Luxustrend Coachbuilding Der einzigartige Zweisitzer

Hersteller von Luxusautos verdienen prächtig mit limitierten Sonderserien. Einige treiben diesen Trend jetzt auf die Spitze: Sie bauen besonders solventen Kunden aufwendige Einzelstücke.

James Lipman / Rolls-Royce

Bei Rolls-Royce ist man Extrawünsche gewohnt. Für besonders anspruchsvolle Kunden unterhält man sogar eine spezielle Abteilung für aufwendige Sonderausstattungen. Aber der Wunsch von Herrn Li war selbst für Rolls-Royce-Verhältnisse einzigartig. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Wer Herr Li ist, woher er kommt - das verraten die Briten nicht. Fest steht: Er muss reich sein, sehr reich sogar. Denn Herr Li hat sich von Rolls-Royce ein Unikat bauen lassen.

Auf dem Concorso d'Eleganza am Comer See durfte sich die Öffentlichkeit im Mai das Ergebnis anschauen: Ein zweisitziges Coupé, getauft auf den Namen Sweptail. Es handelte sich dabei um das jüngste Beispiel einer Tradition, die im Zeitalter der Massenproduktion fast schon in Vergessenheit geraten war: Coachbuilding scheint wieder en vogue zu sein.

Das englische Wort Coach steht hier nicht für Fußballtrainer, sondern für Kutsche oder Wagen. In den Anfangsjahren des Automobils war das Coachbuilding weitverbreitet. Die Hersteller lieferten oft nur das Chassis und den Antrieb, den Aufbau der Karosserie überließen sie anderen. Namen wie Mulliner, Saoutchik, oder Figoni & Falaschi gehörten zu den berühmtesten Coachbuildern.

Giles Taylor, Designchef bei Rolls-Royce und Schöpfer des Sweptail, erklärt den Begriff so: "Coachbuilding ist das automobile Äquivalent zur Haute Couture. Ein wahrhaft maßgeschneidertes Auto."

Luxusjacht auf Rädern

Drei Jahre lang hat Taylor mit Herrn Li zusammen gearbeitet und die Vision von einer Luxusjacht auf Rädern entwickelt, die mit dem Basisfahrzeug, dem Phantom nicht mehr viel mehr als den Unterbau und den Motor gemein hat. Vom imposanten Kühlergrill bis zum eleganten Heck ist jedes Teil am Sweptail neu, und auch im Innenraum ist nichts mehr, wie es war. Selbst die Rückbank haben die Briten dem einmaligen Design geopfert.

Zwar haben sich Taylor und sein Team oft und lange mit dem Kunden besprochen und ihn immer wieder nach seiner Meinung gefragt. "Doch er hat nie einen Stift angefasst und keine Spuren im Tonmodell hinterlassen," sagt Taylor. Das vertrage sich nicht mit dem Selbstverständnis von Rolls-Royce: "Ein Sternekoch lässt schließlich auch niemanden an den Kochtopf, selbst wenn er guten Gästen schon mal seine Küche zeigt."

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Luxus-Trend Coachbuilding: Teure Einzelstücke

Der Rolls-Royce Sweptail ist dabei nicht die erste und einzige automobile Extrawurst der letzten Jahre. Immer mal wieder zaubern Luxushersteller sogenannte On-Off-Modelle aus dem Hut: So ließ sich Gitarrenlegende Eric Clapton zum Beispiel vor fünf Jahren auf Basis eines 458 seinen ganz individuellen Ferrari bauen. Deutlich spektakulärer allerdings fiel das Arbeitsergebnis der Special-Operations-Abteilung von McLaren aus. Die sorgte nach dem Debüt des 12C, einer eher futuristisch gezeichneten Flunder, mit dem McLaren X1, einer ziemlich barocken Version im Stil eines Batmobils für Aufsehen. Bentley baute nach dem Entwurf eines Kunden aus den Emiraten einen Mulsanne XXL, der um einen vollen Meter gestreckt wurde.

Ein Rucksack voller Traditionen

Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim, hebt bei solchen Fahrzeugen allerdings mahnend den Zeigefinger, weil sich seine Kollegen in den Designbüros der Hersteller auf einem sehr schmalen Grat bewegen: "Einerseits müssen sie dem Wunsch des Kunden gerecht werden, andererseits die Werte ihrer Marke achten". In der Regel sei das kein Problem, sagt Fügener, weil die meisten dieser Unikate nie in die Öffentlichkeit gelangen. Doch wenn so ein Wagen irgendwann auftaucht oder wie jetzt bei Rolls-Royce aktiv präsentiert wird, darf es das Markenimage nicht negativ beeinflussen oder gar beschädigen, mahnt Fügener. Das wird umso riskanter, weil neue Fertigungsverfahren und Technologien künftig womöglich für eine größere Menge solcher extremen Exoten sorgen werden.

