Kultur der Reparatur "Ich genieße es, unter einem Auto zu liegen"

Wolfgang Heckl plädiert für eine neue Kultur der Reparatur. Hier erklärt der leidenschaftliche Auto-Schrauber, wieso Bewahren hip ist - und warum selbst Mechatroniker einen Vergaser zerlegen sollten.

privat

Ein Interview von Haiko Prengel


SPIEGEL ONLINE: Herr Heckl, wann haben Sie zuletzt etwas an Ihrem Auto repariert?

Heckl: Neulich habe ich die Bremszylinder an meinem alten Fiat Campagnola gewechselt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Oldtimer-Fahrer?

Zur Person
    Wolfgang M. Heckl ist Physiker und seit 2004 Generaldirektor des Deutschen Museums in München. In seinem Buch "Die Kultur der Reparatur" kritisiert er die moderne Wegwerfgesellschaft. Um Ressourcen zu schonen, plädiert er für mehr Wertschätzung der Dinge und eine Rückkehr zum leidenschaftlichen Reparieren. In seiner Freizeit schraubt Heckl gerne an seinem Oldtimer.
Heckl: Ja, mein Schätzchen ist Baujahr 1970. Der Fiat Campagnola war so etwas wie der italienische Jeep, in Deutschland gibt es den nur noch 10, 15 Mal. Bei meinem steht nächsten Monat die Hauptuntersuchung an. Da muss ich bald mal schauen, ob alles in Ordnung ist: Batterie, Zündung, Lenkung und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Warum bringen Sie Ihr Auto nicht einfach in die Werkstatt wie andere Leute auch?

Heckl: Ich will doch was lernen. Das ist ja der Sinn am Schrauben: verstehen wie die Welt funktioniert. Bei meinem Fiat saß der Bremszylinder fest. Also habe ich ihn ausgebaut und wieder in Gang gebracht. Ich genieße es einfach, unter einem Auto zu liegen. Wer sich die Hände nicht ölig gemacht hat, sollte niemals Mechatronik studieren.

SPIEGEL ONLINE: Den Kfz-Mechatronikern wird ja nachgesagt, dass sie nicht einmal mehr einen Vergaser einstellen können. In den Werkstätten werden ja nur noch Steuergeräte mit dem Laptop ausgelesen.

Heckl: Ja, das ist schade. Doch man muss realistisch sein: Bei modernen Autos ist so viel Elektronik verbaut - da es ist es kein Wunder, dass ein Laie wie ich oder Sie nichts mehr am Fahrzeug reparieren können. Umso wichtiger ist es, die alte Automobilkultur zu verstehen und zu bewahren. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass unsere jungen Mechatronik-Studenten die Lösungen für Probleme moderner Fahrzeuge finden können.

SPIEGEL ONLINE: Die Lösung sieht heute meist so aus, dass man defekte Teile lieber gleich austauscht, anstatt sie zu reparieren.

Heckl: Ja diesen Trend gibt es. Deshalb werden die Autos von heute auch keine Oldtimer werden. Denn sie sind so mit Elektronik und Software vollgestopft, für die es in 30, 40 Jahren keine Updates geben wird - selbst wenn das Fahrzeug selbst, also gewissermaßen die Hardware, noch funktioniert. Alte Autos können Sie schweißen, wenn irgendwo das Blech durchgerostet ist. Aber die Software moderner Autos bekommen sie früher oder später nicht mehr in den Griff.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Autos landen sofort auf dem Müll? Das ist aber nicht besonders nachhaltig.

Heckl: Deshalb sollten die jungen Ingenieure möglichst schon in der Ausbildung lernen, was die Basics sind. Das ist wie in der Physik: Wenn Sie nicht den Galilei verstanden haben, dann werden Sie Einstein nie verstehen. Genauso ist es in der Automobilkultur. Natürlich können wir unsere Erwartungen an die heutige Mobilität nicht mit Oldtimern erfüllen. Aber an ihnen kann ich prima lernen. Ich denke da zum Beispiel an mein Bianchi Aquilotto, ein Fahrrad mit Hilfsmotor von 1942.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man da lernen?

Heckl: Da habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert. Denn ich habe ihn zerlegt. Deshalb sage ich nicht, dass jeder mit einem Bianchi Aquilotto herumfahren muss. Aber ich würde mir mehr Hochachtung vor der technischen Leistung wünschen - auch der unserer Vorfahren.

SPIEGEL ONLINE: Dann muss die Abwrackprämie ja ein Irrsinn gewesen sein. Da wurden tausende funktionstüchtige Gebrauchtwagen verschrottet.

