Ankündigungen von Elon Musk Mit Vollgas in die Vergangenheit

Elon Musk gilt mit seinen Tesla-Elektroautos als Pionier, der schon mal vorfährt ins automobile Morgen. Dafür wird er gefeiert. Dabei sind seine Autos bislang alles andere als zukunftsweisend.

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Eines muss man Elon Musk lassen: Es gibt derzeit wohl keinen Manager, der erfolgreicher alten Wein in neuen Schläuchen unter die Leute bringt als er. Der Tesla-Chef hat es in kürzester Zeit geschafft, einen fast schon messianischen Status in Sachen Elektromobilität zu erringen. Wie Kirchgänger dem Prediger hängen selbst gestandene Medien (zuweilen auch SPIEGEL ONLINE) Musk an den Lippen und bejubeln jede Verlautbarung aus seinem Munde.

Am vergangenen Donnerstag hat Papst Elon I. wieder gesprochen. Wohl auch, weil in den letzten Wochen fast durchgehend schlechte Nachrichten aus dem Tesla-Universum erklungen waren, präsentierte Musk in Los Angeles eine Studie zu elektrischen Lkw und kündigte einen neuen E-Roadster an: "1000 Kilometer Reichweite!" "Ahhhhhhhhhh ….". "Von null auf hundert in unter zwei Sekunden!" "Ohhhhhh…". Am Steuer eines Tesla, so möchten offenbar viele glauben, brausen wir in eine bessere automobile Zukunft.

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Tesla präsentiert Elektro-Truck "Semi": Dieses Elektro-"Biest" soll Diesel-Lkw den Garaus machen

Dabei gibt es nichts Gestrigeres als die Fixierung auf Reichweite und Beschleunigungswerte. In dieser altertümlichen Betrachtung seiner Autos offenbart sich aber, was zur Zeit offenbar niemand wahrhaben will: Tesla ist längst nicht so innovativ, wie es den Anschein hat.

Das Konzept ist alt

Experten kritisieren schon lange, dass Tesla mit seinen großen Autos mit großen Reichweiten alles andere als neue Wege befahre. Vielmehr ersetze Musk bei seinem Konzept von Elektrofahrzeugen lediglich den Tank durch eine Batterie. Dass das aber nicht unbedingt etwas mit Nachhaltigkeit zu tun hat, legte jüngst eine Studie des schwedischen Umweltministeriums nahe. Wissenschaftler hatten ausgerechnet, dass der bei der Produktion der großen Tesla-Batterie anfallende CO2-Ausstoß mit dem eines Verbrennungsmotors über einen Betriebszeitraum von acht Jahren vergleichbar sei.

Nun kann man Studien bekanntlich drehen und wenden und gerade bei solchen Vergleichen durch Hinzufügen oder Weglassen von einzelnen Faktoren in der Wertschöpfungskette den Ausgang beeinflussen. Aber eines macht die Studie auf jeden Fall deutlich: So einfach, wie wir uns die Elektromobilität wünschen und Musk es uns glauben machen will, ist sie nicht. Die mit dem Elektroantrieb verknüpfte Hoffnung auf eine Besserung für das Klima erfüllt sich, zumindest nach jetzigem Stand der Akkutechnik, nicht automatisch.

Doch diese Erkenntnis scheint bei Musk noch nicht angekommen zu sein. Die von ihm vorgestellte Lkw-Studie mag da, wo sie irgendwann mal in die Realität umgesetzt wird, lokal das Klima verbessern, weil sie keine Abgase in die Luft pustet. Aber die von Musk für den "Semi"-Truck angekündigte Reichweite von rund 800 Kilometern erfordert laut Berechnungen der Carnegie Mellon Universität Batterien in der Größe von 1000 KWh - und einem Gewicht von acht Tonnen. Selbst Laien der Physik und Materialkunde dürfte schwanen, dass das mit Nachhaltigkeit möglicherweise wenig zu tun hat.

