Günstige Oldtimer - Saab 900 Thors Turbo

Wenig Geld, aber trotzdem Lust auf einen Oldtimer? Kein Problem - es gibt sie nämlich, die Schnäppchenschlitten. Diesmal: der Saab 900, ein Turbotraum.

Michael Poltz

Von Haiko Prengel


Günstige Oldtimer
    Sie haben richtig Lust auf einen Oldtimer, trauen sich aber nicht, einen zu kaufen, weil Altautos in vielen Medien nur noch als Wertanlage thematisiert werden? Keine Angst, man muss nicht erfolgreich an der Börse spekuliert haben, um schönes Blech zu fahren.

    Klar, für Opas abgelegte Karren von Mercedes oder BMW sind inzwischen stolze Summen fällig, und für die meisten alten Porsches werden heute Mondpreise gezahlt. Aber zwischen all den teuren Strahlemännern, die in der Regel kaum noch bewegt werden, gibt es sie noch: die Mauerblümchen, die Exoten, die kaum jemand auf dem Schirm hat - und die entsprechend wenig kosten. Und das nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Autos, bei denen die Ersatzteilversorgung kein Problem ist und für einen Auspuff nicht ein ganzes Monatsgehalt einkalkuliert werden muss.

Wir haben sie zusammengetragen und stellen sie in einer Serie in regelmäßigen Abständen vor.

Saab 900 - der Schweden-Hammer

Michael Poltz

Allgemeines zum Modell: Aerodynamische Front, konkave Panoramawindschutzscheibe, dazu das schräge Heck mit der großen Heckklappe - als der Saab 900 1978 auf den Markt kam, sah er im Vergleich mit anderen Autos seiner Zeit aus wie ein Raumschiff. Die Konkurrenzmodelle hießen damals Mercedes W123 oder auch Opel Senator, Autos mit klassischem Stufenheck und Kofferraum. Und natürlich viel Chrom.

Beim Saab 900 verzichteten die Ingenieure dagegen weitgehend auf glänzenden Schmuck, stattdessen wurde in wegweisende Technik investiert. Dazu gehörten zum Beispiel sich selbst reparierende Stoßfänger, die sich nach einem Aufprall bei bis zu acht km/h wie von Geisterhand wieder richteten - eine intelligente Wabenstruktur in den Stoßstangen machte es möglich. Oder der serienmäßige Seitenaufprallschutz, den Saab bereits seit 1972 in alle Modelle einbaute.

"Von so etwas hatten deutsche Hersteller zu diesem Zeitpunkt nicht einmal gehört", meint Michael Poltz, zweiter Vorsitzender des 1. Deutschen Saab Club e.V. Weiteres Alleinstellungsmerkmal des Saab 900 - anfangs angeboten als Limousine und Coupé sowie ab 1987 als Cabriolet - war zudem das Zündschloss auf der Mittelkonsole, also zwischen den Vordersitzen. Das mag nach verzichtbarem Schnickschnack klingen, hatte aber für die Saab-Ingenieure ebenfalls seinen Sinn: Bei einem Unfall sollte der Fahrer so nicht durch den Zündschlüssel am Knie verletzt werden.

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal steckte beim Saab 900 aber unter der Haube: Die Schweden setzten nämlich nicht - wie sonst in der gehobenen Mittelklasse üblich - auf Reihensechszylinder-Motoren. Stattdessen beließ man es bei Zweiliter-Vierzylindermotoren, die gegen Aufpreis aber mit einem Turbolader bestückt wurden. Wer in den Siebzigerjahren ein Auto mit Turbo fahren wollte, hatte wenig Auswahl. Porsche 911er und BMW 2002 waren zwei der in Europa mit Ladetechnik gefertigten Fahrzeuge - allerdings in relativ kleiner Stückzahl. "Der Hersteller, der den Turbo alltagstauglich machte, war Saab", sagt Michael Poltz vom Saab-Klub. "Man könnte Saab auch als Pionier des Downsizing betrachten - also relativ kleine Motoren mit viel Leistung."

Beim Preis allerdings betrieben die Schweden kein Downsizing. So kostete ein 900 Turbo Coupé mit drei Türen knapp 40.000 Mark. Für ein 900er Cabrio musste man bei Markteinführung 1987 ab 60.000 Mark berappen - je nach Ausstattung konnten es aber auch über 75.000 Mark werden. Für den gleichen Preis bekam man vor 30 Jahren eine stattlich ausgestattete Mercedes S-Klasse. Kein Wunder: Hatte Saab doch eine ähnlich lange Aufpreisliste wie Mercedes. Gut für Youngtimer-Fans heute: Erstkäufer eines Saab 900 machten bei Extras wie elektrischen Fensterhebern oder Zentralverriegelung häufig ihr Häkchen. Wer keine Klimaanlage orderte, hatte immerhin einen Pollenfilter an Bord.

