Touri-Tafeln an der Autobahn: Oh, wie schön ist Pinneberg!

Fischland Zingst, Töpferstadt Bürgel, Baumschulgebiet Pinneberg: Per Autobahntafel weisen Gemeinden gern auf vermeintliche Sehenswürdigkeiten hin. Die Zahl der weiß-braunen Wegweiser nimmt stetig zu - bald hat vermutlich jede Scheune ihr Schild, meint Thomas Hillenbrand.

Es gibt in Deutschland Straßen, deren geografisch vorzügliche Lage das Reisen im Pkw zu einer angenehmen Ausflugsfahrt macht. Die Autobahn von München nach Hamburg ist keine von ihnen. Quälend lange schlängelt sie sich durch das unerfreuliche Unterfranken, windet sich an urbanen Nichtigkeiten wie Bad Hersfeld vorbei, um den Autofahrer zum Schluss mit der Lüneburger Heide zu langweilen.

Bereits kurz vor Ingolstadt bekam ich ob dieser Streckenführung schlechte Laune. "Wir könnten ja zwischendurch irgendwo rausfahren, wo es schön ist", schlug meine Frau vor. "Wo denn das", grummelte ich, "hier ist doch nichts." Sie rollte genervt mit den Augen. "Wart's halt ab. Da kommen doch immer diese Hinweistafeln mit den Sehenswürdigkeiten."

Damit meinte sie jene braun-weißen Schilder, die von Kommunen neben der Fahrbahn aufgepflanzt werden und im Beamtendeutsch "Touristische Unterrichtungstafeln" heißen. Sie sollen den Autofahrer darauf hinweisen, dass er gerade achtlos an einer tollen Attraktion vorbeibrettert.

Bei Reichertshofen erreichten wir die erste touristische Ballungszone. Binnen hundert Metern standen gleich drei der braunen Schilder. Das erste warb für die Umweltbegegnungsstätte "Haus im Moos". Die zweite pries ein Städtchen namens Neuburg an und versprach eine "Renaissance an der Donau". Das dritte wies, sprachlich etwas ungelenk, das "Kelten Römer Museum Manching" aus.

"Naaa?", frotzelte ich. "Möchtest Du lieber in die Begegnungsstätte für Althippies oder ins Renaissance-Kaff?". Bevor meine Beifahrerin etwas erwidern konnte, schossen wir bereits an den Unterrichtungstafeln für das "Audi Forum Museum mobile" sowie "Ingolstadt: Historische Altstadt" vorbei.

Man lernt eben nie aus. Dass Ingolstadt die Heimat einer Automarke ist, war mir von Berufs wegen geläufig. Aber dass der 1200 Jahre alte Universitätssitz auch eine Altstadt besitzt - wer konnte so etwas ahnen? Fachwerkhäuser - mitten in Bayern!

Die Sache mit den Touri-Schildern mag einmal eine gute Idee gewesen sein. Inzwischen ist das Ganze jedoch außer Kontrolle geraten. Gab es früher lediglich vereinzelt Tafeln, strebt inzwischen jeder Dorfvorsteher danach, seinem namenlosen Flecken eines dieser repräsentativen Schilder zu beschaffen.

Naturpark Nuthe-Nieplitz, Töpferstadt Bürgel, Baumschulgebiet Kreis Pinneberg - insgesamt zählte ich auf meiner Fahrt über 65 Schilder. Das ist eigentlich unmöglich, denn laut Straßenverkehrsordnung darf nur alle 15 Kilometer eine Tafel stehen. Damit sollte vermieden werden, dass jede verfallene Bauernscheune ausgeschildert wird. Aber genau das passiert gerade.

Wie viele Unterrichtungstafeln es insgesamt gibt und wie epidemisch ihre Zahl angestiegen ist, darüber kann man nur mutmaßen. Weder das Bundesamt für Straßenverkehr noch das Verkehrsministerium verfügen über belastbare Zahlen. Da sich Landespolitiker wie der brandenburgische Infrastrukturminister Rainer Dellmann aber damit brüsten, die Zahl der Schilder in ihrer Region "von heute rund 120 auf etwa 270 mehr als verdoppeln" zu wollen, muss man für die nähere Zukunft das Schlimmste befürchten.

