Roboter-Autos: "Knight Rider" für alle

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Ob VW oder Mercedes - selbstfahrende Roboterautos sind der letzte Schrei. In zehn Jahren könnte die "Knight Rider"-Technologie tatsächlich serienreif sein, Pkw-Piloten wären dann überflüssig. Nur was machen wir dann?

Roboter-Autos: Zeit für die Zeitungslektüre Fotos
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Zwischen Hamburg und Münster verpufften unlängst wieder vier Stunden meines Lebens - auf der Autobahn, im Stop-and-go. Ich kuppelte mir die Hacke wund, lauschte mehrfach "Walking on Sunshine" im Radio und glotzte auf die Diddlmaus im Heckfenster vor mir.

Autofahren im Jahr 2010 ist eine unfassbare Zeitverschwendung. Es macht keinen Spaß, man kommt nicht voran, und anders als im ICE kann man während der Tortur nicht einmal lesen, arbeiten oder surfen.

Doch die Rettung, sie naht. Das selbstfahrende Auto könnte in absehbarer Zeit Realität werden und uns die lästige Kurbelei abnehmen.

Robo-Autos gibt es schon seit längerem - nicht nur in der US-Serie "Knight Rider". Bereits in den Achtzigern ließen Mercedes und die Bundeswehr Vans ohne Fahrer mit 100 km/h über die (abgesperrte) Autobahn brettern. Doch ein Vierteljahrhundert später scheint die Tüftelei an computergesteuerten Pkw fast schon ein Trendsport geworden zu sein.

Die Robos rollen allerorten

In diesen Tagen rollte beispielsweise ein Robo-Passat namens Leonie über den Braunschweiger Innenstadtring. Audi jagte im Juli einen vollautomatischen TTS den Pikes Peak hinauf, einen 4300 Meter hohen Berg in Colorado. Und Google lässt insgesamt sieben Toyota Prius durch Kalifornien fahren, seit längerem. Mehr als 225.000 Kilometer haben die rollenden Androiden bereits abgerissen. Googles Projektleiter Sebastian Thrun sagte der "New York Times", serienreife selbstfahrende Autos seien allerfrühestens in acht Jahren zu erwarten.

Ist notiert. Kann ich schon vorbestellen? Ich stelle mir die Robo-Auto-Zukunft nämlich phantastisch vor.

Die Technik ist mir dabei freilich schnurz. Viel interessanter ist die Frage: Wie sehen die Autos der Zukunft aus? Und was kann man mit ihnen alles anstellen?

Scifi-Autor Zelazny über das Auto der Zukunft

Das Science-Fiction-Genre liefert dazu Antworten. Die klügsten Gedanken zu dem Thema hat sich der Schriftsteller Roger Zelazny gemacht. Sein Roman "The Dream Merchant" (1966) spielt in einer fernen Zukunft, in der es nur noch selbstfahrende Pkw gibt. Protagonist Charles Render macht von seinem "S-7 Speedy" reichlich Gebrauch:

"Render schaltete den Fahrzielwähler ein und versenkte das Lenkrad. Er zündete sich eine Zigarette an und schob den Sitz weiter in den Innenraum zurück. Es war sehr angenehm, sich leicht zurückzulehnen und die entgegenkommenden Fahrzeuge zu beobachten, die wie ein Glühwürmchenschwarm an ihm vorbeizogen."

Klingt gut. Das Auto der Zukunft wird uns statt road rage Entspannung bescheren - Zeit für uns selbst. Anders als in der U-Bahn ist man allein und kann in Ruhe lesen. Rauchen. In der Nase popeln. Bei Zelazny lassen sich die Autoscheiben komplett undurchsichtig stellen (das Auto braucht sie zum Fahren nicht), so dass die Blechkiste zum rollenden sanctum sanctorum wird.

Ade, ihr Taxifahrer und Lokführer

Wenn es das Zelazny-Auto gäbe, müsste niemand mehr die Bahn benutzen. Der einzige Grund, in solch einem Massentransportmittel zu reisen, ist aus meiner Sicht, dass man nicht selber fahren muss - das wäre dann kein Alleinstellungsmerkmal des ICE mehr. Ins Roboauto steigt man einfach in Hamburg ein und lässt sich nach München chauffieren.

