Skurrile Staatskarosse Century Diesen Luxus gönnt sich Toyota

Kein Toyota ist kauziger: Hierzulande fast unbekannt, schwört in Japan sogar der Kaiser auf die Luxuslimousine Century. Testfahrt mit einem Auto, das aus der Zeit gefallen ist.

Fabian Hoberg

Von Fabian Hoberg


Bestimmt interessieren Sie sich für Autos, sonst hätten Sie nicht angefangen, diesen Text zu lesen. Dann kennen Sie natürlich die Flaggschiffe der großen Hersteller. Die Mercedes S-Klasse. Den Audi A8. Den Siebener BMW. Aber kennen Sie auch das Top-Modell des zweitgrößten Herstellers der Welt? Von Toyota?

Sie überlegen noch, stimmt's?

Also: Das Flaggschiff von Toyota heißt Century. Und es lohnt sich, mehr über diesen Wagen zu erfahren - denn diese Luxuslimousine ist so skurril wie einzigartig.

Auf den Markt kam sie vor genau 50 Jahren. Änderungen an dem Auto waren seitdem so selten wie eine Sonnenfinsternis. Gerade hat Toyota die neue Baureihe präsentiert. Es ist die dritte seit 1967. Zum Vergleich: Von der S-Klasse, erstmals 1972 vorgestellt, gibt es mittlerweile sechs Generationen.

5,27 Meter lang, zwölf Zylinder unter der Haube - der Century hat stattliche Maße
Fabian Hoberg

5,27 Meter lang, zwölf Zylinder unter der Haube - der Century hat stattliche Maße

Die derzeit noch aktuelle zweite Baureihe kam 1997 auf den Markt. Sie sah damals schon aus wie ein Oldtimer. Das Besondere an dem Wagen: Der V12-Motor. Kein anderes japanisches Serienauto hat so viele Zylinder unter der Haube. Auch der kommende Century schrumpft wieder zu einem V8, eine Annäherung an das erste Modell sozusagen. Allerdings erhält der Neue Unterstützung von einem Elektromotor.

Bevor der Century mit V12 wieder verschwindet, sind wir ihn gefahren - schließlich wollten wir wissen, wie sich der Kaiser von Japan fühlt. In der Garage des Tennos stehen rund 20 Exemplare des obersten Toyotas. In den Genuss sämtlicher Privilegien des Kaisers kamen wir allerdings nicht, denn der Herrscher lässt sich in der extralangen Deluxe-Variante Century Royal chauffieren, deren Trittbretter aus Granit gefertigt sind.

Der geheimnisvolle Testwagen

Bei unserem Exemplar handelte es sich um einen Century von 1997, der als Ausstellungsstück in der Europa-Zentrale von Toyota aufbewahrt wird. Warum der Wagen ein Linkslenker ist, obwohl das Modell doch ausschließlich im Rechtslenker-Land Japan angeboten wird? Die Antwort kennen nicht einmal die Verantwortlichen von Toyota.

Auch der normale Century, wie wir ihn fuhren, dient als Staatskarosse, zum Beispiel für die jeweils amtierenden japanischen Premierminister. Luxus und Komfort des Wagens, dessen Neupreis bei umgerechnet rund 100.000 Euro lag, fallen sofort auf: Fußmatten und Schweller liegen fast auf einer Höhe, das erleichtert den Einstieg. Innen ruhen die Füße auf hochflorigem Teppich, man nimmt Platz auf flauschigen Sitzen. Wolle umschlägt die dicken Polster.

Der Century misst 5,27 Meter und ist damit genau so lang wie die S-Klasse. Das schafft Beinfreiheit. Ein Spitzenvorhang an der Heckscheibe schützt vor Sonnenstrahlen und neugierigen Blicken. Ausklappbare Schreibtische, Leseleuchten und Platz für Teekannen oder Schreibkram sorgen für eine angenehme Arbeitsatmosphäre - ein mobiles Nobelbüro, wie geschaffen für die Dauerstaus von Tokio. Nur das Edelholz wirkt irgendwie billig und verströmt Achtzigerjahre-Mief.

Klapptischchen im Edelholz-Look
Fabian Hoberg

Klapptischchen im Edelholz-Look

Auch das Karosseriedesign sieht aus wie aus den Achtzigern, ach was, eher noch älter, auf den ersten Blick ordnet man den Century wohl in die Siebziger ein, und eher nicht nach Japan, sondern ins Straßenkreuzer-Mutterland USA. Die Form wirkt aber so hoffnungslos aus der Zeit gefallen, dass nicht einmal die Bezeichnung Retro richtig zutrifft.

Vielleicht macht gerade das den Reiz des Century aus: Man ist sich nie ganz sicher, ob hinter diesem Design jetzt souveränes Understatement oder schlichte Einfallslosigkeit steckt. Für Toyota ist die Sache natürlich klar: Bei der Einführung der zweiten Baureihe vor 20 Jahren bescheinigte der damalige Chefentwickler Mitsuyuki Noguchi dem Century eine "etablierte Anmut". Für Änderungen sah er also wohl keinerlei Anlass.

Toyotas Anti-These zum Prius

Während der Fahrt in dem Auto kann man solchen Design-Fragen ungestört nachgehen. Der Fünfliter-Zwölfzylinder säuselt leise vor sich hin, Motor und Antrieb werden vor der Auslieferung auf Vibrationen hin kontrolliert und notfalls noch mal feingewuchtet. Die extrasanft abgestimmte Luftfederung in Kombination mit dicken Reifen auf 16-Zoll-Rädern schluckt jede Bodenwelle. Was hier noch an Störgeräuschen durchdringen sollte, wird vom üppigen Dämmmaterial verschlungen. Es ist genau diese Unaufgeregtheit, die den Century ausmacht. Nicht mal das Ticken der Quarzuhr dringt bis zur Rückbank, der Chronometer wird von dickem Kristallglas verhüllt.

