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Preisgekrönter Tatra T77: Edler Tropfen

Aus Pebble Beach berichtet

Tatra T77: Der Beste seiner Klasse Fotos
Pavel Kasik

Um seinen mehr als 70 Jahre alten Stromlinienwagen von Tatra auf Vordermann zu bringen, ist Pavel Kasik durch halb Europa gereist. Die Mühe hat sich gelohnt - er wurde zur glamourösesten Oldtimershow der Welt eingeladen. Beinahe wäre der Besuch doch noch schief gegangen.

Als Pavel Kasik den Brief in den Händen hielt, konnte er sein Glück kaum fassen: "Ich dachte, ich träume", erzählt der Tscheche. Absender des Schreibens waren die Organisatoren des elitären Oldtimer-Schönheitswettbewerbs Concours d'Elegance im kalifornischen Pebble Beach. Der Inhalt des Schreibens: eine Einladung.

Pavel Kasik, ein Beamter im Justizministerium in Prag, gehört zu den renommiertesten Sammlern der tschechischen Automarke Tatra. Und die Veranstalter des Concours d'Elegance wollten in diesem Jahr unbedingt die Stromlinienlimousine Tatra T77 dabei haben; Kasik besitzt so ein Auto aus dem Baujahr 1936, von dem damals lediglich 105 Exemplare gebaut wurden und heute kaum mehr als zwei Dutzend noch erhalten sein dürften.

"Ich bin einfach zu pingelig"

Doch der Traum Kasiks von der Reise nach Kalifornien drohte zu platzen. Das lag unter anderem daran, dass Kasiks Typ 77 noch nicht ganz fertig restauriert war - obwohl die Arbeiten daran schon 15 Jahre dauerten. "Ich bin einfach zu pingelig", sagt Kasik. Viele Arbeiten habe er deshalb zwei- oder dreimal erledigt, ehe er zufrieden war. Und nach manchen Ersatzteilen fahndete er jahrelang. Um zum Beispiel an das passende Leder für die Sitze zu gelangen, reiste er durch halb Europa; und bis ihm eine Druckerei die purpurne Hartkartontapete im exakten Design lieferte, die jetzt - von Klarlack geschützt - das Armaturenbrett ziert, musste er eine kleine Ewigkeit warten.

Logisch, dass die Restaurierung schließlich ein Vielfaches des eigentlichen Kaufpreises verschlang. "Ich habe die Summe nie ausgerechnet und will auch gar nicht wissen, was der Wagen am Ende gekostet hat."

Aber kurz vor dem großen Termin fehlten noch wichtige Interieurteile wie der Aschenbecher oder der rechteckige Innenspiegel. Erschwert wurde die Vorbereitungen für den USA-Besuch außerdem durch die bürokratischen Probleme, die eine Ausfuhr eines historischen Fahrzeugs mit sich bringen. Die Tatsache, dass Kasik kein Wort Englisch spricht, machte die Sache nicht gerade leichter.

Schließlich stand der Tatra dann doch fast so fein da wie frisch gebaut. Darüber hinaus hat Kasik detaillierte Informationen über das Auto gesammelt. "Ich habe mittlerweile alle Prospekte und Preislisten aufgetrieben und sogar das Bordwerkzeug von damals. Selbst Wagenheber und Luftpumpe sind original", sagt er und zeigt auf das Werkzeugset unter der Fronthaube - dort, wo bei den meisten modernen Autos der Motor sitzt.

Im Tatra T77 hingegen sitzt der Motor im Heck. Es handelt sich um einen 3,4 Liter großen V8-Motor, der längs eingebaut ist, 70 PS leistet und eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 160 km/h ermöglichen soll, zitiert Kasik aus dem Datenblatt des Wagens. "Doch mehr als 110 km/h habe ich noch nicht gewagt."

Der Aschenbecher sieht aus wie eine alte Kamera

Die unkonventionelle Konstruktion mit Zentralrohrrahmen und Heckmotor sowie die spektakuläre Stromlinienform nach den Vorgaben des Zeppelin-Entwicklers Paul Jaray waren es, die Kasik zum Tatra-Fan gemacht haben. Schon mit 15 kauft er, inspiriert vom damaligen Familienwagen, einem Tatra T30, das erste Modell dieser Marke. "Am schwierigsten war es, meinen Vater dazu zu bringen, den Wagen abzuholen. Denn ich durfte ihn damals ja noch nicht fahren", sagt er.

Dieser Tatra T87 wurde zum Grundstein einer inzwischen imposanten Sammlung, zu der neben einem klassischen Bugatti unter anderem ein wassergekühlter Tatra T17, ein Tatra 70 und einer von nur 22 gebauten Tatra 80 mit Zwölfzylindermotor gehören. Welches Auto ihm das liebste ist, das hätte Kasik bis vor ein paar Wochen noch gar nicht sagen können. Jetzt aber, seit der Einladung nach Pebble Beach und dem Erlebnis dort, ist für ihn klar: es ist der T77.

Der Beste seiner Klasse

Eine Stunde vor Beginn der "Tour d'Elegance", mit der traditionell das Concours-Wochenende beginnt, rollte der dunkelgrüne T77 wohlbehalten vor dem Hotel aus dem Transportanhänger. Bei der großen Show stand sein Auto dann auf dem Green von Loch 10 auf dem Golfplatz von Pebble Beach - und beeindruckte die Juroren. Kasik durfte seinen Oldtimer auf die berühmte Rampe vor dem Clubhaus chauffieren: Sein Wagen erhielt die Trophäe für den Klassensieg bei den Tatra-Stromlinienautos.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Jaray
VoisinAerodyne 21.08.2014
Ein schöner Artikel über ein schönes Auto! Neben den Herren Ledwinka und Übelacker sollte bezüglich des Tatras auch der österreichische Aerodynamik-Pionier Paul Jaray nicht unerwähnt bleiben, auf dessen aerodynamischen Ideen die Form des Tatras zurückzuführen ist. Was mich bei aller Detailliebe des Besitzers stutzig macht, ist allerdings die Front des Autos. Der Tatra T77A (laut Typenschild auf den Photos und laut Baujahr ist dieses Auto eines aus der "A" Serie) hatte meines Wissens nach eine komplett facegeliftete Front mit drei Scheinwerfern!?
2. Stromlinienauto aus dem Jahre 1936(!)
was_nun_machen? 21.08.2014
da wächst einem Techniker das Herz. Und heute lassen sich Autohersteller mit einer kleinen Lippe hinter dem Rad als fortschrittlich feiern...
3. klassensieg der stromlinienförmigen tatras
deranaluest 21.08.2014
Das ist ungefähr so vielsagend wenb ein Autohersteller damit wirbt dass ein Modell bester seiner Klasse wäre und gleichzeitig eine klasse für sich sei. also Schrott ist.
4. Gratulation
nightwarrior 21.08.2014
Ein tolles Auto und ein kostspieliges Hobby. Trotzdem Gratulation. Übrigens ein weit selteneres Auto aus tschechischer Produktion, derzeit existiert nur noch ein gut erhaltenes/restauriertes Exemplar, ist der PRAGA AV und zwar im Panzermuseum Lésany. Und in der Nähe von Prag gibt es ein privates Automuseum mit PRAGA PKW. Auch das Straßenbahn/Omnibus-Museum in Prag ist sehenswert.
5.
kaitou1412 21.08.2014
Die Einheit der Leistung ist Watt! Das hat auch für Autos zu gelten. Wie oft soll man das denn noch schreiben, bis man das endlich mal richtig zu lesen bekommt?
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