Seat 850 Spider: Cabrio mit italienischen Genen

Die Atmosphäre hat etwas Morbides - im Gebäude Nummer 122 des alten Seat-Werk stehen die Schätze der spanischen Automobilgeschichte. Ein besonders hübsches Modell ist der 850 Spider. Tom Grünweg war noch einmal mit dem Sportwagen-Oldie unterwegs.

Seat 850 Spider: Fiats armer Cousin Fotos
Jordi Gibert

Bauschutt, Ruinen, Rost und verödete Flächen - wo früher einmal das industrielle Zentrum Spaniens lag, bleibt heute nur noch die Erinnerung. Seit der Autohersteller Seat das Stammwerk nach Martorell verlagerte, geht es in der Zona Franca vor den Toren Barcelonas vergleichsweise ruhig zu. Isidre Lopez findet das gar nicht mal so schlecht. Denn nur so kam er an den Schlüssel für das Gebäude 122, in dem nun die gesammelte Geschichte der "Sociedad Española de Automóviles de Turismo", kurz: Seat, parkt.

Sauber verpackt in Plastikfolie stehen in dieser Halle fast 200 Oldtimer und Rennwagen, Designstudien und Sondermodelle, die vom ebenso bewegten wie außerhalb Spaniens so gut wie unbekannten Werdegang der Marke zeugen. Andererseits hat man viele der Fahrzeuge hier so ähnlich schon einmal gesehen. Was an einem Lizenzabkommen zwischen Seat und Fiat liegt, das die Gründung des spanischen Unternehmens vor mittlerweile 61 Jahren erst ermöglichte.

Strippenzieher hinter der Kooperation war der spanische Diktator Franco, der sein wirtschaftlich weitgehend isoliertes Land mobil machen wollte, und deshalb mit Hilfe der Banken, dem nationalen Industrieinstitut und der Technik aus Italien am 9. Mai 1950 den Staatskonzern Seat gründete. Ende 1950 begannen in der Freihandelszone am Hafen Barcelonas die Arbeiten für das neue Werk, 1951 wurde die erste Produktionsstraße installiert, und am 13. November 1953 lief das erste Auto vom Band: Ein spanischer Zwilling des Fiat 1400 A.

Das mit Abstand schönste Auto in der Fiat-Ära von Seat ist allerdings der 850 Spider. 1966 kam mit diesem Modell erstmals so etwas wie Leidenschaft ins schnöde Geschäft der Massenmotorisierung. Und es braucht nur einen Dreh am Zündschlüssel, dann kehrt die Erinnerung zurück. Denn natürlich steht im Fuhrpark von Senor Lopez auch ein Exemplar dieses Typs, das für kleine Testfahrten in die Vergangenheit ab und zu Auslauf erhält.

Fröhlich schnurrt der blaue Spider durch rote Backsteintäler

Wie jetzt, als sich der 0,9-Liter-Vierzylindermotor im Heck frisch und munter sowie mit 52 PS Leistung dienstbereit meldet. Als Fahrer sinkt man erstmal tief ein in den kleinen Ledersitz, das Verdeck ist bereits unter die große Klappe im Nacken gestopft. Die linke Hand greift zum dürren Holzlenkrad, die rechte an den kleinen Schaltknauf.

Los geht es - und wie. Das Auto wiegt lediglich 730 Kilo und ist kaum größer als ein Autoscooter. Fröhlich schnurrt der 850er ersteinmal durch das Klassiker-Spalier der Seat-Sammlung, rollt durch das große Tor auf die Werksstraße und weckt den Wunsch nach einer Portion Fahrspaß. Der Fahrtwind wirbelt durchs Auto, obwohl der Tacho noch keine 100 km/h zeigt. Um derart in Fahrt zu kommen, braucht der Oldie heute rund 20 Sekunden. Früher war der Spider sicher stürmischer - immerhin lief er in besseren Tagen 150 Sachen.

Das mal wieder auszuprobieren, ist leider nicht möglich. "Keine Chance", sagt Sammlungschef Lopez, und der Pförtner hält die Schranke geschlossen. "Noch hat der Wagen keine Zulassung und bleibt deshalb drin." Doch selbst auf den Straßen des alten Werksgeländes kommt ein Hauch mediterranes Flair auf, wenn der blaue Spider durch die roten Backsteinschluchten surrt und vor dem alten Auditorium ausrollt. In den fünfziger Jahren als architektonisches Schmuckstück ausgezeichnet, ginge die ehemalige Vorstandskantine mit Palmen, Springbrunnen und Goldfischteich auch heute noch als schicke Strandbar durch, wenn nicht rings herum Lastwagen fahren und Blechpressen stöhnen würden.

