Coachline Painter bei Rolls-Royce Die Linie seines Lebens

Bei Rolls-Royce bauen 1400 Spezialisten Luxusautos in Handarbeit, einer davon ist Mark Court. Sein Job: einen Zierstreifen ans Auto malen. Wenn er dabei einen Fehler macht, wird es richtig teuer.

Fabian Hoberg

Von Fabian Hoberg


Die Angst arbeitet mit. Bei jedem Auto. "Wenn ich nur daran denke, wie teuer ein Rolls-Royce ist, flattern mir die Hände. Also versuche ich, erst gar nicht daran zu denken", sagt Mark Court. In der Regel gelingt ihm das. "Ich vermale mich nicht", sagt der 55-Jährige und grinst. Ein Fehler seinerseits hätte auch fatale Folgen: Zwischen 240.000 und 450.000 Euro netto kostet eines der Luxusmodelle aus England.

Mark Court arbeitet seit 16 Jahren als Coachline Painter bei Rolls-Royce. Bei vielen Fahrzeugen zieht er am Ende der Produktion per Hand eine feine, dünne Lacklinie aufs Blech. Zwischen zwei und vier Stunden sitzt er an dem zwei oder drei Millimeter dünnen Strich. Der Speziallack bleibt haften, lässt sich waschen, wachsen und polieren, dafür aber nach dem Trocknen nicht mehr reparieren oder ausbessern. Kein anderer Hersteller betreibt solch einen Aufwand.

Die Linie ist das Finish, die Perle der Handwerkskunst in der Produktion von Goodwood, die Galvaniseure beschäftigt, eine Schreinerei und Sattlerei unterhält. Court legt als letzter Mitarbeiter Hand an das Auto. "Die Linie lässt sich nicht lackieren, so fein ist die. Außerdem wollen die Kunden fühlen, dass sie aufgemalt ist, denn das zeugt von Einzigartigkeit, Luxus und Exklusivität", sagt er stolz.

Kunden können zwischen 200 Farbtönen wählen

Doch einigen Kunden ist das noch nicht exklusiv genug. So verlangen beispielsweise asiatische Autofans gerne extra feine Striche innerhalb der Linie und härter abgesetzte Kanten, die noch deutlicher auf die Handarbeit hinweisen.

Für seine Arbeit stehen ihm 200 Farbtöne zur Wahl. "Grundsätzlich kann der Kunde alles bestellen. Er geht seine Wünsche mit einem Designer durch und wir klären, wie wir sie umsetzen", sagt er. Manchmal malt er deshalb auch Figuren, Tiere, Blumen, Initialen oder Wappen für den Innenraum.

Im Video: Der erfolgreichste Rolls-Royce-Händler Europas

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Court ist ein Maler alter Schule. Kein Zeichner, darauf legt er Wert. Schon während der Schule malte er in seiner Freizeit, absolvierte danach fünf Jahre eine Ausbildung zum Schildermaler, besuchte nebenbei eine Abendschule. Als BMW in einem spektakulären Coup Rolls-Royce kaufte, fehlte für die Mannschaft im neuen Werk in Goodwood ein Coachline Painter. Court kommt aus dem Nachbarort und hatte Erfahrung beim Malen - zumindest auf Blechschildern. Für den neuen Besitzer ein Volltreffer.

BMW schickte ihn nach Berlin ins Motorradwerk, wo er sich an Tanks ausprobieren durfte. Aus den geplanten sechs Wochen wurden allerdings sechs Monate, bis er die richtige Technik und das beste Werkzeug für den perfekten Strich fand. Er entwickelte eigene feine Pinsel aus Eichhörnchenborsten, die keine Haare verlieren, dazu eine spezielle Zieh- und Absetztechnik. Die ersten Versuche über ein paar Meter Länge folgten auf Rolls-Royce-Rohkarossen im BMW-Werk in Dingolfing. Mit Eröffnung des neuen Werkes in Goodwood 2002 zog Court seine erste Linie auf einem fertig lackierten Rolls-Royce.

Pinsel aus Eichhörnchenborsten
Fabian Hoberg

Pinsel aus Eichhörnchenborsten

Die Länge der Luxuskarossen von sechs Metern stellt eine besondere Herausforderung dar. "Ich unterteile die Seiten in drei bis vier Abschnitte. Die Kotflügel, Türen und das Heck zeichne ich einzeln", sagt er. Der Speziallack härtet erst nach drei bis vier Stunden aus, bei einem misslungenen Strich besitzt Court die Chance, ihn noch wegzuwischen - vorausgesetzt, er sieht den Fehler. "Aber ich vermale mich ja nicht. Ich bin Engländer", wiederholt er.

