24-Stunden-Rennen mit Traktoren: Die Dauer-Bauer-Power

Aus Altenschlirf berichtet

24-Stunden-Rennen mit Traktoren: Den ganzen Tag lang ackern Fotos
Tom Grünweg

Diese Veranstaltung ist in Deutschland einzigartig: Bei der Vulkan-Trophy liefern sich Traktorfahrer ein Langstreckenrennen. Mit aufgemotzten Oldtimern drehen sie 24 Stunden ihre Runden - und beweisen, dass sich große Motorsport-Träume auch mit kleiner PS-Zahl erfüllen lassen.

Max Braun ist nervös. Denn in wenigen Augenblicken startet der 16-Jährige seine Motorsportkarriere. Dann kommt endlich der Moment, auf den er so viele Jahre gewartet hat: Hier, an der Ostflanke des Vogelsbergs nahe des hessischen Örtchens Altenschlirf, debütiert er als Rennfahrer. Am Steuer eines Traktors, der fast 50 Jahre mehr als er auf dem Buckel hat.

Max Braun misst sich dann mit den anderen Teilnehmern der Vulkan-Trophy - einer der verrücktesten Rennveranstaltungen Deutschlands. 40 Trekker treten dort auf einem fast fünf Kilometer langen Rundkurs zu einem 24-Stunden-Rennen für alte Traktoren an.

Die Fahrer stürzen sich dabei in eine Schlacht aus Hitze, Staub und Lärm, die über asphaltierte Feldwege, Schotterpisten, Äcker und Wiesen führt. Und Max will endlich mitmischen. Er steht in der Box und wartet darauf, dass sein Kumpel Kevin Niepoth mit seinem Einsatz fertig ist, den grünen Trekker hereinbringt, vom Bock klettert und ihm das Cockpit überlässt. Über drei Stunden wird er dann den mehr als 50 Jahre alten Ackerschlepper über den Kurs prügeln und sich durchschütteln lassen.

Für Max und Kevin und ihre zwei Kumpel im Jugend-Team der Deutz D15-Racer ist es ein Heimspiel. "Wir haben hier schon als Kinder beim Aufbau mitgeholfen, Kabel verlegt und nach dem Wochenende aufgeräumt", erzählt Kevin. Seit die Vulkan-Trophy im Jahr 2007 das erste Mal veranstaltet wurde, sind sie dem Rennfieber erlegen. Klar, dass sie auf ihren ersten Einsatz förmlich gebrannt haben.

"Ein Mal dabei, für immer versaut"

Franz Bauer ist schon etwas älter als die Debütanten, aber ihre Leidenschaft kann er nur zu gut nachvollziehen. "Ein Mal dabei, für immer versaut", sagt der Österreicher. Denn in seiner Heimat hat er schon vor elf Jahren zum ersten Mal bei einem 24-Stunden-Rennen für Traktoren mitgemacht. Seitdem nutzt er jede Gelegenheit, um in seinem Ackerflitzer vom Typ International Harvester um Ruhm und Ehre zu fahren.

Mehr als 800 Arbeitsstunden hat er in den roten Boliden gesteckt. Jetzt leistet der vier Liter große Vierzylinder seinen Angaben zufolge "ein bisschen mehr" als die 72 PS, mit denen er im Jahr 1973 ausgeliefert wurde. Mit der exakten Leistungsangabe rückt er aber nicht raus - schließlich hört der Gegner in der Boxengase mit. "Ausreichend", lautet deshalb seine Antwort auf die Frage nach dem Tuning-Ergebnis.

Auch zum Spitzentempo will Bauer lieber nichts sagen. Aber Streckensprecher Christian Baumann traut dem IHC 574, dessen vier Auspuffrohre wie Orgelpfeifen aus der Motorhaube ragen, locker "120 bis 140 Sachen" zu. Und wer mit eigenen Augen gesehen hat, wie der Renntrekker im Power-Slide auf die Start-Ziel-Gerade einbiegt und dabei elegant mit dem Heck schwänzelt, teilt diese Einschätzung.

Auf der Strecke lauern Blitzer

Doch im Rennen gilt ein striktes Tempolimit. "Mehr als 70 km/h sind aus Sicherheitsgründen nicht drin", sagt Baumann. Über die Einhaltung der Regel wachen Streckenposten mit Radarpistolen.

Beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans - quasi das Vorbild der Vulkan-Trophy - mögen zwar höhere Geschwindigkeiten herrschen, aber die Rahmenbedingungen sind eigentlich ähnlich: Wenn die Horde getunter Traktoren wie eine Herde wilder Kühe über die Äcker des Vulkangebirges zwischen Frankfurt und Fulda stürmt, dann bebt die Erde und die Ohren klingeln vor Lärm. Die Luft brennt vor Staub und Dieselruß und zwischen den Schikanen wird um jede Zehntelsekunde gekämpft - nicht umsonst tragen die Ackerschlepper beim Renneinsatz einen Überrollkäfig.

