Von Christoph Stockburger
Eben war es noch die große Liebe. Und plötzlich sagt sie: "Ich steig jetzt aus." Aus dem Wagen. Aus der Beziehung. Wegen seines Fahrstils. Autos bieten Pärchen Platz für Romantik und Zärtlichkeit, aber auch für grausame Konflikte. Eine kleine Unachtsamkeit, ein unbedachter Kommentar: Die Anlässe für einen Streit liegen sprichwörtlich auf der Straße.
Wohl jedes Paar, das ab und zu gemeinsam Auto fährt, kann ein Lied davon singen. Doch es gibt Wege aus dem Verkehrsdrama, die meisten Konflikte lassen sich mit einfachen Mitteln lösen.
SPIEGEL ONLINE hat die gängigsten Situationen, die der Zündstoff für handfeste Auseinandersetzungen im Auto sind, gesammelt - und einen Experten um Rat gefragt. Wie Paare vermeiden können, sich im Auto in die Haare zu kriegen, erklärt der Diplom-Psychologe Ragnar Beer. Er lehrt am Institut für Psychologie der Universität Göttingen und leitet das Projekt Theratalk, eine Online-Plattform für Paartherapie, Kommunikationstraining und Eheberatung.
Neun Situationen - neun Friedensstrategien.
Kritik am Fahrstil I: zu schnell
Eine einsame Autobahn, ein voller Tank, schnell steht die Tachonadel bei 150 km/h. Der Fahrer hat Spaß - und der Beifahrer Angst.
Typischer Satz:
"Hier ist 120!"
Das sagt der Psychologe: Ganz wichtig: Wenn man als Beifahrer Angst hat, sollte man das sagen. Und dann einfach fragen: "Fährst du bitte langsamer?" Die Angst einzugestehen fällt vielen schwer - ganz besonders Männern. Aber es macht viel mehr Sinn, ehrlich zu sein, anstatt zum Beispiel auf das Tempolimit hinzuweisen. Dann fühlt sich der Fahrer nämlich bevormundet.
Für den Fahrer kann die Bitte, langsamer zu fahren, auch eine Erleichterung sein. Oft fährt man ja schnell, um zum Beispiel einen neuen Partner zu beeindrucken. In diesem Fall wird dann der Druck genommen. Grundsätzlich gilt: Wenn der Beifahrer Angst hat, sollte langsamer gefahren werden - egal, wie sicher sich der Fahrer fühlt und wie sehr er von seinen Fahrkünsten überzeugt ist.
Kritik am Fahrstil Ia: zu schnell nach Fahrerwechsel
Der Beifahrer ist nach einem Wechsel nun Fahrer. Eine einsame Autobahn, ein voller Tank, schnell steht die Tachonadel bei 150 km/h.
Typischer Satz:
"Hier ist 120?"
Das sagt der Psychologe: Derjenige, der das Steuer abgegeben hat, ärgert sich zu Recht. Das kann er zum Ausdruck bringen und ergänzen, dass er ja doch angemessen gefahren ist. Derjenige, der das Steuer übernommen hat und anschließend selbst schnell fährt, kann Größe zeigen und zugeben, dass er sich geirrt hat. Am besten sagt man das schon im Vorhinein, wenn man feststellt, dass der Fahrer zuvor sich eigentlich richtig verhalten hat.
Als Fahrer sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass man im wahrsten Sinne des Wortes das Steuer in der Hand hat und der Partner als Beifahrer relativ machtlos ist. Deshalb ist am Steuer die Rücksicht auf den Anderen besonders wichtig.
Kritik am Fahrstil II: zu lahm
Kolonne auf der Landstraße. Der Partner zuckelt mit 70 km/h durch die Gegend, wo eigentlich Tempo 100 erlaubt ist. Links ziehen nach und nach die anderen Autos vorbei.
Typischer Dialog:
"Gleich werden wir von einem Trecker überholt."
"Na und? Ich fahre so schnell, wie ich es für richtig halte."
Das sagt der Psychologe: Generell gilt: Wer fährt, der fährt - und darf und muss auch die Entscheidung treffen, welches Tempo er für richtig hält. Das sollte der Partner akzeptieren. Aber es gibt in diesem Fall zwei einfache Möglichkeiten für den Beifahrer. Die erste: sich nach dem Zustand des Fahrers erkundigen - vielleicht fährt der so langsam, weil er müde ist oder sich unwohl fühlt. Wenn das so ist, kann man ihn fragen, ob er abgelöst werden möchte.
Die zweite Möglichkeit als Beifahrer: seine eigenen Wünsche zum Ausdruck bringen und zum Beispiel sagen "Ich hab's eilig, könntest du bitte etwas schneller fahren? Oder wäre es dir vielleicht lieber, wenn ich fahre?"
Der Routenzwist I: Keinen Plan
Im Urlaub: eine Kreuzung, zwei Meinungen. Geht's jetzt nach links zur romantischen Ferieninsel oder nach rechts? Auf jeden Fall muss es schnell gehen, denn die Fähre legt bald ab.
Typischer Dialog:
"Willst du nicht lieber anhalten und nach dem Weg fragen?"
"Ich habe mir die Route vorher angeschaut. Wir müssten in einer halben Stunde da sein."
Anderthalb Stunden später: "Entweder du fragst jetzt nach dem Weg oder ich steig aus und geh zu Fuß."
