Taxis in Mexiko Kampf dem Kidnapping-Express

In Mexiko-City gelten legale Taxis als gefährlich, deswegen steigen viele Gäste lieber in gesetzlich nicht genehmigte Fahrzeuge ein. Die sind häufig deutlich teurer und keineswegs immer sicherer. Jetzt sollen die sogenannten Piraten mit allen Mitteln vertrieben werden.

Aus Mexico City berichtet

Felix Lill

Seit Ende Juni 2009 müssen die Karosserien aller Taxis in Mexiko-City in rot-goldener Farbe blitzen. Zusätzlich zum Nummernschild soll das Kennzeichen jeweils auf der Fahrer- und Beifahrertür ablesbar sein, außerdem muss sich jeder Taxifahrer dem Gast ausweisen. "So kommen wir schleunigst an unser Ziel, die Piratas loszuwerden." Laut Plan des Direktors der Taxi-Sparte des Verkehrsministeriums von Mexiko-City, Víctor Ramírez, soll den sogenannten Piratas, den illegalen Taxis, die ohne Erlaubnis fahren und keinerlei Steuern abführen, bis Ende 2009 der Garaus gemacht werden.

Die Sorge um den Zustand des Taxiwesens der Metropole ist in den letzten Jahren so groß geworden, dass ein eigener Markt entstand: jener der vermeintlichen Sicherheit.

Als 1997 die Regierung in Mexiko-City wechselte, musste das Wahlversprechen eingelöst werden, einem Heer von Arbeitslosen zu Beschäftigung zu verhelfen. Kurzerhand brachte die neue Regierungspartei einen Großteil von ihnen im Taxiwesen unter. Der Transportsektor boomte, die Zahl in Mexiko-City fahrender Taxis erhöhte sich in zwölf Jahren um fast ein Drittel auf 130.000 Fahrzeuge. Das Wachstum ging aber nicht nur auf die neuen, offiziell gemeldeten Taxifahrern zurück, sondern auch auf zahlreiche illegale Fahrer, die Personen in ihren Privatautos mit oder ohne Taxameter umher kutschierten.

Überfälle, Misshandlungen und Entführungen im Taxi

Mit der Unkontrollierbarkeit des Taxiwesens verschlechterte sich auch der Ruf des Transportmittels. "Überfälle, Misshandlungen und Entführungen wurden häufiger. Manchmal mehrmals wöchentlich gingen in der Redaktion Beschwerden über Taxis ein", erinnert sich die Journalistin Sara Pantoja, die bei der Tageszeitung "El Universal" als Redakteurin über den Verkehr in Mexiko-City schreibt. "Besonders gängig ist Kidnapping Express. Dabei zwingt ein mit Pistole bewaffneter Räuber das überfallene Taxi diverse Bankautomaten anzusteuern, um mit der Kreditkarte des Fahrgastes möglichst viel Bares abzuheben."

Die Piratas begannen sich zu organisieren. Mehrere illegale Taxifahrer schlossen sich zusammen und zahlten Prozente ihrer Einnahmen an Manager, die Taxifahrern durch gute Verbindungen zum Ministerium Straffreiheit zusicherten. In gleichem Maße verschlechterte sich der Ruf der offiziellen Taxis. "Überfälle wurden auch in den legalen Taxis häufiger. Gleichzeitig hoben viele illegale Taxifahrer die Sicherheit ihrer Dienste hervor, indem sie deutlich höhere Preise verlangten - als eine Art Schutzgeld-Zuschlag." So verschwammen die Grenzen zwischen legal und illegal: "Man konnte sie nicht einmal von außen unterscheiden. Für Taxis gab es keine erkennbaren Vorschriften, etwa, wie sie auszusehen hatten."

Das soll jetzt anders sein. Nun strahlen alle rot-gold. Doch Pantoja erkennt die alten Mechanismen der Preise und der vermeintlichen Sicherheit weiterhin, zumal man auch jetzt nie wissen könne, ob ein Taxi legal sei. "Sein Auto rot-gold anmalen und das Kennzeichen seines Nummernschildes an die Seiten kleben - das kann jeder. Und ehe der Taxifahrer sich ausweist, sitzt der Fahrgast bereits im Auto." Zudem seien die Gruppen der Piratas nicht ausgestorben. Wie auch? "In ganz Mexiko-City gilt es als offenes Geheimnis, dass der Führer der größten Piratengruppe der Bruder des Direktors unseres Verkehrsministeriums ist."

Sicherer sind nur die Stadtteil-Taxis

Durchschnittlich seien illegale Taxis zwar häufiger Schauplatz krimineller Aktivitäten. Wer aber wisse, welche der illegalen die sichersten sind, sei dort besser aufgehoben als in offiziellen Fahrgastzellen, sagt Pantoja. "Jeder aus meinem Bekanntenkreis, mich eingeschlossen, hat für alle Stadtteile eine Telefonnummer für ein Funk-Taxi dabei. Der Service ist dann zwar deutlich teurer, manchmal drei- oder viermal so hoch. Aber man hat die Gewähr, dass einem nichts zustoßen wird."

Die Dienstleistung basiert auf bloßem Vertrauen; das sei dennoch sicherer als ein offizielles Taxi, ist sich die Redakteurin gewiss: Im letzten Jahr wurden in legalen Taxis 87 Kriminalfälle registriert. Im ersten Quartal 2009 waren es bereits mehr als 30 Fälle. Die Dunkelziffer schätzt Pantoja um ein Vielfaches höher.

Taxi-Chef Ramírez hält logischerweise die legalen Fahrzeuge für sicher. "Ich fahre immer mit dem Taxi zur Arbeit, und mir ist noch nie etwas passiert." Außerdem seien von den heute 130.000 Taxis in Mexiko-City so gut wie alle legal. Die wenigen ohne Genehmigung werde man ohnehin bald aus dem Verkehr ziehen.

Pantoja geht davon aus, dass nach wie vor 30 Prozent aller Fahrzeuge illegal sind. Wer in Mexiko-City vom Hotel aus ein Taxi bestellt, bekommt meist kein rot-goldenes. Sobald der Wagen anrollt, liegt der Preis bei 70 Pesos (etwa 3,80 Euro). Der Grundpreis offizieller Taxis beträgt hingegen 5,70 Pesos. Im Ejecutivo, einem Mittelklassehotel im Stadtzentrum, flüstert der Concierge dem Fahrgast vorm Einsteigen zu: "Keine Sorge, unsere Fahrzeuge sind sicher."



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.