Bis 1993 wurde der Saab 900 der ersten Generation (Saab 900 I) gebaut, das Cabrio bis 1994. Die anschließende zweite Generation (Saab 900 II) hatte mit dem Vorgänger aber nicht mehr viel gemein: Der Motor war vorne quer statt längs eingebaut, das Getriebe an der Seite statt unter dem Motor. Auch das Fahrwerk war längst nicht mehr so aufwendig konstruiert, wohl auch aus Kostengründen. Seit 1990 gehörte Saab zu General Motors, der Saab 900 II musste sich die Plattform mit dem Opel Vectra teilen. Der GM-Konzern war es dann auch, der die Marke Saab im Jahr 2012 abwickeln ließ.

Warum ausgerechnet der? Der Saab 900 war schon immer ein Auto für Individualisten. Zumindest das Klischee sagt, dass vor allem Hochschulprofessoren, Ärzte und Anwälte auf den eleganten Schweden abfuhren. Angesichts der hohen Anschaffungskosten konnten sich Normalverdiener aber wohl auch keinen Saab 900 leisten. Heute ist das anders: Obwohl der elegante Wagen längst zum Klassiker avanciert ist - hippe Stadtkieze in Hamburg oder Berlin werden besonders gerne mit dem Saab 900 als Straßenmöbel geschmückt -, sind die Preise (noch) erstaunlich moderat.

Sein größter Vorteil: Er sieht nicht nur gut aus, er ist auch zuverlässig und praktisch. Das Fließheck mit der großen Klappe macht den 900 variabel, dank umklappbarer Rücksitzbank kann man zur Not auch einmal einen Kühlschrank oder zwei Laubsäcke aus dem Schrebergarten transportieren.

Saab-900-Fans schwören zudem auf die Motoren. Am robustesten ist der 16V-Benziner (einen Diesel gab es beim Saab 900 I nie), der mit seinen 126 PS schon ordentlich Leistung bietet. "Wir sagen dazu immer Einstiegsdroge", sagt Saab-Experte Poltz. Richtig spaßig wird es dann mit den Turbo-Aggregaten. Am häufigsten ist der 16V-Turbo mit G-Kat und 160 PS. Es gibt aber auch Versionen ohne Kat und 175 PS. Zum Super-Jet wird der Saab 900 mit Turbo-Tuning ab Werk, erkennbar an einem roten Steuergerät. Dann leistet der Zweiliter-Motor 185 PS.

Mit so viel Leistung wäre man in den Achtzigern auf dem Parkplatz vor der Disko zum PS-Gott ernannt worden. Aber noch heute wird Saab-900-Fahrern an der Tankstelle gehuldigt. "Irgendeiner kommt eigentlich immer und schwärmt von dem schönen Auto", erzählt Michael Poltz, der selbst einen alten 900 Turbo fährt. "Oder sie sagen, dass sie genau den als Jugendlicher auch gerne gefahren hätten."

Verfügbarkeit: Der Saab 900 war eines der erfolgreichsten Modelle des schwedischen Autoherstellers, heute ist das Angebot an überlebenden Fahrzeugen entsprechend recht gut. Etwa 60 Prozent der noch existierenden Autos sind Sauger, 40 Prozent sind mit Turbomotor ausgestattet. Letztere waren in der Erstanschaffung teurer und begehrter bei Fans, dadurch wurden sie besser gepflegt und sind heute oft in gutem Zustand. Grundsätzlich kann es lohnen, auch mal auf dem niederländischen Markt Ausschau zu halten. Der niederländische Saab-Klub hat zehn Mal so viele Mitglieder wie der deutsche, entsprechend gut ist im Nachbarland auch die Teileversorgung.

Ersatzteilversorgung: Obwohl es die Marke Saab schon seit fünf Jahren nicht mehr gibt, ist die Teilesituation sehr gut. So ging die frühere Saab Parts GmbH - heute Orio Deutschland GmbH - nicht mit insolvent. Auch viele ehemalige Saab-Stützpunkte sind weiter existent und halten das Servicenetz aufrecht. Für den Saab 900 gilt, dass sämtliche Verschleißteile ohne großen Aufwand und zu moderaten Preisen erhältlich sind. Bei Teilen etwa aus dem Innenraum wird es schwieriger, manches ist hier nur noch gebraucht zu finden. Das Gleiche gilt für spezielle Komponenten, zum Beispiel für Fensterschachtleisten des Cabriolets - diese waren lange Zeit nicht mehr lieferbar. Insgesamt gilt die Saab-Szene als klein, aber quirlig und familiär.

