Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Klassische Tretautos: Zutritt nur für Kinder

Von Jürgen Pander

Klassische Tretautos: Heiße Kinderkisten Fotos
Aguttes

Da wäre man gern noch mal Kind: Ein französisches Auktionshaus hat eine beeindruckende Kollektion alter Tretautos versteigert. Sammler setzen auf hohe Wertsteigerungen.

Dreirad, Roller, Kettcar - alles ganz nett. Aber hey, der Held auf dem Spielplatz war selbstverständlich der Junge mit dem Tretauto. Der Wagen hatte eine richtige Karosserie, ein richtiges Lenkrad und besaß eine herrlich herrische Hupe. Ein Auto im Kleinformat eben, irgendwie mehr als ein Spielzeug.

Tretautos gehören auch heute noch zu den Traumfahrzeugen von Kindern, und es gibt eine rege Sammlerszene, in der rare historische Miniaturmobile manchmal für fünfstellige Summen den Besitzer wechseln. Erst vor ein paar Wochen wurden rund 50 klassische Tretautos, zum Teil penibel restauriert, vom französischen Auktionshaus Aguttes versteigert. Die meisten der Kindermobile stammten aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, aber es waren auch ein paar deutlich ältere Modelle unter den Angeboten.

Die Kleinstfahrzeuge bildeten die Kollektion eines Sammlers aus Lyon, der vor Kurzem verstarb. Die Erben des Mannes entschieden daraufhin, die Tretautos versteigern zu lassen. "Die meisten der Kindermobile wurden von Sammlern ersteigert", sagt Geoffroi Baijot vom Auktionshaus Aguttes. "Manche Bieter wollten auch ein exklusives Geschenk für ihre Kinder und einige kauften sich ein spezielles Tretauto, weil sie vor vielen Jahren einmal den Wagen im Original besessen hatten."

Ein himmelblaues Bugatti-Tretauto für 4712 Euro

Als begehrteste Miniatur erwies sich ein bis auf die schwarzen Reifengummis komplett himmelblau lackierter Kinder-Bugatti. Das Tretauto aus Metall verfügt über zwei hintereinander angeordnete Sitze und wurde in restauriertem, und, wie es im Katalog vermerkt war, nicht ganz vollständigen Zustand, angeboten. Den Zuschlag für das seltene Stück, das nicht von einem Spielzeugautohersteller, sondern von Bugatti selbst gefertigt wurde, erhielt ein Bieter für 4712 Euro.

Die französischen Hersteller Bugatti und Citroën waren die ersten Autohersteller, die in den Dreißigerjahren ins Tretautogeschäft einstiegen. Andere Automarken folgten, etwa auch der britische Autobauer Austin, der insgesamt 33.000 Exemplare des Austin Junior Cars fertigte. Manche Experten halten dieses Modell für das meistgebaute Tretauto der Welt.

Spielzeugfirmen beherrschen den Markt der Tretmobile

Die meisten Tretmobile jedoch wurden von Spielzeugfirmen auf den Markt gebracht. Erste Kinderfahrzeuge mit Pedalantrieb wurden um die Jahrhundertwende angeboten, bekannt ist etwa ein Tretauto aus dem Katalog eines Kaufhauses in Paris aus dem Jahr 1902. Das Wägelchen war ein teures Luxusspielzeug. Wie die echten Autos waren auch die Tretmobile ausschließlich für sehr wohlhabende Familien erschwinglich.

Das änderte sich jedoch in den Zwanzigerjahren. Damals boten immer mehr Spielzeugfirmen Tretautos aus Blech an, die meist die Form der großen Modelle nachahmten und mit Hupe, Handbremse, Polstersitzen oder sogar elektrischer Beleuchtung und auswechselbaren Rädern ausgestattet waren. Die Hamburger Firma Löffler bot sogar ein Tretauto mit sechs Sitzen an, das Unternehmen Moko aus Fürth hatte ein Kindercabrio mit Faltverdeck im Angebot und Ferbedo baute einen Tretrennwagen im Stil der damaligen Silberpfeile.

Auch der Württembergische Puppen- und Kuscheltierhersteller Steiff erkannte den neuen Markt und bot ab 1928 ein "Steiff-Tretomobil" an. In einer Anzeige für "Das ideale Kinderauto" von damals hieß es unter anderem: "Das Lenken ist für den kleinen Fahrer ungeahnt reizvoll und übt Auge und Entschlusskraft."

Kinderfahrschule im "Shelly"-Porsche

In der Fünfzigerjahren bildeten Tretautos sämtliche Automobilmoden ab: Es gab Modelle mit Chromzierstreifen, mit Mini-Heckflossen und manchmal auch aufwendigen Zweifarblackierungen. Zudem kamen die Spielzeugautos nicht nur auf Spielplätzen, Gehsteigen und Hinterhöfen zum Einsatz, sondern auch im Rahmen der Verkehrserziehung.

Die Hamburger Firma Gunske-Fahrzeugbau fertigte damals Polyestermobile, deren Design an den Porsche 356 erinnerte, die jedoch eine Muschel, das Markenlogo der Mineralölfirma Shell trugen. Die auch als "Shelly" bekannten Kinderautos kamen in Deutschland und Österreich bei sogenannten Shell-Fahrschulen zum Einsatz, bei denen Kinder mit den Regeln des Straßenverkehrs vertraut gemacht werden sollten.

Heute werden klassische Tretautos wie etwa "Shelly"-Modelle für mehrere Tausend Euro gehandelt. Und, das hat auch die Auktion in Lyon wieder gezeigt, sie werden stetig teurer. Auch das haben sie mit ihren großen Vorbildern gemeinsam.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Tretauto
wahrsager26 26.03.2016
Ein Nachbarsjunge besaß ein himmelblaues Tretauto mit Hupe und einem weißen Lenkrad.Ab und zu durfte ich damit fahren-alles war sehr schwergängig-Öl wäre von Nöten gewesen.Wir gingen dann dazu über,uns zu schieben,zumal das Wachstum Grenzen setzte-die Knie fingen beim Treten an zu leiden,denn Blechkanten gab es genug!Danke
2. Das Interessante daran
hgri 27.03.2016
ist, wie mit nur wenige Merkmale das große, reale Pendant erkennbar wird. Möchte mal wissen, ob man heutzutage z. B. von einem Toyota Avensis-Tretauto auf das Original schließen könnte. Oder Hyundai i30. Oder VW Phaeton. Oder.... oder.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Facebook


Aktuelles zu