Bart de Vries' selbst gebaute Luxuskarossen Sein erstes eigenes Auto

Als Kind baute sich Bart de Vries sein Spielzeug selbst. Als junger Mann auch - und zwar eine fast sechs Meter lange Limousine mit Achtzylindermotor. Jetzt, mit Anfang 60, hat er wieder zum Werkzeug gegriffen.

Von Kai Kolwitz

Jordi Huisman

"Schon mit sieben Jahren habe ich mir mein Spielzeug selbst gebaut", sagt Bart de Vries. Inzwischen ist er 61, doch in gewisser Weise ist alles noch so wie damals. Gemeinsam mit seiner Frau Diana hat er eine alte Mühle in seinem Geburtsort Nieuwe Niedorp nördlich von Amsterdam in eine Art Villa Kunterbunt verwandelt. Und in der Werkstatt mit dem hölzernen Doppeltor, direkt neben der großen Wohnküche, stehen zwei Autos, die man sonst nirgendwo sonst auf der Welt finden wird. Denn de Vries hat sie selbst gebaut.

Eine der zwei Eigenkreationen schuf er schon mit Ende 20, vor der Geburt seiner Tochter Romy. Ein weißes Cabriolet, in den geschwungenen Formen der Vorkriegsmodelle, mit gigantischen, in den Himmel ragenden Kotflügeln. Der Wagen ist so expressiv, dass er auch sehr gut in "The Great Gatsby" hätte mitfahren können.

Stolze Eigenkreation: Das selbstgebaute Auto von Bart de Vries
Jordi Huisman

Stolze Eigenkreation: Das selbstgebaute Auto von Bart de Vries

Als Vorbild hatte sich de Vries damals einfach eine Legende des Automobildesigns ausgesucht, den Bucciali TAV2 - ein seit Jahrzehnten verschollenes Einzelstück einer Marke, die nur eine zweistellige Stückzahl an Automobilen fertigte. Der TAV2 entstand Ende der Zwanziger, eingekleidet wurde er von Saoutchik, einer Karosseriemanufaktur, die auch für Bugatti, Delahaye oder Hispano Suiza arbeitete.

"Lass den Bart mal machen"

"Meine Freunde haben damals immer gesagt, 'lass den Bart mal machen'", erinnert sich de Vries. Und fügt hinzu: "Ich mag diese geschwungenen Formen. Sie finden sich in allem, was ich baue." Dabei hat de Vries gar keine handwerkliche oder technische Ausbildung: Ins Berufsleben ist er als Schaufensterdekorateur gestartet, heute fertigt er Skulpturen, entwirft Firmenlogos, baut Ladeneinrichtungen und stellt Möbel her - alles in der alten Mühle, die zwischen der Nordsee und dem Ijsselmeer liegt.

Die Entstehungsmethode des weißen Riesen beschreibt er als "Trial and Error - versuchen und verwerfen". Gleichzeitig ist das die Maßgabe seines persönlichen Lernprozesses: "Wenn etwas nicht funktioniert, muss man eben noch mal anfangen. Vielleicht muss man es auch mit anderem Material probieren."

So lieferte ein Chevrolet die Grundlage für das Chassis des Einzelstücks, allerdings musste der Unterbau für die Aufnahme der neuen Hülle stark verändert werden. Die wiederum ist handgedengelt und würde jedem Karosseriebauer als Meisterstück zur Ehre reichen. Den Antrieb besorgt ein Reihen-Achtzylinder aus einem Buick Roadmaster des Baujahrs 1952. Ein Ungetüm von einem Motor, das man eher im Maschinenraum eines Schiffs vermuten würde.

In dreißig Jahren hat Familie de Vries mit dem Eigenbau rund 120.000 Kilometer zurückgelegt, inzwischen überzieht feine Patina den weißen Lack und die Ledersitze des Wagens. "Wir campen gerne", erzählt Diana de Vries von den gemeinsamen Reisen mit ihrem Mann. "Es gibt jedes Mal eine Menge Aufsehen, wenn wir mit diesem Wagen ankommen - und dann unser Zelt aufbauen."

De Vries und seine Tochter Romy in der Werkstatt
Jordi Huisman

De Vries und seine Tochter Romy in der Werkstatt

Wer sich im Wagen umsieht, erblickt Unmengen faszinierender Detaillösungen. Die Sitzverstellung zum Beispiel funktioniert per Rändelschrauben, das Lenkrad hat Bart aus Kunstharz selbst gegossen, den Verdeckmechanismus selbst konstruiert und gefräst, Griffe, Scharniere, Schlösser, überall sieht man verchromten Stahl, den es so niemals irgendwo zu kaufen gab.

