Vorkriegs-Oldtimer "Was soll man mit so einem Auto anfangen?"

Neuere Oldtimer wie Ford Mustang oder VW Käfer sind hip. Die richtig alten Typen aus der Vorkriegszeit hingegen sind uncool, ihre Fans sterben aus. Oder doch nicht?

Von Jürgen Pander


SPIEGEL ONLINE: Ob in Werbefilmen, Musikvideos oder auch auf der Straße - Autos der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre sind extrem populär, während Fahrzeuge der Vorkriegszeit zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheinen. Teilen Sie diese Einschätzung?


Norbert Schröder:
Vordergründig betrachtet ist das so. Wenn man sich aber genauer mit der Oldtimer-Szene beschäftigt, dann merkt man rasch, dass das Interesse an Autos aus der Vorkriegszeit, also aus den Baujahren vor 1939, keineswegs nachlässt.

Zur Person
    Norbert Schröder, 55, ist Leiter des Kompetenzzentrums Classic Cars des TÜV Rheinland. Das Kompetenzzentrum pflegt unter anderem eine Datenbank, mit deren Hilfe sehr alte Autos identifiziert werden können, es erstellt Fahrzeugbewertungen und Gutachten von Oldtimern und analysiert den internationalen Markt für historische Fahrzeuge.
SPIEGEL ONLINE: Dann stimmt das Vorurteil also nicht, dass sich für Autos vom Schlage eines Schnauferls nur noch wenige ältere Herren mit Zwirbel- oder Backenbart interessieren?


Schröder: Das können Sie tatsächlich vergessen. Das Durchschnittsalter der Besitzer von Vorkriegsautos ist zwar relativ hoch, aber dennoch mangelt es nicht an Neueinsteigern in die Szene.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt man dazu, sich mit derart alten Autos zu beschäftigen?


Schröder: Normalerweise ist es so, dass Männer um die 40 allmählich in die Lage kommen, sich ihren automobilen Jugendtraum zu erfüllen, das war übrigens schon immer so. Heute bedeutet es, dass der Oldtimer-Neueinsteiger zum Beispiel einen alten Porsche 911 erwirbt. Dann fährt er das Auto eine Weile, knüpft Kontakt zu einem Klub, lernt Gleichgesinnte kennen, die vielleicht einen Porsche 356 besitzen, darf mal mit dem Auto fahren. Plötzlich reift die Erkenntnis, dass es da noch viel mehr zu entdecken gibt. Der Oldtimer-Horizont erweitert sich sozusagen immer weiter in die Vergangenheit.

SPIEGEL ONLINE: Klingt fast nach einem Naturgesetz, wobei doch sicher viele Ford-Mustang-Fans nach wie vor keinerlei Bezug zum Ford Model T haben, oder?


Schröder: Klar, das ist so. Bei aktuellen Autos zählen heute vor allem Design und Motorleistung, und beides haben Vorkriegsmodelle nicht oder nur in Ausnahmefällen zu bieten. Damals war Zuverlässigkeit das große Thema, die Technik war viel weniger ausgereift, aber eben oft auch ungeheuer originell. Und wer sich erst einmal dafür und für die historischen Facetten zu interessieren beginnt, aus dem wird nicht selten ein Enthusiast dieser Messing-Ära-Autos.

SPIEGEL ONLINE: Vorausgesetzt natürlich, er kann eine sechs- oder gar siebenstellige Summe für dieses Hobby aufbringen, oder?


Schröder: Irrtum. Ab 35.000 Euro sind sie dabei. Die extremen Preisentwicklungen der international gefragten Nachkriegsmodelle haben die Vorkriegswagen nie in dieser Form mitgemacht. Der Markt für diese Autos ist extrem individualisiert, und längst nicht jedes interessante und gut erhaltene Modell kostet ein Vermögen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Vorkriegsmodelle nicht als Wertanlage taugen, warum sollte man überhaupt so ein Auto kaufen?


Schröder: Nach meiner Erfahrung lautet für viele Interessenten die wirklich entscheidende Frage: 'Was kann ich mit so einem Auto anfangen?'.

SPIEGEL ONLINE: Und, was kann man mit so einem Auto anfangen?

Schröder: Es geht natürlich um den Genuss des Fahrens und vor allem um die Teilnahme an speziellen Veranstaltungen. Die wichtigste in der Vorkriegsauto-Szene ist der 'London to Brighton Veteran Car Run" alljährlich Anfang November, bei dem nur Fahrzeuge bis Baujahr 1905 zugelassen sind. Es gibt eine Warteliste für die Wettfahrt, und sie wird jedes Jahr länger. Auch in Deutschland wird die "Kronprinz Wilhelm Rasanz" am Niederrhein ein immer größerer und wichtigerer Treff für Vorkriegsfahrzeuge.

