Rushhour in Jakarta: Radeln gegen den Verkehrs-Kollaps

Aus Jakarta berichtet Simone Utler

Autos im Dauerstau, knatternde Mopeds auf dem Bürgersteig, hoffnungslos überfüllte Busse: Indonesiens Hauptstadt Jakarta erstickt im Verkehrschaos, die durchschnittliche Geschwindigkeit in der Rushhour liegt bei weniger als 20 km/h. Der Trend geht zum Fahrrad - trotz Smog und Unfallgefahr.

Verkehrskollaps in Jakarta: Mit dem Rad schneller ans Ziel Fotos
Simone Utler

Freitagabend, 19.40 Uhr, Downtown Jakarta: Nichts geht mehr auf einer der zentralen Kreuzungen der Stadt. Auto klebt an Auto, laut knatternde Mopeds quetschen sich hindurch, einige drängen sich quer über den Bürgersteig. Wenn die Ampel auf grün schaltet, will jeder der erste sein, um wenigstens wenige Meter vorwärts zu kommen. Ein Polizist müht sich, Herr der Lage zu werden und winkt hektisch mit einer Leuchtstange. In das Röhren der Motoren mischt sich aggressives Hupen, einige Autofahrer setzen sogar Sirenen ein, die wie ein Martinshorn klingen.

Ganz leise schieben sich an den Fahrzeugen plötzlich Dutzende Radfahrer vorbei. Alle tragen Helme, einige auch Mundschutz, viele eine enganliegende Radler-Montur. Fast 20 Minuten lang fließt ein steter Strom an Rädern, rund 250 bis 300 Menschen sind an diesem Abend unmotorisiert auf der Jalan H.R. Thamrin, der wichtigsten Nord-Süd-Achse im Zentrum Jakartas, unterwegs und schlängeln sich behende an den Autos entlang.

An jedem letzten Freitag im Monat ruft die Organisation Bike to Work (B2W), inzwischen in 146 Städten vertreten, zu einer abendlichen Radtour in Jakarta auf, "Kelap Kelip", Blitzlicht, heißt die Aktion. "Wir wollen zeigen, dass das Rad eine gute Alternative ist", sagt Ira Wardhani. Die 40-jährige Ernährungsberaterin fährt seit vielen Jahren mit dem Rad zur Arbeit, genau wie ihr Mann. Fast 50 Kilometer legen die beiden jeden Tag mit ihren Mountainbikes zurück. "Es muss endlich etwas gegen die Luftverschmutzung hier getan werden", sagt Wardhani.

"Indonesier lieben ihr Auto mehr als ihre Frau"

Jakarta erstickt im Verkehr. Vor allem zur Rushhour herrscht auf den wichtigsten Achsen der indonesischen Hauptstadt katastrophaler Stau. Einer 2008 veröffentlichten Studie der Japan External Trade Organization (Jetro) zufolge lag die durchschnittliche Geschwindigkeit zur abendlichen Stoßzeit im Jahr 2007 unter 20 km/h. Grafiken zeigen für manche Abschnitte der großen Nord-Süd- und Ost-West-Verbindungen sogar dunkelrote Markierungen: Das bedeutet Durchschnittsgeschwindigkeiten von weniger als zehn km/h.

Die Lage verschlimmert sich von Jahr zu Jahr spürbar. Einige Studien sagen für 2014 den kompletten Kollaps voraus. Dann sollen alle Hauptstraßen und die meisten Nebenstraßen nahezu immer verstopft sein.

"Die Indonesier lieben ihr Auto mehr als ihre Frau", sagt ein Teilnehmer der B2W-Radtour mit einem breiten Grinsen und trifft damit einen entscheidenden Punkt: Ein Auto ist ein Statussymbol. Im Gegensatz zu vielen anderen südostasiatischen Großstädten sieht man in Jakarta überwiegend neue und recht große Autos. In vielen gutbürgerlichen Wohnvierteln stehen zwei Wagen in der Einfahrt, meist werden sie täglich gewaschen, mindestens aber jedes Wochenende.

Kaum Züge, keine U-Bahn, überfüllte Busse

Marco Kusumawijaya lebt in einem dieser gutbürgerlichen Viertel, im Stadtteil Menteng, am südlichen Rand des Zentrums. Der 50-Jährige lässt seinen neun Jahre alten Chevrolet Tafera aber meist stehen und schiebt eines seiner beiden Klappräder aus dem Tor des Eckgrundstücks. Der Mann mit dem verschmitzten Lachen zählt zu den bekanntesten Fahrradaktivisten Jakartas und berichtet einmal pro Woche in seinem Blog " Biking in a Metropolis" beim "Jakarta Globe" über seine persönlichen Erfahrungen.