Bart de Vries legt großen Wert darauf, dass er keine Kopie hergestellt hat, sondern eine eigene Idee verwirklichte. Er habe sich lediglich inspirieren lassen. "Der Chef der Zulassungsbehörde hat den Wagen damals gesehen und gesagt: ,Da müssen wir einen Weg finden, damit der auf die Straße kommt'."

Den Eigenbau nutzt Bart übrigens auch im Alltag: In der Familie gibt es sonst nur noch den kleinen Fiat von Diana. Wenn sie unterwegs ist, rollt de Vries mit seinem Eigenbau auch mal zum Einkaufen.

Im zweiten Gang auf Tempo Hundert

Eine Proberunde über die Landstraßen in der Umgebung der alten Mühle reicht, um zu verstehen, warum de Vries den Wagen so oft es geht nutzt. Für ein 5,70-Meter-Schiff ist er nämlich agil und fahrsicher. Die Kotflügel voraus scheinen bis in den Himmel zu ragen, nur leicht zittern sie, wenn die Straße uneben wird.

De Vries steuert seinen Eigenbau mit 80 km/h durch einen der in den Niederlanden allgegenwärtigen Kreisverkehre und lächelt: "Der hat Drehmoment", meint er, "der zweite Gang reicht bis hundert, man kann direkt von eins nach drei oder von zwei nach vier schalten." Dazu klingt der Motor so, wie acht Zylinder und 5,2 Liter Hubraum eben klingen: brummig, mächtig, aber niemals aggressiv.

Drei Jahre hat der Aufbau des Wagens damals gedauert. Danach ist de Vries vor allem gefahren, hat sich um seine Familie gekümmert, Geld verdient und die Mühle ausgebaut.

Doch dann, vor ein paar Jahren hat es ihn wieder gejuckt. Und so parkt hinter dem weißen Riesen inzwischen ein zweiter Eigenbau: Das "Teardrop Coupé". Handgedengeltes Aluminium, auf einem Skelett aus dem Holz einer Esche, die Bart in den Neunzigern hinter der Mühle gefällt hatte. Die Technik stammt von einem Jaguar Mark VIII aus den Fünfzigern, mit dem gleichen Motor, der auch den Sportwagen Jaguar XK140 angetrieben hat. 200 PS leistet er im Teardrop Coupé, bei 1400 Kilogramm Leergewicht.

Demnächst will de Vries ihn zur Zulassungsstelle bringen. Da muss es einfach wieder einen Weg geben, den Wagen auf die Straße zu bringen.

Eigenbau Nummer Zwei: Dieser Wagen soll auch bald fahren
Jordi Huisman

Eigenbau Nummer Zwei: Dieser Wagen soll auch bald fahren

Ein Porträt über Bart de Vries ist ebenfalls bei "Freunde von Freunden" erschienen. Den Text finden Sie hier.

Freunde von Autos
  • Luke Abiol
    SPIEGEL ONLINE stellt Männer und Frauen mit ganz besonderen "Beziehungskisten" vor - Menschen, die mit ihrem Auto ein größeres Ziel im Blick haben als nur den Weg von A nach B. Sie sind "Freunde von Autos". In Kooperation mit dem internationalen Interviewmagazin "Freunde von Freunden" zeigen wir Porträts zeitgenössischer Autokultur.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
assiwichtel 10.12.2015
1.
Falls Herr de Vries mal des Cabrios überdrüssig sein sollte, bitte melden, nehme ich ;-) Die 5.70 m Länge sind zwar für meine Garage problematisch, aber das findet sich.
relative_wahrheiten 10.12.2015
2. Respekt...
für solch eine Handwerkliche Leistung. Mehr gibt es nicht dazu zu sagen.
Hupert 10.12.2015
3. Mehr Detailfotos...
...wären sehr wünschenswert gewesen aber ansonsten bleibt einem wohl nur aus handwerklicher Sicht den Hut vor dem Mann zu ziehen.
felisconcolor 10.12.2015
4. einfach
nur wunderschön. Man kann eben doch alles machen, man muss es nur wollen
wrtlprmpft 10.12.2015
5.
nice cars, just the designs are not quite original the rims are Bugatti Type 41 inspired, there is definitely a Mercedes SS visible, and Bugatti Type 57 ...
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