Schweizer Kult-Velo Militärrad erobert die Straße

Ob Regierungsviertel oder Bergdorf - das Schweizer Armeerad ist das neue Kultobjekt. Einst trat die Truppe in die Pedale, jetzt findet das Velo plötzlich massenhaft zivile Freunde. Dabei ist es ein Körperschinder. Denn es hat nur einen Gang.

Aus Bern berichtet Michael Soukup


Wie in jedem anderen Land schimpft auch ein Schweizer hin und wieder auf die Regierung. Dann heißt es halb verärgert, halb resigniert: "Die in Bern machen sowieso, was sie wollen." Eines kann das Volk seinen Bundesräten aber kaum vorwerfen: mangelnde Bürgernähe. Abgehoben ist man vielleicht in Brüssel, Berlin oder Paris, aber sicher nicht in der Hauptstadt. Wo fährt der Verkehrsminister schon mit der Trambahn zur Arbeit? Und welcher Minister verzichtet auf den Dienstwagen - zugunsten eines alten Drahtesels?

Der von Ueli Maurer ist fast 60 Jahre alt, 22 Kilogramm schwer und besitzt keine Gangschaltung. Und als ob das nicht beschwerlich genug wäre, hat sich der Schweizer Verteidigungsminister extra eine Dienstwohnung außerhalb Berns genommen. "So kann ich ab und zu mit dem Militärrad zur Arbeit fahren", wie er SPIEGEL ONLINE erzählt. "Auf direktem Weg habe ich bloß 30 Minuten, deshalb mache ich einen größeren Umweg." Sonst brauche er gar nicht zu duschen.

Das ist nicht etwa ein PR-Gag wie im vergangenen März, als Maurer wegen des deutsch-schweizerischen Steuerstreits seinen Dienst-Mercedes verbannte und zeitweise ein französisches Modell fuhr. Nein, der frühere Parteipräsident der Schweizerischen Volkspartei (SVP) ist ein "Rädli-Bueb". Er hat seinen gesamten Militärdienst bei der Radtruppe geleistet - vom Rekrut 1970 bis zum Major 1996. Getreu dem Truppenmotto "einmal Radfahrer, immer Radfahrer" schwingt sich der 59-Jährige so oft wie möglich auf den dreifach gefederten Ledersattel.

Der konservative Politiker liegt damit voll im Trend. Ob in Berns Regierungsviertel, vor der UBS am Zürcher Paradeplatz oder in einem Bündner Bergdorf, es rollt jetzt nahezu überall: Das "schwarz emaillierte Rad mit starrem Rahmen, ausgerüstet mit den Pneumatiks, Acetylenlaterne und Glocke", wie es die "Allgemeine Schweizerische Militärzeitung" damals beschrieb - das sogenannte Bundes-Normalfahrrad.

Feldtauglich nur mit intaktem Fahrrad

Bis 1904 mussten die Soldaten der 1892 eingeführten Truppengattung ihr eigenes Rad mitbringen. Wenn es beschädigt war, wurde der Soldat vom Radfahren befreit oder gar zur Infanterie zurückversetzt. "Eine Radfahrertruppe ist nur feldtauglich, wenn sie mit einem einheitlichem Kriegsrad, dessen einheitliche Ersatzbestandteile auswechselbar sind, ausgerüstet wird", stellte das Militär fest. Das "Ordonnanzrad 05", wie es offiziell hieß, wurde im Auftrag der Kriegsmaterialverwaltung von 1904 bis 1988 produziert - insgesamt waren es 68.614 Stück.

2003 wurde zwar die letzte Radfahrtruppe der Welt ausgemustert, ihre Fahrräder erleben jedoch heute eine Wiedergeburt. Seit die Räder von der Armee versteigert wurden, sind sie im Internet oder in Fahrradläden erhältlich. Je nach Jahrgang und Zustand bewegen sich die Preise von 500 bis 700 Franken. Das Rad ist nicht nur in der Schweiz ein Renner. "Einige Kunden kommen extra aus Berlin und Hamburg angereist, um ein Ordonnanzrad zu kaufen", sagt Thomas Ernst, Geschäftsführer von Velo-Zürich.