Heckl: Irrsinn ist ein starkes Wort. Die Abwrackprämie hat in einer schwierigen Zeit die Automobilindustrie angekurbelt. Aber aus Sicht der Ressourcen, die wir damit vernichtet haben, kann man das Programm durchaus infrage stellen. Konjunktur hin oder her: Wir müssen uns überlegen, wie wir in Zukunft leben möchten. Das ist ja auch die Frage, die letztlich hinter der Reparatur-Kultur steht. Es geht um mehr Achtsamkeit gegenüber den Dingen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Autos denn früher repariert?

Heckl: Früher gab es auch schon Werkstätten, aber die Leute haben sich selbst mehr zugetraut. Es gab eine Bücher-Reihe mit dem Titel "Jetzt helfe ich mir selbst". Das waren Reparatur-Anleitungen für alle möglichen Fahrzeugtypen. Diese Reihe war sehr erfolgreich, ich habe sie als Jugendlicher auch gesammelt.

SPIEGEL ONLINE: Die Scheinwerfer älterer Autos konnte man im Zweifelsfall mit Austauschbirnen aus dem Baumarkt auf dem Kundenparkplatz desselbigen selbst reparieren. Heute muss man mit einem defekten Abblendlicht in die Werkstatt, weil oft die ganze Fahrzeugfront zum Tausch abgenommen werden muss.

Heckl: Das ist aber auch dem technischen Fortschritt geschuldet. Bald werden unsere Autos autonom fahren. Das werden höchst komplizierte, digitaltechnische Geräte sein. Da kann man nicht erwarten, dass dort noch auf einfache Art repariert oder gebastelt werden kann. Features wie Fahrer-Assistenzsysteme haben großartige Vorteile. Das habe ich selbst bei meinem Dienstwagen gesehen: Einmal wäre ich auf der Autobahn beinahe aufgefahren, vielleicht hatte ich zu spät gebremst. Aber da merkte ich, dass das Auto schon rechtzeitig vor mir gebremst hatte. Das ist schon etwas etwas Tolles.

SPIEGEL ONLINE: Was können wir denn noch selber reparieren?

Heckl: Eine ganze Menge. Schauen Sie sich die Repair Cafés an, die es mittlerweile in fast jeder größeren Stadt gibt. Dort kommen die Menschen zusammen und schrauben gemeinsam an alten Plattenspielern oder Toastern. Das hat eine Sozialisierung und eine neue Wertschätzung für Ressourcen geschaffen, die auf unserer Erde eben begrenzt sind.

SPIEGEL ONLINE: Kann man auch mit seinem kaputten Auto zum Repair Café?

Heckl: Solche Angebote gibt es meines Wissens noch nicht. Aber vielleicht ist das auch gut so: Am Auto gibt es viele sicherheitsrelevante Bauteile - da sollte man die Reparatur besser Profis überlassen.

SPIEGEL ONLINE: Hauptsache, es wird überhaupt noch repariert?

Heckl: Genau. Die Wertschätzung ist doch der Beginn dessen, dass ich die Dinge nicht gleich wegwerfe, wenn sie kaputtgehen. Und Reparatur ist sozusagen die Vorstufe von Recycling. Schauen Sie sich die Natur an: Dort wird zu 100 Prozent atomar und molekular recycelt. Unser Körper würde keine Minute lang überleben, wenn nicht ständig recycelt würde.