SPIEGEL ONLINE: Aber braucht es nicht, um so ein altes Auto überhaupt in Gang zu kriegen, spezielle technische Vorkenntnisse?

Schröder: Kenntnisse ja, Vorkenntnisse nicht. Natürlich ist es erforderlich, sich mit der Technik aktiv auseinanderzusetzen und eine Art Forschergeist zu entwickeln. Aber wenn man ein paarmal die Schwimmerkammer mit Sprit gefüllt, die Zündung eingestellt und das Handgas dosiert hat, dann wird daraus allmählich eine Zeremonie, die man nicht mehr missen möchte. Und wenn der Motor dann, mit etwas Erfahrung, beim ersten Versuch anspringt, dann ist das etwas ganz anderes, als bei einem moderneren Auto einfach nur den Zündschlüssel zu drehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das Auto dann läuft, auf welche besonderen Erfahrungen sollte man sich noch einstellen?


Schröder: Das Fahrerlebnis ist völlig anders als bei Autos, die man sonst so bewegt. Viel direkter und unmittelbarer, man muss beispielsweise das Lenkrad wirklich festhalten, man hört und riecht die Technik, man spürt die Geschwindigkeit viel intensiver. Kurz gesagt, man darf sich auf pures Vergnügen und ein sagenhaftes Erlebnis einstellen.

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Seite 1
fd53 07.04.2016
1. Horch 853A und besser
Wer mal einen Horch 853A gefahren hat oder gar jenen Horch mit in den Kotflügeln eingebauten Waschbecken und Kaffeekocher, der verzichtet auf jeden neuen VW Bugatti. Wobei der Kaufpreis der gleiche ist. Allerdings VW Bugatti kann man bestellen und kaufen. Die hochklassigen Horch verkauft keiner der Besitzer, die sind absolut unverkäuflich. Mir genügt ein Adler Trumph Junior, der läuft noch immer seine gut 100 km/h auf der Autobahn und das mit 8 Liter Klingelbenzin auf 100 km.
sam-berlin 07.04.2016
2. Etwas sinnfrei
Es ist ein wenig sinnfrei, im Interview um Nachwuchs für Vorkriegsklassiker zu werben und in der Fotostrecke nur Hochpreismodelle der Top-Liga zu zeigen (Mercedes, Bentley, Rolls-Royce). Da wären bezahlbare Alternativen interessant gewesen. Andererseits die Generation der Erben kommt ja...und wer mit 27 einen Jaguar XKR fährt. Da muss man sich auch keine Sorgen machen. Aber ob diese jungen Schösel sich wirklich die Hände beim Schrauben schmutzig machen?! Aber da man sich vielleicht auch täuschen.
kar98 07.04.2016
3. Schnauferl...
...ist auch so ein Wort, das nur in der Presse existiert. "Vorkrieg" heisst auch 1942 Chevy Pickup, Ford Model A, DKW, BMW Dixi, Steyr Baby, Tatra 87... und sollte nicht mit der "Messing Aera", ca. 1896 bis 1915 durcheinander geworfen werden. "Wertanlage", ich hoere immer nur Wertanlage. Wie waers mit schraubenden und fahrenden Interesse an technischen Kulturgut?
bernd.stromberg 07.04.2016
4.
Zitat von sam-berlinEs ist ein wenig sinnfrei, im Interview um Nachwuchs für Vorkriegsklassiker zu werben und in der Fotostrecke nur Hochpreismodelle der Top-Liga zu zeigen (Mercedes, Bentley, Rolls-Royce). Da wären bezahlbare Alternativen interessant gewesen. Andererseits die Generation der Erben kommt ja...und wer mit 27 einen Jaguar XKR fährt. Da muss man sich auch keine Sorgen machen. Aber ob diese jungen Schösel sich wirklich die Hände beim Schrauben schmutzig machen?! Aber da man sich vielleicht auch täuschen.
Sorry, aber ein XKR ist je nach Baujahr auf dem Gebrauchtmarkt z.B. mobile.de schon für um die 10.000€ zu haben. Wenn man da in Ihren Augen schon ein Schnösel weil man sich mit 27 Jahren (!) sowas leisten kann, lässt das ja tief blicken...
ericstrip 07.04.2016
5. Einen Austin Seven...
...bekommt man schon im guten, fahrbereiten Zustand um die 10.000 Euro. Offen – für die Limousine reicht die Hälfte.
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