Bildband "Sleeping Cars" ... und jetzt schlaf, Wagen

Bei den Arbeiten zum seinem Bildband war Gerd Ludwig der Polizei gegenüber einfach ehrlich: "Ich fotografiere schlafende Autos", entgegnete er, wenn man ihn nachts anhielt. Sie aufwecken? "Zu riskant!"

Gerd Ludwig/ National Geographic Creative/ Edition Lammerhuber

Ein Interview von


"Ich bin eine Nachteule. In den Stunden, in denen sich Träume und Wirklichkeit vermischen, treibe ich mich auf den Straßen herum und fotografiere schlafende Autos, ständig auf der Suche nach Fahrzeugen, die mir etwas mitzuteilen haben." - Gerd Ludwig im Vorwort zu seinem Bildband "Sleeping Cars".

SPIEGEL ONLINE: Herr Ludwig, Sie finden da sehr liebevolle Worte für geparkte Pkw.

Ludwig: Die Fahrzeuge, die ich für den Bildband fotografiert habe, sind außergewöhnliche Wesen. Für mich haben Sie fast etwas Menschliches. Die Idee zu dem Bildband kam mir, als ich vor einigen Jahren mit einem befreundeten Schriftsteller durch Los Angeles gefahren bin, wo ich lebe. Natürlich steckten wir auf einem überfüllten Highway im Stau fest. "Wo kommen diese vielen Fahrzeuge nachts bloß unter?", fragte mein Besucher. Diese Frage fand ich spannend. Also habe ich mir geparkte Autos genauer angeschaut - und dabei festgestellt, dass ich mich zu bestimmten Exemplaren besonders hingezogen fühle.

SPIEGEL ONLINE: Was zieht Sie an diesen Autos an?

Ludwig: Ihre Ausstrahlung. Sie beherrschen ihre Umgebung, selbst wenn sie zugedeckt sind. Sie scheinen etwas über ihre Besitzer zu verraten und lassen in den Köpfen der Betrachter gleichzeitig Geschichten entstehen. Zum Beispiel das Motiv mit der zerlumpten Abdeckung: Schert sich der Besitzer einfach nicht um den Wagen - oder liegt er seit Monaten tot in seinem Haus oder musste fluchtartig die Stadt verlassen?

Gerd Ludwig/ National Geographic Creative/ Edition Lammerhuber

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Abdeckungen der Autos gelüftet, um die Modelle und Marken zu erkennen?

Ludwig: Nein, das wollte ich nicht riskieren - dazu gibt es hier zu viele Schießwütige.

SPIEGEL ONLINE: Verstehe. Aber hat Sie das nicht interessiert?

Ludwig: Ich kenne da so einen Autonarren, der hat nachträglich fast alle Modelle herausgefunden. Er hat Stunden vor dem Computer verbracht und die Silhouetten und Räder der fotografierten Fahrzeuge mit anderen Aufnahmen abgeglichen. Aber ich will die Identitäten der Wagen nicht enthüllen - so bleibt den Bildern etwas Geheimnisvolles und Schleierhaftes bewahrt. Ich fotografiere ja auch am liebsten in nebligen Nächten oder bei tiefhängenden Wolken.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Ludwig: Die Lichter von Los Angeles tauchen den Himmel dann in ein unheimliches Orange und Braun. Die Stadt ist sehr weitläufig, manchmal schaue ich deshalb auf den Webseiten der Online-Verkehrskameras, wo günstige Wetterverhältnisse für mich herrschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie findet es die Polizei, wenn Sie in nebligen Nächten die Autos fremder Leute fotografieren?

Ludwig: Ich wurde ein paar Mal von der Polizei angehalten und gefragt, was ich da mache.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie denen gesagt?

Ludwig: Dass ich schlafende Autos fotografiere.

SPIEGEL ONLINE: Ach ja?

Ludwig: Die haben mich natürlich für verrückt gehalten. Oder für einen Spanner. Aber für solche Fälle habe ich aber immer ein paar Ausgaben von "National Geographic" dabei, in denen meine Arbeiten erschienen sind.