Meine Frau wurde unterdessen plötzlich hibbelig. "Das ist doch interessant!", rief sie und zeigte auf das nächste Schild, das vor uns auftauchte: "Arche Nebra Himmelscheibe". "Würde mich tatsächlich interessieren", pflichtete ich ihr bei. "Aber der Tank ist fast leer. Und deshalb fahren wir jetzt erstmal zur Arche Aral."

Die nächsten 500 Kilometer sagte sie nichts mehr, am folgenden Tag war sie ebenfalls recht wortkarg. Im Nachhinein bin ich allerdings ganz froh, keinen Abstecher nach Nebra gemacht zu haben - denn die himmlische Scheibe kann man sich dort überhaupt nicht angucken. Sie liegt nämlich im über 50 Kilometer von Nebra entfernten Halle.

Haben Sie eine besonders randseitige Hinweistafel fotografiert? Dann schicken Sie Ihr Foto an abgewuergt@spiegel.de

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. eine wunderbare deutsche Werbung diese Schilder
herbert 27.05.2009
wäre doch schön, wenn jeder alte historische Schützenverein oder Tauben und Kaninchenverein, diese Schilder mit bereichert. Vielleicht noch Stadt des Musikantenstadl oder Köln Heimat von WDR 4 mit seinen Schnulzen. In Deutschland ist jede einfache Blödheit durchsetzbar.
2. http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=7313
Bobby47 27.05.2009
Wenn irgendein Redakteur schon einmal auf dem Darss,Zingst oder auf dem Fischland gewesen wäre, hätte der Autor so einen Quatsch wie Fischland Zingst nicht im Untertitel schreiben können. So wirkt das alles wieder einmal schlecht recherchiert und mit heißer Nadel gestrickt, um die Seite von Spon zu füllen.
3. Schilderwald statt Baumschule
goethestrasse 27.05.2009
Pure Geldverschwendung. Jede Kommune an der Autobahn möchte sich präsentieren. Doch unsere verdummte Bevölkerung isst z.b. keinen heimischen Fisch sondern nur Mc Fisch oder Fischstäbchen und von ner Baumschule haben viele auch noch nie was gehört.. Heinz und Else Geiz kaufen Pfalnzen eh nur beim Discouter oder Baumarkt (..wer kommt den an Pinneberg vorbei ?? - die die nach Sylt rauschen ?). Die anzahl der Schilder ist wahthaftig inflätionär . Schnäppchen sind das ja auch nicht gerade.
4. Worauf
LJA 27.05.2009
möchte uns der Autor eigentlich hinweisen ? Auf unnötige Schilder oder auf seine eigene Ignoranz ? Letztere ist offenbar sehr ausgeprägt, denn wenn etwas nicht mindestens im Weltkulturerbe der UNESCO auftaucht, dann scheint es für ihn auch nicht erwähnenswert oder gar besichtigungsfähig zu sein zu sein. Das Ganze ist etwa so unnötig wie die Schüttelreimsammlung "Ihre Stadt".
5. oh wie schön ist pinneberg
trödelmarkt 27.05.2009
na na na - so in Bausch und Bogen meckern ist nicht fair. Gut, wehret den Anfängen, vielleicht steht ja sonst bald wirklich alle paar Kilometer ein Schild mit Hinweis auf eine historische Pinkelpott-Manufaktur. Aber das ist doch wohl Fakt: auch wer kein Patriot ist muß Deutschland doch sehr schön finden. Für mich (fast alten) Mann gibt es jedenfalls noch eine Menge Ziele auf die ich sehr neugierig bin. Keine Zeit eigentlich mehr um in die Antarktis oder zu einer Südseeinsel zu fliegen. Die vielen Urlaubsziele in Deutschland finde ich allerdings auch ohne die recht hämisch kritisierten Hinweisschilder. Und als ich in einer Phoenix-Doku kürzlich sah, was sich Japaner in Deutschland anschauen, packt mich buchstäblich das Entsetzen. Ob die mit noch mehr Schildern Sehenswerteres anschauen würden als unsere Mosel-Sauf-Gasse und das Hofbräuhaus?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fahrkultur
RSS
alles zum Thema Abgewürgt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 43 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Touristische Hinweistafeln: Braun und belanglos

Kontakt zum Autor
Feedback? Anregungen? Schreiben Sie an abgewuergt@spiegel.de Alle bisher erschienen Teile der Kolumne finden Sie hier, den RSS-Feed können Sie hier hinzufügen.


Aktuelles zu