Der Designklassiker überbrückt ideologische Gräben. "Es ist eine Ironie, dass ausgerechnet ich ein Militärrad fahre", wundert sich Dominik Straumann, Gesundheitsökonom aus Winterthur. Als 18-Jähriger stimmte er vor 20 Jahren in der historischen Volksabstimmung für die Abschaffung der Schweizer Armee. Doch die Unverwüstlichkeit und die Rolleigenschaften des Rads haben es Straumann angetan: "Mit einem Gang und der Rücktrittbremse kann man sich in der Stadt vollkommen aufs Radeln konzentrieren." Das gute Stück erwarb er für 299 Franken in einem Fahrradladen.

Auffallen mit coolem Understatement

Nic Schaub besitzt gar drei Exemplare. Ein Rad begleitete ihn von Basel zum Studium nach St. Gallen und Stockholm. "Das Velo ist so robust, dass es problemlos mit dem Zug oder dem Flugzeug transportiert werden kann." Mittlerweile arbeitet der 25-Jährige als Investmentbanker in Frankfurt. "Es ist schon cool, mit dem Velo zwischen den Bankentürmen umherzukurven". Täglich fährt er mit dem Rad 20 Minuten in die Frankfurter Innenstadt, wo er es neben den Porsches seiner Arbeitskollegen abstellt.

In der Schweiz erkennen Fans auf den ersten Blick, welches Exemplar sie vor sich haben: Die Produktionsnummer findet sich rechts auf dem Sattelrohr. Links ist das Baujahr eingefräst. Verblüffend ist, dass über all die Jahrzehnte am Rad praktisch nichts verändert wurde. Einzige Verbesserungen waren 1944 eine zusätzliche Hinterradtrommelbremse und 1986 eine integrierte Fahrradlampe.

Die Böni-Trommelbremse steigerte die Fahrsicherheit. Vorher standen nur die Vorderradpneu- und die Torpedorücktrittbremse zur Verfügung. "Den Bergpass herunter erhitzten sich die Rücktrittbremsen oft so stark, dass sie rot glühten", erinnert sich Arnold Moser, der die Radler-Rekrutenschule 1958 absolvierte. Dabei konnte sich das Eisen verformen und das Rad blockieren. "Dann mussten wir bei der Notdurft zu Notlösungen greifen, bis es sich wieder herunter gekühlt hat", schmunzelt der 71-Jährige. Das Mitglied der Historischen Radfahrer Kompanie unternimmt mit 20 bis 30 anderen Radfans regelmäßig Ausflüge auf dem Militärrad, "komplett uniformiert". So werde die Tradition aufrechterhalten. "Die Waffe haben wir aber nur an Defilees dabei, wo wir in Gruppierungen fahren."



insgesamt 18 Beiträge
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thokolosh 28.07.2009
1. Schweizer Fahrrad
Obelix hatte Recht! Die Herren sollten sich ein Beispiel an der deutschen Gesundheitsministerin nehmen. Jawoll!
Suppenkoch, 28.07.2009
2. Kultobjekt
Mein Gott, schon wieder ein neues "Kultobjekt", nur weil da ein paar Leutchen drauf rumfahren. In der Zukunft hat wohl jeder Gegenstand seine "15 minutes of being a Kultobjekt". Was für ein Quatsch.
supercat 28.07.2009
3. hällt SPON Sommerschlaf?
Wow was für ein neuer Trend!! Seit schon fast 10 Jahren sieht man massen von Zivilisten, auf Mitärräder, in der Schweiz rumfahren. Das "Designobjekt" ist so rar, und kultig wie ein Migros oder Coop Tüte.
Born to Boogie, 28.07.2009
4. Na ja . . .
Zitat von supercatWow was für ein neuer Trend!! Seit schon fast 10 Jahren sieht man massen von Zivilisten, auf Mitärräder, in der Schweiz rumfahren. Das "Designobjekt" ist so rar, und kultig wie ein Migros oder Coop Tüte.
Also, hier in Hamburg habe ich noch nie eins gesehen.
akrisios 28.07.2009
5. Zur Frage kultig
Wenn ich es kultig brauche steige ich auf mein kongeniales "Heidemann-Werke Einbeck" aus der Vorkriegszeit. Ähnlich schwer, auch nur 1-Gang und ein deutlich schönerer ziviler Hingucker als dieses letzte Aufbäumen dieses aufgesetzten Pseudo-Swissmade-Kults.
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