Bei Zelazny ist das Auto deshalb mehr als eine Blechkiste mit vier Sitzen. Es erinnert eher an die First Class eines Flugzeugs:

"Das fernlenkbare Auto war ein mobiles Leistungszentrum, ausgestattet mit Toilette, Schrank, Kühlbox und Spieltisch. Zwei konnten bequem darin schlafen, bei vier wurde es etwas kritisch - zu gewissen Anlässen bereits bei drei."

Neben individuellem Komfort böte das Roboauto noch andere Vorzüge. Es könnte die Kinder von der Schule abholen, ohne dass man selber mit müsste. Es wäre möglicherweise in der Lage, Besorgungen zu erledigen. Man ruft kurz bei der Wäscherei an und sagt: "Mein Passat kommt gleich rum, die Hemden abholen."

Rollendes Liebesnest

Auch Parkplatzprobleme wären passé: Man steigt fürderhin direkt vor der Oper aus, der Wagen sucht sich dann selbst einen Parkplatz oder fährt ein bisschen im Kreis. Und kurz vor der Schlussovertüre ruft man ihn per Smartphone.

Was mir am Auto der Zukunft aber am besten gefällt: Es könnte ein wegen der Dauerstaus leider in Vergessenheit geratenes Vergnügen wiederbeleben: die Spritztour. Früher, ältere Leser erinnern sich vielleicht, da fuhren Menschen einfach so in der Gegend herum, aus Spaß an der Freud.

In "The Dream Merchant" programmieren die Menschen ihre Robo-Autos auf einen zufälligen Kurs durch die Pampa und gondeln dann, ein Glas Wein in der Hand, ziellos dem Sonnenuntergang entgegen. Der Protagonist nutzt eine dieser "Blindfahrten", um in seinem rollenden Séparée mit einer schönen Frau anzubandeln. Klingt so, als ob Autofahren in Zukunft viel mehr Spaß machen wird, wenn man endlich die Hände für andere Dinge frei hat.

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insgesamt 66 Beiträge
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1. Vorher sollte ...
Huuhbär 23.10.2010
Zitat von sysopOb bei Google, VW oder Mercedes - selbstfahrende Roboterautos sind der letzte Schrei. In rund zehn Jahren könnte die "Knight Rider"-Technologie tatsächlich halbwegs serienreif sein und Pkw-Piloten überflüssig machen. Was machen wir dann? http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,724238,00.html
eine Maschinensteuereingeführt werden, damit die zusätzlichen Arbeitslos gewordenen Menschen eine Bedingungsloses Grundeinkommen beziehen können.
2. Gut für die Senioren
serra 23.10.2010
Ich habe heute meiner Mutter (93) geraten, Auto und Führerschein noch nicht abzugeben.
3. Wenn schon, dann richtig
superpuper 23.10.2010
Warum sollte in diesen wunderbaren Fahrzeugen noch jemand sitzen? Das wäre doch ein Anachronismus und würde nur unnötig den Verbrauch erhöhen. Statt dessen sollte man selbstdenkende Laufroboter auf den Straßen herumspazieren lassen, damit alle echten Menschen zu Hause bleiben können, weil die Realiät doch online ist...
4. Roboter-Autos: Freihand-Fahrt für freie Bürger
hojen 23.10.2010
Zitat von sysopOb bei Google, VW oder Mercedes - selbstfahrende Roboterautos sind der letzte Schrei. In rund zehn Jahren könnte die "Knight Rider"-Technologie tatsächlich halbwegs serienreif sein und Pkw-Piloten überflüssig machen. Was machen wir dann? http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,724238,00.html
Um so erstaunlicher ist es, daß der Schienenverkehr auf Nebenstrecken nicht längst auf Autopiloten umgestellt wurde. Kleine 6 Sitzige schienengebundene Personenwagen könnten überall an Kleinstbahnhöfen bereit stehen und nach Bedarf genutzt werden. Zielbahnhof eingeben, mit EC-Karte bezahlen und der Wagen fährt Rechnergesteuert. Die Stillegung von Nebenstrecken entfällt. Dieses Konzept wurde 1993 in Eberswalde vorgestellt und von der BAHN AG abgelehnt. H.Jensch
5. ooo
MarkH 23.10.2010
Zitat von sysopOb bei Google, VW oder Mercedes - selbstfahrende Roboterautos sind der letzte Schrei. In rund zehn Jahren könnte die "Knight Rider"-Technologie tatsächlich halbwegs serienreif sein und Pkw-Piloten überflüssig machen. Was machen wir dann? http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,724238,00.html
Dann noch Stromrückgewinnung aus dem bewegten Fahrzeug, und wir sind alle versorgt
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