Prototyp Wimille 01 Fast ein Ford

Glatte Form, flotte Fahrleistung, drei Sitze vorn: Die Automobilgeschichte ist voll von irren Studien, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten - wie den Wimille.

imago/ Sebastian Geisler

Von Jürgen Pander


Jean-Pierre Wimille war 31 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. Er galt zu dieser Zeit als einer der besten französischen Autorennfahrer. Am Steuer von Bugatti-Rennwagen hatte er bis dahin rund ein Dutzend Grand-Prix-Rennen gewonnen, dazu zweimal das 24-Stunden-Rennen von Le Mans (1937 und 1939). Dann kam der Krieg.

Wimille tauchte ab und schloss sich einer Résistance-Gruppe an, die vor allem aus ehemaligen Mitgliedern des Bugatti-Rennteams bestand. Die Gruppe legte geheime Waffenlager für den erwarteten D-Day an, beteiligte sich an Sabotageakten und wurde mehrmals verraten, versprengt, inhaftiert. Inmitten dieser Wirren jedoch fand Wimille immer wieder Zeit, um an einem gänzlich anderen Projekt zu arbeiten: einem Auto.

Es sollte ein "Auto für die Zukunft" werden - und im Grunde gelten noch heute einige von Wimilles Grundsätzen als zukunftsweisend: Über einem Gitterrohrrahmen saß eine stromlinienförmige Karosserie, die drei Sitze waren in einer Reihe angeordnet, wobei der mittlere etwas weiter nach vorne gerückt war: hinter das ebenfalls mittig platzierte Lenkrad. Der Wagen hatte zudem Einzelradaufhängung, ein halbautomatisches Getriebe und eine Panorama-Windschutzscheibe. Das Grundkonzept erinnerte durchaus an einen Rennwagen, und Wimille wollte ja einen sportlichen Alltagswagen bauen.

Nach dem Krieg war die Zeit reif für ein "Zukunftsauto"

Unmittelbar nach Ende des Krieges nahm Wimille nicht nur die Rennfahrerei wieder auf, sondern er machte sich auch daran, das von ihm ersonnene und geplante Auto Realität werden zu lassen. So entstand unter Mithilfe einiger befreundeter Ingenieure aus der französischen Luftwaffe und des Karosseriebauers Chapron in Paris der erste Prototyp Wimille 01. Mit einer Art Leitwerk am Heck und einem darunter positionierten 1,9-Liter-Vierzylinder-Motor von Citroën, der 54 PS leistete und das Auto auf angeblich bis zu 150 km/h beschleunigen konnte.

Auf der Automobil-Ausstellung 1946 in Paris war der Wimille 01 erstmals zu sehen. Zeitgenössische Berichte sprechen von einem "spontanen Erfolg"; der jedoch keinen unmittelbaren Niederschlag fand. Denn offenbar verfolgte Wimille das Projekt "Zukunftsauto" nur noch mit halber Kraft - schließlich fuhr er wieder Rennen, vor allem für Alfa Romeo und Gordini. Die Sache mit der eigenen Automarke schien sich dennoch günstig zu entwickeln, denn Ford France zeigte Interesse an dem ausgesprochen modern geratenen Prototypen und sagte zu, für künftige Modelle 2,2-Liter-V8-Motoren beizusteuern sowie die Produktion zu unterstützen. Das hörte sich verheißungsvoll an, und es entstanden mindestens vier (manche Quellen sprechen von sieben) weitere Prototypen.

Ein tödlicher Trainingsunfall bedeutete auch das Aus für das Auto

Im Januar 1949, die Vereinbarung mit Ford war noch kein Jahr alt und die Produktionsvorbereitungen für das Auto liefen auf Hochtouren, befand sich Jean-Pierre Wimille mit dem Gordini-Rennteam in Argentinien. Beim Training zum Großen Preis von Buenos Aires, am Morgen des 28. Januars, kam Wimille mit seinem Gordini ein wenig von der Ideallinie ab, verlor die Kontrolle über das Auto, das so unglücklich in einen Wall aus Strohballen rauschte, dass es sich überschlug und in einem Baum landete. Wimille erlitt eine Schädelfraktur, wurde ins Krankenhaus gebracht und verstarb dort unmittelbar nach der Ankunft.

Dieses tragische Schicksal wurde auch dem nach ihm benannten Auto zuteil. Nach Wimilles Unfalltod verlor Ford schlagartig das Interesse an dem Wagen. Es fand sich kein neuer Geldgeber und damit war das Projekt "Zukunftsauto" Geschichte. Es blieben einige Prototypen, drei davon stehen heute in den Automobilmuseen von Reims, Mulhouse und Lyon.



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