Wie wild es dabei zugeht, wird schon nach ein paar Runden deutlich: Auf der sogenannten Werkstattwiese wird permanent geschraubt, geschweißt und geflickt, um die geschundenen Trekker wieder flott zu machen. Ein Teamkollege von Franz Bauer ist zum Beispiel so gnadenlos über eine Bodenwelle gepflügt, dass schon kurz nach dem Start der Tank gerissen und der Rennsitz gebrochen ist.

Aber die Österreicher sind nicht nur mit vier Fahrern, sondern auch mit fast einem Dutzend Mechaniker 700 Kilometer weit zum Vogelsberg gereist. Die vielen Helfer bekommen den roten Renner in wenigen Minuten wieder fit - und wie bei Oldtimern üblich, braucht es für die Instandsetzung keine High-Tech-Ausrüstung.

"Das ist einer der Gründe, weshalb wir hier nur Fahrzeuge zulassen, die vor 1975 gebaut wurden", sagt Streckensprecher Baumann. Denn die modernen Traktoren lassen sich laut seiner Einschätzung nicht mit einem vergleichsweise geringen Aufwand reparieren.

Rasen bis zur Erschöpfung

Während der International Harvester mit der österreichischen Flagge nach dem erfolgreichen Boxenstopp also wieder so schnell über die Start-Ziel-Gerade fegt, dass sich beinahe der Bug hebt, lässt es die Landjugend mit ihrem Deutz D15 - die Zahl steht für die PS-Leistung - notgedrungen etwas langsamer angehen. Außerdem gilt in der Anfänger-Klasse Tempo 30. "Leider", sagt Kevin, der die Treffsicherheit der Radarpistolen gerade mit einer Zwangspause bezahlt.

Drei Euro werden pro zu schnell gefahrenen km/h fällig. Die Geldbuße ließe sich für die jungen Heißsporen noch verschmerzen - aber die halbe Stunde Zeitstrafe ist für sie pure Folter.

Für Max wird das Warten auf seinen allerersten Renneinsatz bei der Vulkan-Trophy damit noch zu einer größeren Tortur. Aber nachdem sein Kumpel wieder grünes Licht bekommen hat und nach 3,5 Stunden zum Fahrertausch in die Boxengasse einbiegt, ist es endlich soweit: Rasch noch den Luftfilter ausblasen und den Motor checken - und Max hüpft rein in den Traktor und prescht davon.

Kevin hat sein Debüt jetzt hinter sich, sein nächster Einsatz steht erst wieder um zwei Uhr nachts an. Er weiß nun, was sich Vulkan-Trophy-Fahrer wünschen, wenn ihre Gier nach rasenden Traktoren vorerst gestillt ist: "Ein kaltes Getränk und eine heiße Dusche."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hoffentlich
heinz4444 15.07.2013
sind das keine Öko-Bauern.
2. IHC statt ICH
lifeistooshortto 15.07.2013
Der Trecker heisst IHC 574 und nicht ICH 574 und steht für International Harvester Company.
3.
Greyjoy 15.07.2013
Zitat von heinz4444sind das keine Öko-Bauern.
Warum nicht? So einen Traktor kann man bestimmt auch auf Biodiesel oder Ethanol umbasteln. Da macht sich der Bauer seinen Sprit für den Spaß eben selbst und emittiert dann nur das CO2 welches die Pflanzen beim Wachsen aufgenommen haben. Die nächste Runde nimmts dann wieder auf usw. ;)
4.
räbbi 15.07.2013
Alter Schwede, ist das bekloppt. Das Fahrgefühl auf diesen alten Traktoren ist ja so schon abenteuerlich. Krach, Erschütterungen, Vibrationen, Feinstaub. Für heutige Verhältnisse alles jenseits von gut und böse. Hier dann noch ins Extrem getrieben. Wäre mir unser alter IHC nicht zu schade, ich würde sofort mitmachen. :D Ein paar Tuning-Tipps zum D-239 würden mich aber trotzdem interessieren...
5. Feinstaub?
hellhammer666 16.07.2013
Feinstaub kommt da keiner raus.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fahrkultur
RSS
alles zum Thema Abgefahren
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
Facebook
Mitmachen
Riesenspoiler, Diamantfelgen, meterhohe Reifen: Ist Ihnen auch ein besonders abgefahrenes Auto aufgefallen, oder haben Sie eines fotografiert? Schicken Sie Ihr Foto an abgefahren@spiegel.de. Mit der Einsendung stimmen Sie einer honorarfreien Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE sowie unseren Flickr- und Facebook-Seiten zu und bestätigen, dass Sie die Rechte an dem eingesandten Material besitzen.


Aktuelles zu