Doch muss man den Spider nur ein paar Minuten in die Sonne stellen und in Ruhe betrachten, schon ahnt man, wie schön es mit diesem Auto früher gewesen sein muss. Und das gilt nicht nur für dieses Modell alleine. Der Oldie steht sinnbildlich für die gesamte Marke.

So richtig rund läuft es bei Seat noch immer nicht

Vor 25 Jahren kam Seat und das Volkswagen-Dach, nachdem 1981 die Liaison mit Fiat in die Brüche gegangen war. Waren bis dato Fiat- und ganz selten auch einmal Lancia-Modelle die Basis von Seat-Fahrzeugen, arbeitet die spanische Marke seitdem mit Bauteilen aus dem Komponentensatz von VW. Allein den ersten Kleinwagen namens Ibiza aus dem Jahr 1984 feiern die Spanier zurecht als eigene Entwicklung, wenngleich das Design von Giugiaro und der Motor von Porsche stammte.

Den großen Durchbruch gab es trotzdem nicht. Zu wechselhaft war die Markenpositionierung, zu undurchsichtig die Modellplanung. Ein Auto wie die wunderschöne Roadster-Studie Tango von der IAA 2001, die ganz im Geist des 850ers prima zu Seat gepasst hätte, bekam nie die Serienfreigabe. Stattdessen wurde, als neues Flaggschiff, der Toledo entwickelt, ein Autos, das sich nicht einmal in Spanien verkaufen ließ, weil ihm das klassische Stufenheck fehlte.