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insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
mjuuzhhhzz 24.02.2016
1. Selbsthilfewerkstatt
Gibts für Autos. Da sind auch fachkundige kfz Mechaniker vor Ort
neutron76 24.02.2016
2. Nachhaltigkeit
Es ist schon frustrirend, wenn man Leuten versucht zu erklären, dass sie sich ihren fast tugendhaften Verzicht auf Plastiktüten sparen können, wenn sie ihr altes Auto ein Stück länger fahren würden. Selber Schrauben ist ohnehin absurd, wenn schon keiner mehr Lust seine Sommerreifem im Keller zu lagern, wenn es für "nur 35€" jemand anderes macht. Uns geht es einfach zu gut.
ferdi111 24.02.2016
3. Schöner Artikel..
Bei mir zu Hause mache ich deshalb auch alles selber. selbstgebaute Dusche, Solaranlage selbst gebaut etc. Das tolle ist, ich kann alles so einrichten, dass ich alles selber reparieren kann. Es ist nämlich kein Unterschied, ob das Wasser von einem 100 Liter high-dreck Gerät oder von einem 1000 Watt Tauchsieder mit automatischer Sicherung in einer alten Ikeaspüle erwärmt worden ist. Und mein Auto ist 23 Jahre alt. Vor kurzem habe ich den Auto-Schlüssel eingesperrt: Der Mann beim Schutzbrief-Telefon..." also ich sags gleich, wenn Sie ein neues Auto haben, dann hilft nur noch Scheibe einschlagen..."! Da war ich wieder mal froh, eine alte Schüssel zu fahren, die nicht nur gut zu reparieren ist, sondern auch noch mit 5,5 Liter so manche high-dreck Kutsche in den Schatten stellt!
transparenz_&_Anti-Korrup 24.02.2016
4. nette Idee, aber auch sinnvoll?
Ich fände es besser, Technik, also Autos aber auch Geräte im Haushalt so zu konstruieren, dass sie sich gut recyceln lassen. Denn nicht jeder hat zeit und oder Geschick zum reparieren.
mazzmazz 24.02.2016
5. Ergänzend hätte der Autor noch...
...Informationen liefern können dazu, wie lange ein neues Auto fahren muss, um über die (ohnehin nur vermeintliche) Spriteinsparung und seine geringeren Emissionen seine Herstellkosten zu amortisieren. Im Vergleich zur Weiternutzung des alten Fahrzeuges. Man wird igrendwo bei 50.000 - 200.000 Km landen, je nach Modell und Spritsparpotenzial. Wie lange benötigt der deutsche Normalfahrer für einen realistischen Mittelwert von 80.000 Km? 15.000 Km p.a. vorausgesetzt, ist er mit seinem alten Wagen noch besser gut 5 Jahre untwerwegs und wechselt dann erst. Spricht er "überspringt" besser einen Neuwagenkauf und pflegt sein altes Auto. Auch an modernen Autos kann man übrigens noch einiges selbst erledigen. Reifenwechsel, Fahrwerk, Bremsen, Zündkerzen, Sicherungen, Wischwasserpumpen, H7-Lampen (müssen lt. EU-Gesetzgebung selbst gewechselt werden können, zur Not klagen!), Luftfilter u.ä. können versierte Schrauber auch heute noch in Angriff nehmen. Natürlich gibt es immer mehr Wegwerfautos. Aber eben nicht ausschließlich. Wenn dann aber bei einem 2016er Mercedes E im Jahr 2040 keine Software bzw. Steuergeräte seitens MB mehr verfügbar sein wird, wird es Drittanbieter geben. Dieses Problem haben Fahrer der S-Klassen W126 und W140 schon seit Jahren und es gibt mittlerweile mehrere Servicebetriebe, die solche Steuergeräte instand setzen. Für einen Bruchteil des Preises eines Neuteiles, welches es bei MB sogar für 30 Jahre alte W126 noch gibt. Die Frage ist eher, wer sich in 30 Jahren noch für alte Autos interessieren wird. Ich vermute, kaum jemand. Schon heute nimmt die Zahl der Oldie-Fans jährlich ab. Das macht dann auch nichts, schließlich sammelt heute auch kaum noch jemand Briefmarken. Es ist schlicht eine Frage des Geschmacks und des Geldbeutels. Wer geschickt ist, nicht übermässig viel fährt und wenig Geld hat, ist mit einem Mercedes W124 für 3.000 Eur besser bedient, als mit einem neuen Dacia Sandero für 7.000 Eur. Denn mit den 4.000 Eur Kaufpreisdifferenz fährt man den Benz noch 7 Jahre. Danach ist er noch 1.000 Eur wert. Wie der Dacia, wobei letzterer während dieser Zeit auch Reparaturkosten verursacht. Für die Konjunktur benötigen wir jedoch Abwrackprämien, blaue Umweltplaketten und Wegwerfautos. Wenn alle nur noch Alt-Benze fahren wollten, wäre der Bestand zu gering und zehntausende Arbeitsplätze dahin. Was man aber machen kann ist, ein vernünftiges Fahrzeug mit möglichst einfacher Technik zu kaufen und es gut zu pflegen. Dann hält auch ein neues Auto 15 Jahre wirtschaftlich durch. Wenn heute ein BMW 320i nach 10 Jahren ein wirtschaftlicher Totalschaden ist, liegt es meist an hartem Leasingeinsatz und danach zwei oder drei Sparfüchsen als Eigner. Der Wagen selbst wäre bei guter Pflege für 15 oder 20 Jahre und 300.000 Km gut. Auch heute noch.
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