Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Spritfassen wie früher: Tanken unter Denkmalschutz

Von Tanja Rieckmann

Die Old- und Youngtimer-Szene boomt - das passende Ambiente für Automobile aus längst vergangenen Tagen existiert aber kaum noch. In Hamburg soll das nun anders werden: Zwei Jungunternehmer wollen eine Tankstelle in klassischer Fünfziger-Jahre-Architektur renovieren und wiederbeleben

Tankstelle unter Denkmalschutz: Benzin im alten Stil Fotos
Jann de Boer

Noch sieht es trist aus am Billhorner Röhrendamm Nummer 4. Das liegt einerseits an der Gegend - der Hamburger Großmarkt mit seinen vielen Lagerhallen und dem steten Verkehrsrauschen der nahen Elbbrücken ist nun mal nicht Blankenese. Es liegt aber auch an der abgeblätterten Farbe des Gebäudes, das mal eine Tankstelle war. Und zwar eine ziemlich hübsche - mit großer Glasfront, pilzförmiger Überdachung der Zapfsäulen und einer angeschlossenen Werkstatt. Aber der Bauzaun rund um das Gelände deutet an: Hier tut sich was.

Die zwei Neuen von der Tankstelle heißen Jann de Boer, 37, und Alex Piatscheck, 33. Die Oldtimer-Fans haben das Grundstück samt Gebäuden gekauft - eine der letzten erhaltenen Tankstellen aus den fünfziger Jahren. Auf einer Erkundungstour durch diese Gegend entdeckten sie die ehemalige Station der Deutschen Benzol-Vertriebs GmbH, die 1953 eröffnet und dreißig Jahre später geschlossen wurde. Zuletzt nutzte eine Autowerkstatt die Immobilie.

Service rund ums Automobil soll es hier bald wieder geben. Der passende Firmenwagen, ein gelb lackierter Abschleppwagen vom Typ Opel Blitz 1,9 T aus dem Baujahr 1960, ist bereits vorhanden. Er symbolisiert: Hier soll bald der Geist der Fifties und Sixties wehen - mit Oldtimergebrumm, Nierentischchen im Erfrischungsraum und verchromten Zapfsäulen.

Anlaufstelle für die Old- und Youngtimer-Szene

Piatscheck und de Boer planen nicht nur eine Tanke mit angeschlossener Prüfwerkstatt, sondern wollen zudem eine Anlaufstelle für die Oldie-Fangemeinde. Die Szene hat schon reagiert: Am Tag, an dem das neue Konzept vorgestellt wurde, tummelten sich fast tausend Besucher auf dem Gelände, nebst Oldtimern.

Auch die Stadt Hamburg unterstützt die Jungunternehmer. Zum einen wurde das Tankstellen-Ensemble unter Denkmalschutz gestellt, zum anderen erhielten die Männer Hilfe bei den Kaufverhandlungen, die Piatscheck als "eineinhalb Jahre währenden Kampf" beschreibt. Der aber ist jetzt ausgefochten und die beiden Ingenieure können sich endlich den Traum von der Selbstständigkeit erfüllen.

TÜV-Abnahme für ältere Autos - im passenden Rahmen

Piatscheck, ein Spezialist für historische Fahrzeuge, will vor allem die Abnahme von Fahrzeugen mit H-Kennzeichen im passenden Ambiente anbieten. Er glaubt, dass Altmetall-Fahrer diese besondere Atmosphäre schätzen werden. Und das entsprechende Knowhow, wie sein Partner de Boer betont: "Wenn man mit einem Oldtimer zum TÜV fährt, trifft man oft auf junge Prüfer, die einen schon mal schräg angucken und diese spezielle Leidenschaft nicht verstehen. Wir wollen das besser machen und den Fahrern von Oldtimern hier Service auf Augenhöhe bieten."

Neben der GTÜ-Prüfstation sind zwei weitere Geschäftsbereiche vorgesehen. Zum einen natürlich der Tankbetrieb, der möglichst stilecht werden soll. "Wir werden die einzige Tankstelle Deutschlands sein, die historische Zapfsäulen mit moderner Technik einsetzt", sagt de Boer. Zum anderen soll der schon erwähnte, ehemalige Erfrischungsraum wiederbelebt werden.

Tankstelle im fünfziger Jahre Look als "Gesamtkunstwerk"

Serviert werden sollen dort eben Erfrischungen, aber auch Frühstück sowie ein täglich wechselnder Mittagstisch. Klassische Hausmannskost im authentischen Design schwebt den beiden vor. Die Station, deren Eröffnung für das Frühjahr 2011 vorgesehen ist, soll "ein Gesamtkunstwerk werden, das einmalig ist in Deutschland".

Das sagt sich leicht, doch bis dahin ist noch eine Menge zu tun. Nicht nur an den Gebäuden, sondern auch was die Finanzierung betrifft. "Die Banken stellen sich gerade extrem piefig an", seufzt de Boer. Man suche daher noch nach Investoren oder Sponsoren für das Projekt. Noch ist der Optimismus der beiden aber ungebrochen. Interessenten können sich im Internet auf dem Laufenden halten, denn unter www.tankstelle-brandshof.de dort werden die Bau- und Renovierungsarbeiten dokumentiert.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Super-Idee
MikeNaeheHamburg 13.10.2010
Ich fand es auch immer schade, dass diese „Nierentischoptik“ der Dächer komplett aus dem Stadtbild genommen wurde. Es wurde endlich Zeit, dass sich jemand für diese wunderbaren Bauten engagiert. Im letzten „Oldtimer-Praxis“ bin ich noch drauf gestoßen, dass es auch eine denkmalgeschützte Tankstelle in Friedrichshafen gibt: --> http://www.friedrichshafen.de/sport-freizeit/sehenswuerdigkeiten/ungewoehnliche-denkmaeler/eine-tankstelle-der-nachkriegszeit/
2. Genial
axelkli 13.10.2010
Klasse, finde ich auch. Ich arbeite in der Nähe und werde auf jeden Fall zum Spritfassen vorbei kommen. Aber bitte mit Tankwart.
3. manche wurden modernisiert
BreitCalde 13.10.2010
Zitat von sysopDie Old- und Youngtimer-Szene boomt - das passende Ambiente für Automobile aus längst vergangenen Tagen existiert aber kaum noch. In Hamburg soll das nun anders werden: Zwei Jungunternehmer wollen eine Tankstelle in klassischer Fünfziger-Jahre-Architektur renovieren und wiederbeleben http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,719142,00.html
In der Papenstraße gab es früher auch so eine alte Tankstelle. Der Hinterhof wirkte wie eine Filmkulisse. Den Luftbildern nach haben die dort inzwischen renoviert.
4. Klasse...
sappelkopp 13.10.2010
...dann aber bitte mit Tankwart, dann zahle ich mit meinem Oldie gern ein paar Cent mehr!
5. Für ein titelloses Forum!
felyxorez 13.10.2010
das begeistert mich jetzt richtig. Daumen Hoch für die beiden !
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Aktuelles zu