Vor ein paar Jahren riss VW das Ruder noch einmal herum und leitete eine Modelloffensive ein. Der sportliche Polo-Ableger Ibiza machte den Anfang, nächstes Jahr kommt der neue Leon. Außerdem schlägt sich der recycelte Audi A4 wacker als Seat Exeo, und bei der neuen Großraumlimousine Alhambra kommen die Spanier kaum mit der Produktion nach. Das zeigt Wirkung - zumindest auf dem Heimatmarkt: Zum ersten Mal seit 31 Jahren stand Seat dort 2010 wieder auf Platz eins der Zulassungsstatistik.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Titelverzicht ist in!
Diwoka1 11.03.2011
Zitat von sysopDie Atmosphäre hat etwas Morbides - im Gebäude Nummer 122 des alten Seat-Werk stehen die Schätze der spanischen Automobilgeschichte. Ein besonders hübsches Modell ist der 850 Spider. Tom Grünweg war noch einmal mit dem Sportwagen-Oldie unterwegs. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,747794,00.html
Lieber Herr Grünweg, in wie weit unterscheidet sich den der SEAT 850 vom Fiat 850 Spider.... http://de.wikipedia.org/wiki/Fiat_850 Sollte man nicht eher das Original beschreiben und nicht die lizensierte Fassung?
2. Hingucker
Luckyman 11.03.2011
Ich kann die Begeisterung des Autors für den Se(Fi)at Spider verstehen. Fiat hat damals wunderschöne Autos für erschwingliches Geld entwickelt. Einen solchen Spider, allerdings das Original von Fiat, besaß ich auch einmal. Man mußte schon hart im Nehmen sein, sowohl was den Lärm als auch bei Regen das Wasser im Innenraum betraf. Das Stoffdach war nur einlagig und ließ den Lärm ungefiltert ins Innere, ebenso wie manch Wasserrinnsal bei einer Regenfahrt. Eine längere Autobahnfahrt mit höherer Geschwindigkeit konnte schnell in einen Härttest ausarten. Der Lärm, die harte Federung und das Hoppeln des Fahrzeugs wegen des sehr kurzen Radstands waren eine Herausforderung. Trotzdem ist das schön gezeichnete Auto auch heute noch ein Hingucker, soweit es noch welche gibt. Der (Fiat-typische) Rost hat die meisten dahingerafft....
3. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Machine 11.03.2011
Zitat von Diwoka1Lieber Herr Grünweg, in wie weit unterscheidet sich den der SEAT 850 vom Fiat 850 Spider.... http://de.wikipedia.org/wiki/Fiat_850 Sollte man nicht eher das Original beschreiben und nicht die lizensierte Fassung?
Und wie sollte dann die Werbung für Seat funktionieren? ;-) Auf den ersten Blick unterscheidet sich der SEAT für mich nicht vom Fiat. Da ist ja auch "nichts dran", das man ändern könnte. Ich kann mich aber nicht an den Oma-Griff auf dem Armaturenbrett erinnern, den der SEAT aus dem Artikel trägt. Vielleicht ist das eine spanische Eigenart? Ein Freund hatte in den 80ern einen 850er Spider von Fiat. Sobald der Kalender "Frühling" signalisierte, fuhren wir mit dem Ding herum – gerne auch mal zu dritt, denn zwischen Vordersitzen und Klappverdeck passte gerade so noch jemand hinein. Ja, ja, das waren noch andere Zeiten und wir waren noch jung. Der Autor hat schon recht. Das Ding fuhr sich nicht unflott, der Motor war recht giftig – und vor allem der Sound stellt die heutigen computerdesignten Langeweiler weit in den Schatten. IIRC war das Auto 15 Jahre alt, als es ihm in die Hände fiel. Ich will nicht verschweigen, dass die Kiste faul ohne Ende war. In der Hinsicht hat sich einiges getan, denn wenn ich mir heute meinen 16 Jahre alten Renault ansehe, kriege ich die Krise, wenn ich einen Steinschlag auf der Motorhaube entdecke, so tadellos steht der noch da. Wie oft wir mit dem Spider eine Panne hatten? Oft! :-)
4. Ein Frühwerk vom sehr tallentierten Giugiaro
MJM1605 11.03.2011
Ja der Fiat (Seat) 850 Spider. In meiner Familie hatten wir ein paar davon. Mein Vater hat damit seine erste (meine Mutter) und seine zweite Frau ausgestattet. Produziert wurde er im Fiatauftrag von Bertone, was auch mit ein Grund dafür war dass er schon nach zwei Jahren durchgerostet war. Bertone als Nischenhersteller hat halt gespart wo er konnte. Das Coupe mit gleicher Technik und von FIAT produziert hatte derlei Probleme nicht. Bis Giovanni Agnelli 1966 die Macht bei Fiat übernahm. Daraufhin rosteten alle FIAT. Gezeichnet ist er vom jungen Giorgetto Giugiaro als er noch bei Bertone Angestellt war. Damals gab es eben noch intelligente und korrekte Herren (Nuccio Bertone), die Talent mit Respekt und nicht mit Neid und Missgunst begegnet sind und auch begriffen haben dass es einem zum eigenen Vorteil gelangt wenn man “Caesar gibt was Caesar zusteht”. Übrigens war der Seat Ibiza nicht die erste, von Fiat unabhängige, Eigenkreation. Seat hatte vorher schon den SEAT 1200 Sport Coupe kreiert. Dieser war wiederum von Aldo Sessano, ein alter Arbeitskolege von Giugiaro bei FIAT Anfang der sechziger Jahre, gezeichnet.
5. :)
glücklicher südtiroler 11.03.2011
Zitat von sysopDie Atmosphäre hat etwas Morbides - im Gebäude Nummer 122 des alten Seat-Werk stehen die Schätze der spanischen Automobilgeschichte. Ein besonders hübsches Modell ist der 850 Spider. Tom Grünweg war noch einmal mit dem Sportwagen-Oldie unterwegs. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,747794,00.html
Schöner Artikel über den Triumph der Langsamkeit... Schade, daß es dem Autor nicht vergönnt war das ehemalige Werksgelände zu verlassen und eine der wunderschönen Küstenstraßen entlangzufahren. Das Auto ist ein klassisches Dreijahreszeitenauto, die Fahrer sollten Zeit, Lust, und wie die Vorredner richtigerweise bemerken, etwas Härte im Nehmen mitbringen. Ich hatte einmal das Vergnügen, allerdings die fast baugleiche Fiat 850 Coupe' Version,... http://www.sueddeutsche.de/auto/blech-der-woche-fiat-coupe-gefuehlte-rasanz-1.141836 ...zu fahren. Bei 70 glaubt man bereits zu rasen und zu fliegen; wenn man heute 130 fährt, glaubt man fast man stehe auf dem Parkplatz. VW sollte Seat aufwerten und nicht einfach Modelle wie den Sharan als Alhambra badgen oder ausgemusterte Audipressformen neu auflegen. Auf die Dauer killt man damit eine Marke... ;( Viele Grüße aus Südtirol...
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Klassiker-Info

Seat 850 Spider

Bauzeit: 19668 bis 19742

Preis: 138.000 Peseten

Motor: Vierzylinder-Benziner

Hubraum: 903 ccm

Leistung: 52 PS/38 kW

Vmax: 150 km/h



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