Kunst mit Fiat-Klassikern: Von Liebe zerdrückt
Diese Exponate dürften jeden Oldtimer-Fan die Tränen in die Augen treiben: Der israelische Designer Ron Arad hat mehrere Fiat 500 in die Presse geworfen und in Blechflundern verwandelt. Jetzt hat er die Autos an die Wand gehängt - als Liebesbeweis.
Ron Arad hat sie ausgenommen und zerquetscht. Jeden einzelnen von ihnen, insgesamt waren es sechs. Echte Fiat 500. Der Architekt und Designer sieht darin einen Liebesbeweis an die Minimobile aus Italien: "Ich habe sie unsterblich gemacht", sagt Arad. "Diese Autos halten jetzt für immer."
Die blumigen Worte passen zum Titel seiner Ausstellung. Die heißt "Pressed Flowers" und läuft gerade im Holon Museum in Tel Aviv. Eine schöne Erinnerung an Kindertage, als man mit Mama und Papa Blätter sammelte und sie in ein dickes Buch steckte. Ein paar Tage später waren die Pflanzen hauchdünn und zerbrechlich, aber sie überdauerten eine Ewigkeit. Nach dem gleichen Prinzip plättete Arad die Cinquecentos.
Einen Vormittag verbrachten der Designer und sein Team damit, die alten Kleinstwagen in der Metallpresse einer Werft in Groningen zu quetschen. "Normalerweise werden in der Presse Schiffsteile geformt", erzählt Arad. Die ungewöhnliche Aktion war offenbar so unterhaltsam, dass die zur Unterstützung engagierten Werftmitarbeiter ihre Familien als Zuschauer mitbrachten. "Die haben ein richtiges Festival daraus gemacht."
Vor der Pressung waren die Sitze und Motoren aus den Autos entfernt worden, die Räder abmontiert. Jedes Fahrzeug wurde seitlich unter die Presse gelegt und dann gnadenlos zerdrückt. Heraus kam jeweils ein etwa zwölf Zentimeter dickes Blechsandwich.
Schöner Schrott
Das Verblüffende daran: Obwohl die Wagen im Grunde völlig zerstört sind, erkennt man sofort, um welches Auto es sich handelt. Jede der bunten Schrottscheiben ist ein Cinquecento, keine Frage. Nur sieht er eben noch skurriler aus als zuvor.
"Ein bisschen Make-up", sagt Arad, hat er bei den zerquetschen Karosserien noch aufgetragen. Bei den Exponaten der Ausstellung hing der Designer zum Beispiel die ebenfalls gepressten Reifen unter die Autos und drapierte die Faltdächer dorthin, wo sie ursprünglich mal waren.
Der hohe Wiedererkennungseffekt liegt einerseits daran, dass die Form der zerdrückten Autos überraschend akkurat ist. "Ich habe zuerst mit Modellautos und einer kleinen Presse experimentiert", sagt Arad. Dabei entstand nicht wie befürchtet ein hässlicher Klumpen: Stattdessen waren die Konturen des platten Spielzeugs so klar, dass sich das ursprüngliche Design nachvollziehen ließ. Arad besaß einfach die nötige Portion Wahnsinn, das gleiche mit einem richtigen Auto zu probieren - und fand obendrein nochGdie dazu passende Werft.
Andererseits wäre der Effekt bestimmt nicht mit jedem Auto so stark gewesen, es musste schon eine Ikone wie der Cinquecento sein. Oder wie Ron Arad sagt: "Der kleinste Gegenstand, den man noch als richtiges Auto bezeichnen kann."
Keine Kompromisse
Für den Designer ist der Fiat 500 so etwas wie eine Inspirationsquelle: "Dieses Auto ist ein Beispiel dafür, dass sich Kompromisslosigkeit auszahlt. Der Fiat 600 war im Vergleich zum Cinquecento komfortabler, und ich persönlich finde ihn auch schöner. Er war aber eben nicht kompromisslos winzig - und heute redet von ihm niemand mehr, ganz im Gegensatz zum Fiat 500." Diese Haltung, sagt Arad, versucht er auch auf seine Werke zu übertragen.
Um Kritik am Automobil, also an verstopften Städten und verpesteter Umwelt, ist es ihm nach eigener Auskunft mit den "Pressed Flowers" nicht gegangen - obwohl ein zerstörtes Auto eigentlich eine starke Symbolkraft hat.
Ein kleiner Nachahmer
"In erster Linie wollte ich etwas Funktionierendes in etwas Nutzloses verwandeln, also den gewöhnlichen Produktionsprozess umkehren", sagt er. "Ich finde nun mal, dass nicht alles im Leben einem bestimmten Zweck dienen muss und man nicht ständig wie eine Maschine einfach nur funktionieren sollte."
Zumindest bei den jungen Ausstellungsbesuchern ist diese Botschaft offenbar angekommen. Die für ihn schönste Reaktion auf die zerdepperten Autos erhielt Arad nämlich von einem kleinen Jungen. "Er hat mir ein Video geschickt", erzählt er, "darauf hält er ein selbstgemaltes Bild von einem Cinquecento in die Kamera. Das fand ich ganz süß." Das Beste kam aber zum Schluss des Clips: "Der Junge hat die Zeichnung dann zerknüllt."
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