Nach Ansicht des gelernten Architekten und Stadtplaners sind die mangelnden Alternativen zum Auto das Hauptproblem. "Es gibt nur wenige Zugverbindungen. Wir sind die einzige Stadt, deren Flughafen nicht per Schiene mit dem Zentrum verbunden ist, und der Bau einer U-Bahn kommt auch nicht recht voran", kritisiert Kusumawijaya. Auch die geplante Hochstraße, für die immerhin schon die ersten Betonpfeiler gebaut wurden, sei ins Stocken gekommen.

Die überfüllten Schnellbusse verkehren nur auf wenigen Strecken, zu Stoßzeiten dauert es oft ewig, bis ein Bus kommt. Beschädigte Wartehäuschen an Haltestellen von Kleinbussen, Überfälle, mangelnder Komfort - all das lässt Menschen zum Autoschlüssel greifen.

Trend zum Moped

Der letzten Volkszählung zufolge leben mehr als 9,5 Millionen Menschen in Jakarta, die Metropolregion bringt es sogar auf rund 24 Millionen Menschen. Mehr als 1,1 Millionen Pendler strömen laut einer Studie der Jakarta Land Transportation Agency (JUTPI) allein aus den angrenzenden Städten Bogor, Tangerang und Bekasi jeden Morgen in die Hauptstadt und abends wieder zurück - zunehmend mit dem eigenen Fahrzeug. Die Zahl der Pendler, die den Bus nutzen, fiel der Studie zufolge von 38,3 Prozent 2002 drastisch auf 12,9 Prozent im Jahr 2010. Die Zahl der Autofahrer stieg von 11,6 auf 13,5 Prozent, die der Mopedfahrer schoss von 21,2 auf 48,7 Prozent.

4,9 Millionen Mopeds und 1,8 Millionen Autos waren der Studie zufolge im vergangenen Jahr in Jakarta registriert. Die Polizei meldete für die Metropolregion sogar insgesamt rund 11,36 Millionen zugelassene Fahrzeuge: 8,24 Millionen mit zwei und 3,12 Millionen mit vier Rädern. Der Anteil der radfahrenden Pendler ist zwar von 23,7 auf 22,6 Prozent gefallen - betrachtet man die absoluten Zahlen der Verkehrsteilnehmer, ist dennoch ein Zuwachs zu erkennen.

Toto Sugito, Vorsitzender des 2004 gegründeten Verbands Bike to Work, sieht die Regierung in der Verantwortung. Die Stadtverwaltung habe alle Warnzeichen konsequent ignoriert und versäumt, rechtzeitig ein funktionierendes öffentliches Verkehrsnetz aufzubauen, kritisieren Sugito und viele andere. Von offizieller Seite heißt es laut der Tageszeitung " Kompass", es sei einfach unmöglich gewesen, mit dem rasanten Wachstum der Stadt in den vergangenen drei Jahrzehnten und dem täglichen Zustrom von Millionen Arbeitern Schritt zu halten.

Tausende Menschen beim Car Free Day

Der Architekt Sugito ist schon zweimal nach Bogotá gereist, um sich anzusehen, wie die kolumbianische Hauptstadt ihr Verkehrsproblem in den Griff bekommen hat. Er hat eine Vision von einem sicheren, radfreundlichen Jakarta: "Wir haben auf Grundlage der Bedürfnisse der Menschen einen Masterplan erarbeitet, der Fahrradwege in fast ganz Jakarta und Abstellmöglichkeiten an Haltepunkten der öffentlichen Transportmittel vorsieht." Jedoch lasse die Zusammenarbeit mit der Stadt zu wünschen übrig. 2009 habe er den Plan eingereicht, seitdem sei nichts passiert.

Fast nichts. Denn im Mai 2011 wurde im Süden der Stadt die erste Fahrradspur eröffnet. Allerdings ist sie lediglich wenige Kilometer lang und liegt fernab der tatsächlichen Verkehrsknotenpunkte. Man findet dort keine Radfahrer. "Diese Spur macht keinen Sinn", sagt Sugito. Sie sei in seinem Masterplan nicht vorgesehen, niemand habe mit ihm vor der Einrichtung darüber gesprochen. "Es ist einfach eine Aktion, um für die Wahl in Jakarta 2012 Stimmen zu gewinnen", meint der Radaktivist.

