scheune gesammelt hatte, in den Kofferraum. Als ich das Steuer übernahm, kullerten ein paar Tränen aus seinen Augen.
Nach Hamburg per Zug
Der Weg in den Norden führte uns erst einmal ganz nach Süden. Bei 40 Grad im Schatten fuhren wir glücklich nach Narbonne, von wo aus der Autoreisezug uns am nächsten Tag nach Hamburg bringen sollte. Die Revolverschaltung und die Handbremse links unten unter dem Lenkrad brachten mich anfangs noch ins Schwitzen. Nach ein paar Kilometern im Fahrtwind, der durch die Kippfenster zog, war ich aber wieder Herr der Lage. Und stolz. Sogar in Frankreich erregten wir viel Aufsehen. "Qu'elle est belle, cette Quatrelle!" riefen die Leute auf der Straße. Und auf der Autobahn überholten uns andere Fahrer im Schneckentempo, um zu winken und anerkennend den Daumen zu heben.
Mittlerweile wartet la Quatrelle im Winterquartier. Sie hat TÜV und ein Oldtimer-Kennzeichen. Nur ein durchgerosteter Kotflügel musste erneuert werden. Im Frühjahr steht die Entfernung der Teerfarbe an, mit der Monsieur den Unterboden verkleistert hat. Und ich bin wieder auf Streifzug durchs Netz, um mir das nötige Wissen für dieses Projekt anzueignen.
Sie wollen sich auch einen Oldtimer zulegen? Dann gibt es einiges, worauf Sie achten sollten. Die wichtigsten Tipps und Tricks finden Sie hier.
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