Zeit für Abschied

Alles fauler Zauber also bei Tesla? So einfach ist es auch nicht. Musk ist es maßgeblich zu verdanken, dass überhaupt so breit über Elektroautos diskutiert wird. Bis er mit seinen Limousinen um die Ecke fuhr, galten Elektroautos allenfalls als frugale Zweckmobile für Öko-Überzeugungstäter und ungefähr so sexy wie ein Liegefahrrad. Nach Erscheinen seines Model S spielten plötzlich auch Normalfahrer, die vorher nicht im Traum an den Kauf eines Elektroautos gedacht hatten, mit dem Gedanken, sich einen Stromer zu kaufen. Der Tesla-Schock hat in der Folge die ganze Branche aufgeweckt.

Nun ist zu hoffen, dass Musk in Bezug auf seine Autos von Tesla auch bald die nächste Stufe in Richtung Zukunft zündet: die der Vernunft. Wenn Elektromobilität wirklich nachhaltig werden soll, bleibt wenig Raum für Emotionen. Stattdessen muss kühl gerechnet werden. Es geht um maximale Auslastung bei möglichst geringem Einsatz von Ressourcen. Nicht um Reichweite und Beschleunigung.

Das sollte man im Hinterkopf haben, wenn Elon Musk das nächste Mal auf seine Kanzel steigt. Das Gebot der Vernunft gilt dann auch für uns, sein Publikum. Lassen wir uns blenden oder nicht? Wenn wir wirklich mit der Elektromobilität in die Zukunft fahren wollen, müssen wir uns vom Autofahren wie wir es kennen ("Boah, von null auf hundert in zwei Sekunden") ein Stück weit verabschieden. Bislang sind offenbar leider weder wir noch Elon Musk so weit.



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GustavN 17.11.2017
1.
Tesla macht laut den letzten Quartalszahlen mittlerweile pro verkauftem Fahrzeug über 20.000 Dollar Verlust. Das einzige, was mich bei Tesla also wirklich erstaunt ist, dass das noch nicht unter Insolvenzverschleppung fällt.
Thunder79 17.11.2017
2. Sag ich schon die ganze Zeit
Tesla ist für mich nur ein Hype, einzig was der Konzern kann ist vollmundige Sprüche und aggressive Umsetzung unausgereifter Technik (siehe autonomes fahren). Dabei sind die Fahrzeuge in keinster Weise eine Ingenieursleistung, da habe ich weitaus mehr Respekt vor den hiesigen Dieselmotoren, die vollgestopft mit Technik und etlichen bewegten Teilen 200-300tsd im schaffen. Wenn auch die Technik sicherlich bald ausgedient hat, aber das ist für mich wahre Ingenieurskunst und nicht ein E-Motor mit Batterie.
midata0 17.11.2017
3. Endlich...
der erste Versuch dieser Redaktion, diesem nicht mehr zu ertragendem Hype, kritisch entgegenzutreten.
peter.gruebl 17.11.2017
4. Nicht richtig
Es kommt in erster Linie auf den Kunden an. Kein Hersteller (egal ob Elektro oder nicht) muss sein Produkt an den Kunden verkaufen. Die Reichweite ist da eine entscheidende Größe. Es gibt noch weitere aber ich will nicht alle 300km eine 6 Stunden Pause einlegen müssen. Und ich will auch nicht bei einer spontanen Fahrt immer erst rechnen müssen, ob ich mein Ziel noch erreiche.
debabba 17.11.2017
5. Nachhaltigkeit bei der Produktion
Da wird plötzlich alles hineingerechnet, nur um m.M. den Tesla schlecht zu machen (Weil das die BMW, Audi, Mercedes usw. nicht hinbekommen). Hat den einer mal gerechnet wieviel CO2 Ausstoß / Stromverbrauch die Herstellung von Benzin / Schmierstoffe usw. benötigt? und das dann mal dazugerechnet? Ich fahre einen Tesla und bei eine jährlichen Km Leistung von 45000 kM war dies nicht teuerer als wenn ich mir einen vergleichbar ausgestattetes Fahrzeug von BMW, Audi etc. gekauft hätte.
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