Vor allem am Wochenende zeigt sich, wie groß die Begeisterung fürs Radfahren inzwischen ist. "Zu einem Car Free Day kommen locker acht- bis zehntausend Menschen", sagt Sugito. Fast jeden Sonntag wird eine Hauptachse der Stadt in eine Richtung von morgens sechs Uhr bis zum späten Vormittag für Autos gesperrt. In den frühen Stunden sind vor allem Jogger unterwegs, später kommen die Radfahrer.

Findige Einheimische haben sogar die Touristen als potentielle Radfahrer ausgemacht. Im Altstadtviertel Kota stehen ganz im Stil der ehemaligen niederländischen Kolonialherren, die in dem Viertel ihr Machtzentrum hatten, Hunderte einfache Hollandräder zum Mieten parat. Alle in Pastellfarben gestrichen, jeweils mit farblich abgestimmtem Helm und Hut.

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Forum - Gehört die Zukunft der Städte dem Fahrrad?
insgesamt 1293 Beiträge
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    Seite 1    
1. oje,
sitiwati 10.09.2011
Zitat von sysopUmweltschonend, sportlich, praktisch: In den großen Städten greifen immer mehr Verkehrsteilnehmer zum Fahrrand. Unter Jüngeren ist sogar ein erheblicher Imageverlust der benzingetriebenen Fortbrwegungsmittel zu beobachten - das Auto ist häufig nicht mehr das Statussymbol per se. Gehört die Zukunft des individuellen Stadtverkehrs dem Fahrrad?
ein heisses Thema !
2.
GinaBe 10.09.2011
Zitat von sitiwatiein heisses Thema !
Das Bewußtsein soll eröffnet werden, dem Fahrrad außer der sportlichen Variante auch noch zusätzliche Attaktivität zu verleihen, den gesundheitsfördernden Aspekt zu betonen... Wenn die Leute kein Geld für den Sprit mehr haben, wird eben wieder mal eine kostengünstige Fahrradtour mit dem guten, alten Picknick gemacht, wie in den 50ern, 60ern....also: Retro hat auch was mit Nach- oder Vorkriegszeit zutun, kann auch Wirtschaftskrise genannt werden, Rezession... Klar: Fußgängerzonen mit Fahrradwegen ....
3. Nö
hoppla_die_wildsau 10.09.2011
Ich hoffe doch sehr, daß sich Städter auf das Fahrrad rückbesinnen. Erspart auf das Fitnesscenter. Radelt euch gesund!
4. das Auto wird weiterhin geraucht
heinrichp 11.09.2011
Zitat von sysopUmweltschonend, sportlich, praktisch: In den großen Städten greifen immer mehr Verkehrsteilnehmer zum Fahrrand. Unter Jüngeren ist sogar ein erheblicher Imageverlust der benzingetriebenen Fortbrwegungsmittel zu beobachten - das Auto ist häufig nicht mehr das Statussymbol per se. Gehört die Zukunft des individuellen Stadtverkehrs dem Fahrrad?
Da man sich in einer Stadt mit dem Fahrrad schneller bewegen kann, macht es sogar Sinn Fahrrad zu fahren. Doch das Auto wird weiterhin geraucht, vor allem auf dem Lande. Ob man immer so schnell fahren muss, darüber sollte man einmal nachdenken. Man kann auch mit 80 über die Lande fahren und auf Autobahnen mit 130.
5. Verändertes Bewußtsein
GerhardFeder 11.09.2011
Nicht umsonst gibt es in Berlin den Begriff "Kampfradler". Die Nutzer dieses Verkehrmittles changieren wie ein Chamäleon zwischen einem Verhalten als - verhinderte Autofahrer, - Zweiradfahrer, - Freizeitsportler und Fußgänger. Dabei immer den eigenen Vorteil suchend und meist ohne Rücksicht auf jede Regel. Beispiele kann jeder sehen, der sich mal 10 Minuten an einer verkehrsreichen Kreuzung aufhält. Allgemein läßt sich sagen, das ein großer Teil des Chaos im Straßenverkehr nicht an einem zu wenig, sondern an den zuvielen Regeln liegt. Immer feinere Ideen des Gesetz- und Verordnungsgebers, die entweder keiner kennt oder keiner mehr ernst nimmt und die - typisch für den heutigen Staat - nur noch selten und punktuell kontrolliert werden, meist da, wo es für den Staat etwas zu verdienen gibt.
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