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Toyota Century: Kennen Sie dieses Flaggschiff?

Der Century gehört zu den Autos, in denen sich der standesgemäße Platz des Besitzers nicht hinterm Steuer befindet, sondern im Fond. So bleibt man dann auch von der altbackenen Anmutung des halbdigitalen Cockpit verschont. Konsole und Türtafeln werden von unzähligen Kippschaltern gesäumt, und das Kassettenlaufwerk war vor 20 Jahren schon nicht mehr modern. Viel Bewegung gibt es auf der Tankanzeige: Um den Durst des Zweitonners zu stillen, verfügt jede Zylinderbank des Century über eine eigene Kraftstoffpumpe - aber auch mit zartem Gasfuß zieht sich das Triebwerk locker 14 Liter Sprit auf 100 Kilometer rein.

Man kann das als unzeitgemäß betrachten, aber wer ein genügsames Auto sucht, kann ja einen Prius kaufen.

Gebaut zu Ehren eines Hundertjährigen

Überhaupt folgt der Toyota Century einem ganz anderen Konzept als die Flaggschiffe der Konkurrenz. Während die jeweils jüngsten Varianten von Siebener, S-Klasse und A8 stets als Träger technologischer Neuheiten dienen, genügt sich der Century in seiner Beharrlichkeit. Dazu muss man wissen, dass der Wagen überhaupt erst aus dem Geist der Traditionspflege heraus entstanden ist: Im Jahr seiner Markteinführung, 1967, hätte Toyota-Gründer Sakichi Toyoda seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ihm zu Ehren heißt die Luxuslimousine Century ("Jahrhundert").

Wie es sich für solche Autos gehört, werden heute noch viele Fertigungsschritte in Handarbeit erledigt. Auf der Karosserie haften sieben Lackschichten, die obersten drei werden nacheinander aufgetragen, poliert und wieder aufgetragen - nur in Schwarz, Weiß, Grau oder Dunkelblau. Am Kühlergrill, am Heckdeckel und an den Radkappen prangt eine Phoenix-Figur. Handgeschnitzt, versteht sich.

Die dritte Baureihe des Century kommt 2018 auf den Markt
Tom Grünweg

Die dritte Baureihe des Century kommt 2018 auf den Markt

Solche Details machen den Century zu einem Auto für die Ewigkeit: Von den rund 10.000 bisher gebauten Exemplaren fahren noch über 80 Prozent auf Japans Straßen, die meisten mit V12.

Wenn jetzt die neue Baureihe auf den Markt kommt, haben Toyota-Traditionalisten nichts zu befürchten: Der Century sieht auch in dritter Generation aus wie ein Oldtimer ab Werk.

Selbst der V12-Motor wird nicht endgültig aussterben: Ein einziges Exemplar mit einem Dutzend Zylindern wird es geben. Von Hand gefertigt - für den Kaiser.



insgesamt 76 Beiträge
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JerryKraut 06.11.2017
1. Die Russen bauen auch
so etwas ähnliches. Es kommt aus dem LKW-Werk ZIL. Diese Limousine hatte immer nur einen V8. Die Verarbeitungsqualität der ältesten Modelle ist sicher sehr gut. Wer da im Werk geschlampert hatte, kam sicher nach Workuta.
mikaiser 06.11.2017
2. Sehr ungewöhnliches Auto!
So richtig nach Staatskarosse sah die erste Baureihe in der Version "Royale" aus. Überhaupt, die erste Baureihe (ab 1967) war die eindrucksvollste. Etwa so, wie ein Mercedes 600 aus den 1960ern jede S-Klasse in den Schatten stellt. Vom Toyota Century Royale gab es sogar eine Einzelanfertigung mit Gasturbine. Interessierte können Details und Bilder bei Wikipedia oder, noch ausführlicher, auf der englischsprachigen Seite "thetruthaboutcars.com" nachsehen.
h4ush3rr 06.11.2017
3. Hmm
Ist doch ne heiße Schleuder.
iwes69 06.11.2017
4.
Was ist daran nicht zu verstehen? Das Fahrzeug schreit einem nicht aus jeder Faser entgegen dass sein Fahrer / Besitzer ein ganz toller Hecht ist, ein sportlicher Typ, ein potenter noch dazu. Einer, der sich durchsetzt wenns drauf ankommt. Dieses Auto ist kein Lifestyletransporter so wie die genannten Mitbewerber.. Mann kann es auch unaufgeregt und zurückhaltend nennen.
kayser 06.11.2017
5. Wirklich schlimm ...
So ein Auto ist doch in der heutigen Zeit gar nicht mehr vertretbar Pseudo-ökologisch dank Hybrid bei einem dicken 5.0l 8-Zylinder. Mit 5,30m Länge doch überhaupt nicht tauglich für die Innenstädte und nimmt dort nur den Parkraum für alle anderen Weg. Dann doch besser ein Mercedes GL. Der ist kürzer und bietet dennoch Platz für bis zu sieben Personen und er ist mit umweltfreundlichen 6-Zylinder-Motoren erhältlich. Dank der kürzeren Abmessungen ist er zudem sozial verträglicher in Innenstädten. Noch besser wäre natürlich eine Lotus Elise MK I. Für den Preis eine Century bekommt man ja gut vier bis fünf Elise. Außerdem sind die Fahrleistungen viel besser. Dank des Verzichts auf Wolle im Innenraum der Elise musste auch kein Schaf im Winter frieren.
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