Court verzichtet auf Handschuhe

Für seine Arbeit benötigt er eine ruhige Atmosphäre und eine noch ruhigere Hand. Zwei Mitarbeiter bereiten für ihn die Autos vor, entfetten die Oberfläche, kleben eine Hilfslinie auf, ziehen darunter eine Markierung mit einem weichen Stift und entfernen die Folie. Mit einer speziellen, extraweichen Kreide pudert Court die obere Flanke des Blechs ein. "Meine Hand muss weich drüberrutschen, darf nicht stocken. Sonst werden die Linien unsauber", sagt er. Auf Handschuhe verzichtet er, weil er damit kein Gefühl hat. "Ich muss das Blech direkt spüren, sonst habe ich keine Kontrolle über meine Finger und den Pinsel", sagt der Perfektionist.

Court rührt die Farbe kurz mit einem Härter an, tupft den Pinsel in die Farbe und immer wieder auf ein Blech, knetet sie damit in die Borsten ein. Mit leichtem Schwung von links nach rechts zieht er die Linie, die Autos rollen bei ihm auf Schulterhöhe vorbei.

Verunfallt ein Rolls-Royce und muss neu lackiert werden, reist Mark Court bis nach Dubai, um seine Linie anzubringen, meist in den Werksferien. "Das klingt verrückt, aber nur mit der Coachline ist das Auto wieder perfekt", sagt er. Zum Glück sind die seltenen Autos noch seltener in Unfälle verwickelt.

"Ich sehe sofort, ob es meine Linie ist"

Zwischen 4000 und 5000 Fahrzeuge gingen bislang durch seine Hände. Mark Court behauptet, dass er jedes wiedererkennen würde. "Ich sehe sofort, ob eine Linie repariert wurde, ob es meine Linie ist. Die Enden sind meine persönliche Handschrift", sagt er. Zu seinen schönsten Blechmalereien zählen für ihn eine breite Coachline in Schwarz-Weiß im Stil einer Zielflagge, die er auf drei Phantom-Modelle zur Eröffnung des ersten Formel-1-Rennens in Abu Dhabi 2010 malte.

"Pro Auto habe ich fast zwölf Stunden benötigt", erinnert sich Court. Für ihn ist der Job ein Traumjob. "Ich arbeite für die beste Autofirma der Welt, gebe den Autos meine persönliche Note mit und kann auch noch regelmäßig verreisen. Mit meiner Arbeit schaffe ich absolute Einzelstücke", sagt er.

Die Holzkiste seines Sohnes für die Pinsel
Fabian Hoberg

Die Holzkiste seines Sohnes für die Pinsel

Sein Talent würde er gerne weiter geben. "Die meisten Schüler, die ich hatte, sind zu ungeduldig, können sich nicht lange am Stück konzentrieren oder haben Angst vor der Länge der Autos und deren Preis", sagt er. Um ein Auto anständig zu bemalen, braucht man ein Jahr Übung, um es perfekt zu bemalen, weitere vier. Auch sein Sohn hat kein Interesse an dem Job. Der 25-Jährige arbeitet zwar auch bei Rolls-Royce, aber in der Schreinerei. Allerdings hat er seinem Vater einen Pinselkasten gebaut - für den perfekten Strich.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
raly 12.04.2018
1. ...
sehr netter Artikel, mal was anderes und interessantes! Waere aber schoen gewesen wenn man noch ein Photo von einem kompletten Auto auf dem die Linie klar sichtbar ist mitgeliefert haette.
odenkirchener 12.04.2018
2. Die Linien-
-malerei kenn ich aus dem Bereich der Motorräder. Was die alles frei aus der Hand machen. . .
vulcan 12.04.2018
3.
Schöner Artikel über einen offensichtlich schönen Beruf. Leute, die mit dem Schlepppinsel umgehen können, sind echte Künstler. Ich hab mal jemandem dabei zugesehen (Motorradtank). Sehr schön gesagt: "Aber ich vermale mich ja nicht. Ich bin Engländer" :-)
inmyopinion61 12.04.2018
4. Image ist alles.
Der Mann ist sicher ein Künstler und malt einzigartige Sachen auf Einzelbestellung. Aber alle 0815-Zierstreifen? Das ist wohl eher aus der Reihe "Wie verkaufe ich einen extraorbitanten Preis"
Max Super-Powers 12.04.2018
5.
"Die Linie lässt sich nicht lackieren, so fein ist die" Wenn das Titelbild diese Linie zeigt, dann ist diese Aussage schlicht und ergreifend falsch. In dieser Stärke kann man vollkommen problemlos mit einer Airbrush - also einer Mini-Lackierpistole - lackieren. Als Modellbauer habe ich das bereits dutzendfach gemacht. Trotzdem natürlich Respekt für die ruhige Hand und das über eine solche Länge. Das ist zweifelsohne meisterlich.
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