SPIEGEL ONLINE: Damit ließen sich die Polizisten überzeugen?

Ludwig: Ja, und nachdem ich ihnen weitere Aufnahmen von schlafenden Autos auf meinem iPad gezeigt habe, haben manche mir sogar Tipps gegeben, wo interessante Autos stehen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie solche Hilfe gebrauchen?

Ludwig: Natürlich. Anfangs fuhr ich ziellos durch die Gegend und suchte die Viertel nach Autos ab. Dann fing ich an, auch tagsüber Ausschau zu halten und machte mir Notizen, wo passende Fahrzeuge geparkt sind. Mittlerweile bekomme ich auch nützliche Hinweise von Freunden.

Zur Person
    Gerd Ludwig, 69, stammt aus Hessen und lebt seit vielen Jahren in den USA. Seit Anfang der Neunziger zählt er zum festen Stamm des Fotografen-Teams von "National Geographic". Er dokumentierte unter anderem die Umwälzungen in der ehemaligen Sowjetunion ("Russland - Eine Weltmacht im Wandel") sowie die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ("Der lange Schatten von Tschernobyl"). Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Lucie Award als Fotograf des Jahrs 2006 und dem Erich-Salomon-Preis. Ludwig fährt nach eigener Auskunft einen "etwas langweiligen" Jeep Cherokee, der nachts in seiner Garage schläft.

SPIEGEL ONLINE: Kommen auch Leute auf Sie zu und bieten ihre Autos als Motiv an?

Ludwig: Einmal fragte mich ein junger Mann, wieso ich mitten in der Nacht Aufnahmen vor seiner Hofeinfahrt mache. Ich zeigte ihm also meine "National Geographic"-Ausgaben und die Fotos auf dem iPad, und da war er richtig begeistert von dem Projekt. Er erzählte mir dann, dass er sein Auto Syd getauft habe und schickte mir am nächsten Tag eine Mail mit der Hoffnung, Syd schaffe es in die Auswahl.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Ludwig: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nicht?

Ludwig: Es lag an der Art, wie er geparkt war. Ich habe seine Umgebung nicht richtig einfangen können, und damit fehlte dem Ganzen die Magie. Es war nicht Syds Fehler.… Wissen Sie, manchmal fragen mich stolze Autobesitzer, ob sie die Hülle von ihren Fahrzeugen entfernen sollen, damit ich sie in voller Pracht fotografieren kann. Aber ich lehne das immer ab - schließlich will ich die Autos nicht in ihrem Schlaf stören.

Fotostrecke

9  Bilder
Bildband "Sleeping Cars": Gute Nacht, mein Schatz

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein bestimmtes Auto, das Sie gerne fotografieren würden, aber noch nicht gefunden haben?

Ludwig: Ein Bentley, Rolls-Royce oder Bugatti fehlt mir noch in der Sammlung. Aber solche Autos werden nun mal selten nachts an der Straße stehen gelassen. Noch habe ich die Hoffnung aber nicht aufgegeben.

Weitere Fotos schlafender Autos finden Sie auf Gerd Ludwigs Instagram-Seite "sleepingcars"

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Gerd Ludwig:
Sleeping Cars

Edition Lammerhuber; 144 Seiten; 99 Euro.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
lightahead 07.12.2016
1. Wunderbar
Was für eine großartige Idee - tolles Projekt ganz hervorragend umgesetzt!
Lady Hesketh-Fortescue 08.12.2016
2.
Toll! :)
rennflosse 08.12.2016
3. Schöne Arbeit
Den Bildband würde ich mir vielleicht sogar kaufen, sofern die zugedeckten Autos nicht in der Überzahl sind und ein paar schöne Klassiker sich darunter befinden. Jemanden, der einfach dem Diebstahl eines Gefährtes entgegenwirken will, als paranoide Soccer-Mum zu bezeichnen, zeigt nicht unbedingt von Intelligenz.
lachina 08.12.2016
4.
Ich habe als Kind auch immer gedacht, dass Autos schlafen.
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