Auch mit dem Sweptail ist Fügener nicht ganz im Reinen, selbst wenn das Auto an sich stimmig und schlüssig sei: Die maritime Inspiration passe zu dem bei solchen Einzelstücken weitverbreiteten Retro-Gedanken und ein Coupé dieser Dimensionen könne in den Händen erfahrender Designer nicht wirklich daneben gehen. Doch passt der Retro-Riese in seinen Augen trotzdem nicht zur Stimmung in Goodwood: "Mit der Studie 103EX hat sich Rolls-Royce bereits auf den Weg in die Zukunft gemacht, was angesichts des schweren Rucksacks voller Traditionen schon schwer genug ist. Der ebenso demonstrative wie publikumswirksame Blick zurück ist da nicht gerade eine Hilfe."

Rolls-Royce-Designer Taylor will aus solchen Ausnahmen trotzdem die Regel machen und plant schon die nächsten Unikate. An Nachfrage dafür mangelt es jedenfalls nicht, sagt der Brite in BMW-Diensten: "Seit wir den Sweptail gezeigt haben, melden sich viele andere Interessenten mit ähnlich exklusiven Ideen." Jetzt ist es an ihm und seinen Vorstandskollegen, die richtigen Kandidaten auszuwählen: Während Taylor die kreative Seite bewertet und die Entwickler nach der Technik schauen, muss der Vertrieb die Finanzkraft des Kunden abschätzen. Denn einen derart individuellen Geschmack muss man sich auch leisten können. Zwar gibt es von Rolls-Royce kein Wort zu den Kosten dieses Umbaus. Doch kursieren in der britischen Presse Zahlen zwischen zehn und zwölf Millionen Pfund und Taylor dementiert das zumindest nicht.

In Zukunft allerdings könnte das nicht nur billiger werden, sondern auch schneller gehen, hofft der Rolls-Royce-Designer und will mit neuen Methoden wie dem 3-D-Druck zu alten Prinzipien zurückkehren. "Früher war jedes Auto ein Einzelstück. Da wollen wir langfristig wieder hin", skizziert Taylor seine Vision.



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mazzmazz 20.09.2017
1. Toll!
Am Ende wird hier nichts anderes angeboten als indviduell auf Kundenbedürfnisse (gut, hier eher Kundenwünsche) ausgerichteter Sondermaschinenbau. Die Karosserie wird auf das bekannte Chassis "gesetzt". An Motor, Getriebe, Antriebsstrang, Fahrwerk und Elektronik wird nichts geändert, was natürlich auch wirklich komplex wäre. Ein paar Menschen mit sehr exklusivem geschmack und dickem Geldbeutel fragen eine indviduelle Karosserie nach und akzeptieren dafür einen Aufpreis von 10 Mio. Euro? Super! Denen würde ich auch ein Auto bauen. Alles richtig gemacht, RR! Und nicht vergessen: der Laden gehört BMW und sorgt somit durch solcherlei Vertrieb für Steuereinnahmen in der EU.
ste.bo 20.09.2017
2. Wie denn?
Bei den frühen Fahrzeugen, wo Rahmen und Aufbau getrennt waren und die Strukturelle Integrität unabhängig von der Karosserie war, da verstehe ich das. Aber wie soll es heute funktionieren eine selbsttragende Karosserie grundlegend umzuschneidern, wo doch jede Falz, Winkel und Auswölbung eine in Computersimulationen berechnete Form und Funktion hat?
WolfThieme 20.09.2017
3. Das letzte Hemd hat keine Taschen
Viele Superreiche, und davon gibt es mehr, als wir uns träumen lassen, wissen mit ihrem Geld nicht mehr wohin. Sie könnten natürlich eine Stiftung gründen und in ein Kinderheim in Afrika investieren, aber was bringt das außer einer schmalen Ehre? Stattdessen auf Sylt beim "Sansibar" vorfahren, das hat noch immer was, mindetens 'ne flotte Blondine. Nur kein Neid.
manly-man 20.09.2017
4. Ein/Aus?
Ein soclhes Unikat wird sicher eher ein One-Off- (und kein On-Off-) Modell sein, oder... :-) !?
novoma 20.09.2017
5. Geld und Geschmack
Nur weil jemand viel Geld hat, muss er nicht unbedingt auch Geschmack haben. Vom britischen Understatement ist weder beim Rolls-Royce noch beim Bentley etwas zu erahnen, über den seltsamen McLaren muss man wohl kein Wort verlieren. Einzig der Ferrari für Eric Clapton weiß zu gefallen, ein sehr reduziertes Design mit leichten Anklängen an den legedären Dino 246. Übrigens, der Designer wandert auf schmalem Grat, nicht Grad.
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