Das sagt der Psychologe: Optimal ist es, sich schon vor dem Urlaub über das Fahren zu unterhalten. Besonders wenn man weiß, wie sich der Partner im Auto verhält. In der geschilderten Situation kann der Beifahrer auf jeden Fall über seinen Ärger sprechen und sagen, was ihm nicht passt.
Man kann das ja moderat ausdrücken und zum Fahrer sagen: "Ich ärgere mich, dass wir uns jetzt verfahren haben. Das kann ja mal passieren - aber jetzt frag bitte nach dem Weg und mach die Sache nicht noch schlimmer." Und als Fahrer sollte man dann eben seinen Fehler eingestehen und sich entschuldigen.
Der Routenzwist I I: die beste Abkürzung
Zwei Karten für den Kinofilm sind bestellt, die Vorstellung beginnt um Acht. Jetzt ist es zehn vor. Mit der richtigen Abkürzung wird es eine Punktlandung. Bloß: einer hält sich für ortskundiger als der andere.
Typische Frage:
"Wo fährst du denn lang?"
Das sagt der Psychologe: Der Fahrer kann einfach erklären, welchen Weg er fahren möchte - und natürlich offen sein und fragen, ob der Beifahrer einen schnelleren Weg kennt. Damit vermeidet er, als Besserwisser dazustehen - und der Beifahrer fühlt sich ernst genommen.
Das Überholverbot
Sonnenschein über der Bundesstraße, gerade Strecke, kein Gegenverkehr - und der Vordermann fährt 70. Der Fahrer setzt den Blinker, schaltet einen Gang zurück und
Typischer Dialog:
"Nicht überholen!"
"Aber da ist doch alles frei."
"Trotzdem."
Das sagt der Psychologe: Wenn der Beifahrer den Fahrer in einer eigentlich risikofreien Situation bittet, nicht zu überholen, dann hat er wohl generell vor Überholmanövern Angst. Der Fahrer sollte in dem Moment Rücksicht nehmen und tatsächlich nicht überholen. Anschließend sollte der Beifahrer aber erklären, warum er Angst vor Überholmanövern hat. Denn als Fahrer fällt es natürlich schwer, nicht zu überholen, obwohl man sich seiner Sache sicher ist. Aber dem Partner zuliebe sollte man lernen, in solchen Situationen ruhig zu bleiben - ganz bestimmt bekommt man das dann später in irgendeiner Form gedankt.
Der gute Rat
Dichter Stadtverkehr, Fahrradfahrer zwängen sich am Wagen vorbei, die Bürgersteige neben der Straße sind voll mit Fußgängern. Im Auto: Ein übereifriger Beifahrer, der voreilig Warnungen ausruft und auf jede - noch so kleine - potentielle Gefahr hinweist.
Typischer Dialog:
"Achtung!"
"Warum denn?"
"Der bremst."
Das sagt der Psychologe: Zunächst sollte man als Fahrer darauf hinweisen, dass man durch diese Hinweise unnötig nervös gemacht wird. Hilft das nicht, sollte man einfach den anderen ans Steuer lassen. Beispielsweise mit den Worten: "Bevor ich mich ärgere, lasse ich lieber dich fahren."
Aktives Beifahren
Die hohe Kunst der nonverbalen Fahrkritik: Der Beifahrer hält sich mit beiden Händen am Gurt fest oder stemmt die Arme gegen das Armaturenbrett, dazu wird mit dem rechten Fuß mitgebremst.
Typischer Satz:
"Hssssssssss" - hörbar wird zwischen den Zähnen Luft eingezogen
Das sagt der Psychologe: Diese nonverbalen Signale sind ja unklar, also sollte der Fahrer fragen, vor was genau der Beifahrer sich fürchtet. Viele Leute fahren ja tatsächlich oft viel zu dicht auf den Vordermann auf, da kann es hilfreich sein, wenn sie das gesagt bekommen.
Die Besprechung der Großlage
Eine lange, langweilige Fahrt: Hervorragende Gelegenheit, ganz tief zu schürfen und die "Passen-wir-überhaupt-zusammen?"-Frage zu klären. Denkt sich jedenfalls der Beifahrer
Typischer Dialog:
" sag doch auch mal was dazu!"
"Bitte, ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren."
Das sagt der Psychologe: Da hat der Verkehr ganz klar Vorrang. Nicht mal im Stau sollten solche Themen im Auto besprochen werden. Als Fahrer sollte man sagen: "Ich habe verstanden, dass du darüber reden möchtest" - und dann einen konkreten Vorschlag machen, wann das Thema in aller Ruhe besprochen werden kann.
Fazit
Das Auto ist das Brennglas jeder Beziehung - schwelende Konflikte und unfairer Umgang kommen hier garantiert und dann noch stärker zum Tragen. Denn im Auto ist es eng, der Fahrer ist in einer Machtposition und der Beifahrer ausgeliefert.
Diesem Ausnahmezustand gewinnt der Psychologe Beer jedoch auch etwas Positives ab: "Man kann den Partner besser kennenlernen und erfährt, wie er sich in Grenzsituationen verhält - das sollte man zu schätzen wissen."
Generell gilt es, dem Partner am Steuer oder auf dem Beifahrersitz zuzugestehen, dass er anders fährt oder beifährt als man selbst. Ihn also ein Stück weit so sein zu lassen, wie er ist und nicht immer zu erwarten, dass er sich so verhält, wie man es selber tun würde. Gleichzeitig sollten echte Ängste nicht durch die Blume, sondern konkret formuliert werden.
All das steht allerdings auch schon in Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung, wie Psychologe Beer zitiert: "Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht."
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