Tiefergelegte SUV Es geht abwärts

Ein SUV mit Sportfahrwerk, das klingt absurd. Tatsächlich bieten viele Hersteller Pseudo-Geländewagen mit extra wenig Bodenfreiheit an. Sie rechtfertigen den Irrsinn mit angeblich rationalen Argumenten.

GM/ Irmscher

Von Haiko Prengel


SUV-Fahrer machen sich bekanntlich nicht gerne krumm: Ein bequemer Einstieg und eine gute Rundumsicht gehören zu den beliebtesten Vorzügen des modernen Stadtpanzers. Doch beim neuen Porsche Macan GTS, eigentlich ein SUV, muss man doch aufpassen, sich beim Einsteigen nicht den Kopf zu stoßen. Denn der Hersteller hat den Macan tiefergelegt: 15 Millimeter näher am Boden liegt die Karosse des GTS im Vergleich zur S-Variante: "Für einen engen, intensiven Kontakt zur Straße", erklärt der Sportwagenhersteller.

Einen SUV tieferlegen, ist das nicht absurd? Irgendwie schon, auch wenn die meisten SUV-Fahrer niemals offroad fahren. Aber ursprünglich stammen die sogenannten Sport Utility Vehicle nun mal von den Geländewagen ab. Sie haben entsprechend viel Bodenfreiheit, sodass sie auch in sehr unwegsamem Gelände nicht ständig aufsetzen.

Nicht so der Porsche Macan GTS: Dank seines Sportfahrwerks ist der kompakte SUV so geländegängig wie eine normale Limousine: nämlich praktisch gar nicht. Eine Pfütze oder ein Kopfsteinpflaster mag der flachgelegte Macan mit seinen 20-Zoll-Rädern noch souverän meistern, mehr aber auch nicht.

Zur Hölle mit den Vorfahren

Dass SUV ihren Ursprung im Geländewagen haben - diese Sichtweise sei "schon seit mehreren Jahren überholt", findet Thomas Hagg, der bei Porsche die Produktkommunikation leitet. Vielmehr stehe GTS bei Porsche generell für besonders dynamisch abgestimmte Fahrzeuge.

Ob Macan, Cayenne oder 911er: Wer sich bei Porsche für ein GTS-Modell entscheidet, möchte gerne sportlich unterwegs sein. Beim SUV hilft da mehr als anderswo ein sportlich abgestimmtes Fahrwerk, damit die kompakten Zweitonner nicht aus der Kurve fliegen. "Wer das Leben ganz will, der geht eben keine Kompromisse ein", fabulieren sie bei Porsche zur Idee des Macan GTS.

Tatsächlich ist jeder SUV ein gewaltiger Kompromiss. Denn die Fahreigenschaften auf der Straße sind bei einem künstlich aufgebockten Wagen immer schlechter als bei einer flachen Limousine oder einem Kombi. "Der Grund ist der höhere Schwerpunkt", erklärt Thomas Schuster, Kfz-Sachverständiger bei der Prüforganisation KÜS.

Ein SUV kann da nicht mithalten

Fahrzeuge mit erhöhtem Aufbau seien nicht nur anfälliger bei Seitenwind, sondern auch beim berühmten Elchtest, bei der die Fahrdynamik bei höheren Geschwindigkeiten überprüft wird. Durch das Tieferlegen sinkt der Schwerpunkt eines Fahrzeugs wieder ein wenig, dadurch wird es deutlich stabiler bei höheren Kurvengeschwindigkeiten. Ein SUV bleibt aber trotzdem ein SUV, er wird auch mit kürzeren Federn kein Sportwagen.

Wenn Porsche-Fahrer also sehr rasant durch die Kurven fahren möchten, sollten sie am besten einen 911 wählen. "Ein SUV kann da von Hause aus nicht mithalten", erklärt KÜS-Fachmann Schuster. Doch für SUV-Kunden seien eben auch Kriterien wie ein bequemer Seiteneinstieg, eine hohe Sitzposition und viel Platz für Familie und Gepäck wichtig.