Ersatzteilpreise (beispielhaft):

  • Neuer Turbolader: ca. 800 Euro
  • Satz Bremsscheiben vorne: ca. 70 Euro
  • Lichtmaschine: generalüberholt ca. 200 Euro
  • Reparaturblech für Kotflügel vorn: 55 Euro

Schwachstellen: Trotz Schwedenstahls kann auch ein Saab 900 rosten. Neuralgische Stellen sind der Antriebswellentunnel und die Stoßdämpferaufnahmen hinten. Wenn es hier blüht, wird die Instandsetzung aufwendig und richtig teuer (beim Antriebswellentunnel etwa 850 Euro pro Seite). Im Innenraum fällt einem gerne mal der Himmel auf den Kopf, der Neubezug kostet beim Sattler circa 500 Euro. Die Motoren gelten als langlebig, selbst die Turbomotoren sind bei vernünftiger Pflege für 300.000 Kilometer und mehr gut. Schwäche zeigt bei den Turbos öfter mal das Getriebe, wenn im Alter die Lager verschleißen. Ursprünglich wurde das Getriebe für vergleichsweise harmlose 80 PS im Saab 99 konzipiert. Im Saab 900 Turbo muss es dagegen bis zu 185 PS auf die Vorderachse bringen.

Preis: Ab 1.500 Euro aufwärts kann man fahrbereite Saab 900 finden, mitunter sogar mit einigen Monaten TÜV. Mächtig Reparatur- und Wartungsstau ist dann aber höchstwahrscheinlich. Grundsätzlich sind Modelle mit Saugmotoren nicht so begehrt und damit günstiger, ordentlich erhaltene Exemplare sind für 3000 bis 5000 Euro erhältlich. Für diesen Preis gibt es auch schon 900er Turbos, aber in der Regel mit Schwachstellen. Gute Turbos können auch mal bis 10.000 Euro kosten, beim Cabrio ist es noch einmal das Doppelte.

Anlaufstellen im Internet:

Weitere, fast schon frech günstige Fuhren finden Sie in den vorangegangenen Folgen der Serie:

insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
james_bond 23.12.2017
1. Mehr Kraft bei niedrigen Drehzahlen.
Das was heute in aller Munde ist gab es auch schon in den 80ern. Saab löste es durch einen Turbo und erfand den Komfortturbo. BMW baute den E28 525 eta. Ziel war es Benzin zu sparen durch Absenkung der Drehzahl. Diese Autos empfindet man auch bei niedrigen Drehzahlen als nicht untermotorisiert und sind sehr angenehm zu fahren.
chattagam 23.12.2017
2. schöner Wagen
Das einzigartige Heck ist auf jeden Fall ein Hingucker positiver Art!
michaelXXLF 23.12.2017
3. Der Schlüssel auf der Mittelkonosle
verriegelt vor allem den Rückwärtsgang. Der Saab hatte kein Lenkradschloß, man kann den Schlüssel nur bei eingelegtem Rückwärtsgang abziehen. Der Effekt war, daß der Saab 900 und seine Nachfolger zu den an wenigsten gestohlenen Autos überhaupt gehören. Um die Sperre zu knacken muß nämlich das Getriebe komplett ausgebaut werden. Wegrollen, indem man ihn aufschaukelte, damit der Gang raussprang, konnte man ihn so auch nicht.
larsinos 23.12.2017
4. Saab... eine Kultmarke
...die leider von GM technisch ausgeschlachtet und dann fallen gelassen wurde. Der hochgelobte Opel Insignia, hier wurde Saab Technologie für ein neues Modell abgezogen und in Opel gesteckt, für jeden Saab Fan ein Skandal! Übrigens fehlt in der Liste der guten Anlaufstellen noch www.schwedenteile.de , meiner Meinung nach der beste Saab und Volvo- Ersatzteillieferant und deutlich persönlicher als Skandix und Co, mit einem Inhaber der wirklich (im positiven Sinne) Saab-verrückt ist :)
GPTip.com 23.12.2017
5. konkave Scheibe
Warum wird die Scheibe als konkav bezeichnet? Das lese ich häufiger, aber dann müßte sie doch in Richtung Innenraum gewölbt sein; das kann ich aber nicht erkennen. Weiß da jemand genaueres?
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