Von Tom Hillenbrand
Die Geschichte eines Menschen war immer auch die seiner Autos. Mein Vater etwa fuhr als Koch der US-Army in den Fünfzigern im Jeep; in den Sechzigern pumpte er sich Geld für einen Käfer. In den Siebzigern hatte er einen passablen Job und kurvte in einem unzuverlässigen, aber schicken italienischen Coupé herum. Als er in den Achtzigern Abteilungsleiter wurde, durfte er erstmals Mercedes fahren. Die Krönung seiner Karriere in den Neunzigern war eine S-Klasse, nebst Vorstandsposten.
In den meisten westlichen Industrieländern galt das Auto jahrzehntelang als wichtigstes Statussymbol. Es hatte, dem beruflichen Aufwärtsstreben entsprechend, alle paar Jahre größer, stärker und teurer zu werden. Damit ist es nun vorbei, der Lack ist ab. Die Zweitausender könnten als jene Dekade in die Geschichte eingehen, in der das Auto seinen Nimbus verlor.
Vielen leuchtet heute nicht mehr ein, warum sie einen erklecklichen Teil ihrer Barschaft für einen Haufen Blech und Plastik ausgeben sollten - oder warum jemand schon vor seinem Schulabschluss davon träumt, irgendwann einmal Mercedes oder Porsche zu fahren. Für Pkw-Skeptiker ist das Auto kein verehrungswürdiges Objekt mehr, keine "Kathedrale der Neuzeit", wie es der Philosoph Roland Barthes einst formulierte - sondern nur noch ein Gebrauchsgegenstand, und ein schnöder dazu.
Auto minus Emotion gleich Gebrauchsgegenstand
Lange fuhren die Deutschen gern Fahrzeuge, die eigentlich einen Tick zu groß waren. Das ändert sich seit einigen Jahren. 1999 lag der Kleinwagenanteil bei etwa einem Viertel. Heute machen die Winzlinge über ein Drittel der Neuzulassungen aus. Das Luxussegment schrumpft unterdessen, der Trend zum immer größeren Auto ist gebrochen: Wer früher einen 3er BMW besaß, der sparte auf den 5er. Heute wechselt er zum 1er - oder gleich zu Daihatsu.
Wie konnte das passieren? Die naheliegende Antwort lautet: Klimadebatte und Wirtschaftslage. Erstere ließ große Pkw ökologisch fragwürdig und sozial unakzeptabel erscheinen. Letztere dämpfte die Nachfrage nach teuren Autos in den Nullerjahren gleich zweimal; 2001, nach dem Platzen der Dotcom-Blase und 2008, nach der Subprime-Krise.
Beide Begründungen greifen jedoch zu kurz. Autos haben sich ja nicht nur deshalb so gut verkauft, weil sie nützlich waren. "Das Auto ist nicht rational verfasst", sagt der Historiker Kurt Möser. "Es hätte sich nicht zum größten technischen System der Geschichte entwickelt, wenn es nur ein Fortbewegungsmittel wäre."
Das stimmt. Das Auto stand lange für Freiheit durch allzeit abrufbare Mobilität; es garantierte seinem Besitzer Anerkennung und Bewunderung; es vermittelte dem Fahrer durch die Kraft seines Motors und seine Beschleunigung rauschhafte Zustände.
Lächerlich? Im postmodernen 2009 klingt es vielleicht so - was aber nichts daran ändert, dass vielen Menschen das Auto über Jahrzehnte in der Tat als erotische Maschine, als Prothesengott, als Garant der Libertas erschien. Nun jedoch hat es, wie der Hirn- und Marktforscher Peter Kruse resümiert, "seine Pole Position im emotionalen Raum verloren".
Das Auto als can have
Das klingt nebulös, hat jedoch ganz konkrete Auswirkungen. Wer lediglich zum Supermarkt und in die Kita fährt, der braucht, rein funktional betrachtet, keinen dicken Mercedes. Fährt er ihn dennoch, dann aus einem der oben genannten Gründe. Verlieren Premium-Pkw ihre emotionale Komponente, dann wächst beim Konsumenten eine Erkenntnis, die der Deutschlandchef eines japanischen Kleinwagenherstellers schon vor Jahren formulierte: "Die Leute kaufen Autos, die sie nicht brauchen, mit Geld, das sie nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen."
Marktforscher haben ermittelt, wie erstaunlich schnurz das Auto vielen Bürgern inzwischen ist - fast 30 Prozent der Deutschen würden sich einer Umfrage zufolge inzwischen von einem ihrer Pkw trennen. Das Auto ist kein must have mehr. Das hat, wie schon angedeutet, wenig mit Ökobewegtheit zu tun, aber viel mit persönlichen Erfahrungen.
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