Und der Erfolg der SUV gibt den Herstellern Recht. Jedes fünfte neu zugelassene Fahrzeug in Deutschland ist inzwischen ein hochgebockter Kombi. Für viele Menschen sind sie gleichwohl die Unvernunft auf Rädern. SUV verbrauchen etwa 25 Prozent mehr Kraftstoff als vergleichbare Limousinen. Dagegen muss man etwas tun, dachte sich wohl Mercedes-Benz. Auch die Stuttgarter legen jetzt einen ihrer SUV tiefer - aber nicht, um sportlicher zu sein. Sondern um Sprit zu sparen.

Sprit sparen dank Sportfahrwerk

So ist für das Edel-SUV GLE ein Fahrwerk mit elf Millimetern Tieferlegung erhältlich, allerdings nur für das Einstiegsmodell GLE 250d. Mit dem Vierzylinder-Diesel ist das Zweitonnenschlachtross sicherlich nicht übermotorisiert, aber beeindruckende Fahrleistungen scheint man auch gar nicht zu erwarten: Der tiefergelegte 250d habe kein Sportfahrwerk, stellt Mercedes-Sprecher Christian Anosowitsch klar. Das tiefere Niveau sei allein "aus cw-Gründen" erfolgt.

Mit anderen Worten: Der 250d soll Sprit sparen, indem er sich nach unten duckt. SUV haben durch ihre Größe normalerweise einen ziemlich schlechten cw-Wert (Luftwiderstandsbeiwert). Negativ bemerkbar macht sich das nicht nur an der Zapfsäule, sondern auch bei starkem Wind. Plötzliche Böen auf einer Autobahnbrücke können ein großes SUV erfassen wie einen Kleinlaster.

So richtig begreifen kann man dieses Auf und Ab der Hersteller trotz aller Erklärungsversuche nicht. Immerhin sollen mit dem Sportfahrwerk ja nur Defizite eines Fahrzeugkonzepts kaschiert werden, die andere Karosserieformen erst gar nicht haben. Vermutlich hat das Ganze mit Vernunft auch wenig zu tun. Die Leute wollten ein Statussymbol, das einigermaßen sportlich fahre und eine erhöhte Funktionalität biete, sagt KÜS-Mann Schuster. "Jede Zeit hat ihre eigenen Ansprüche. Vor 20 Jahren wäre Porsche niemals auf die Idee gekommen, solch ein Fahrzeug zu konzipieren."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
jasper366 03.02.2016
1.
Was soll da denn bitteschön 'neu' sein? Das gab es schon in den 90ern und da waren das noch echte Geländewagen mit Untersetzung und Co. Tiefer und 295er Walzen als 215er Standardbereifung war. Ich habe das auch gemacht, allerdings nur hinten und das ganze rein durch Beladung... ;-) http://i6.photobucket.com/albums/y227/Ulke338/Terrano-2.jpg
marisaaa 03.02.2016
2.
Porsche Cayenne ist genausowenig ein "Geländewagen" wie die meisten anderen SUVs - also ist es auch nicht schade drum. Würde man einen Land Cruiser, Defender oder Mercedes G tieferlegen, wäre es schon eher schade drum (gleichzeitig aber irgendwie so skurril, dass es schon wieder witzig wäre)...
Zeugma 03.02.2016
3. Anmerkung zum cw-Wert
"SUV haben durch ihre Größe normalerweise einen ziemlich schlechten cw-Wert (Luftwiderstandsbeiwert)." Der cw-Wert ist bei den SUVs oft gar nicht schlechter als bei anderen Autos. Problematisch ist die große Widerstandsfläche A, sodass cw x A erst eine wirklich Aussage darüber gestatte, wie sehr so ein Klotz gegen den Wind ansaufen muss.
Ja gut äh... 03.02.2016
4. In der Tat...
schwer nachvollziehbar, diese Entwicklung. Schade aber, daß so dümmliche Formulierungen wie "aufgebockt" und "hochgebockt" verwendet werden, die ich eher erwarten würde, wenn die vielzitierte "Mutti" technisch ahnungslos vom Familien-SUV spricht.
mistermoe 03.02.2016
5. Viel Platz für Familie und Gepäck wichtig?
Welcher SUV hat den schon viel Platz im Kofferraum? Bei den meisten ist der Kofferraum eher kümmerlich und auch der Platz im Innenraum ist besonders auf dem Rücksitzen nicht gerade reichlich, zumindest bei den Kompakten a la X3, Mokka und Co.
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