Extrem-Tuner in Japan: Frisch frisiert durch Tokio
Pragmatisch, solide, langweilig - so nehmen viele Europäer japanische Autos wahr. Doch mit Leidenschaft und Kreativität verpasst die Tokioter Tuningszene ihren Boliden ordentlich Temperament. Das ist zwar auffällig, aber hart an der Grenze des guten Geschmacks.
Samstag Nacht in Tokio. Es ist laut in den Szenevierteln. Und wenn Noaki Takahashi, 28, in Roppongi, Shinjuku oder an der Ginza auftaucht, wird es noch lauter. Denn Takahashi steuert einen wild getunten Mazda RX-7, und der fällt zunächst durch den Krawall auf, den er macht. Ein Auto, wie man es hierzulande meist nur aus Filmen wie "The Fast and The Furious" kennt.
Unter der bunt beklebten und mit Spoilern übersäten Karosserie kreischt ein Zweischeiben-Wankelmotor mit Turbolader, der auf 450 PS getunt wurde und durch einen Auspuff mit Ofenrohr-Durchmesser ausatmet. Takahashis Mazda gehört zu den Autodiven der Tokioter Nacht - und ist einer der Stars auf jedem Tuningtreffen.
Es geht vor allem um die Show. Denn ausgefahren wird der 260 km/h schnelle Renner nur selten. Seit Filmen wie "Tokio Drift", der dritte Streifen aus der "Fast and Furious"-Reihe die illegalen Nachtrennen in Japans Hauptstadt bekannt gemacht haben und die Raserei auf innerstädtischen Straßen in Computerspielen wie "Need for Speed Shift 2 Unleashed" vermarktet wird, kontrolliert die Polizei sehr genau. "Die ganz wilden Zeiten sind vorbei", sagt Takahashi. Wenn er heute das Gaspedal durchtritt, dann auf abgesperrten Strecken. "Und auch die sind rar geworden."
Dennoch bewegt Takahashi seinen RX-7 nahezu täglich - trotz enger Schalensitze und Überrollkäfig, Semi-Slicks auf den Rädern, einem extrem harten Fahrwerk und einer Bodenfreiheit, die so gering ist, dass die Karosserie fast schon auf der Fahrbahnmarkierung aufsetzt. "Nur zum Einkaufen taugt das Auto nichts", sagt Takahashi und räumt ein, dass er sich für diesen Zweck kürzlich einen Toyota Corolla gekauft hat.
Mit Tempo 300 über den Autobahnring von Tokio
Hergerichtet wurde der RX-7, in dem Umbauten für umgerechnet rund 150.000 Euro stecken, von Isami Amemiya. Der Mann gilt in Mazda-Kreisen als Tuning-Guru und wird von den Fans der Marke entsprechend verehrt. Denn kaum jemand holt so viel Leistung und Tempo aus den Wankelmotoren wie der freundliche Senior mit der verspiegelten Sonnenbrille und der bunt bedruckten Jacke. Außerdem ist er noch verwegener als die meisten seiner Kunden: Er war Teilnehmer eines Cannonball-Rennens und hat auf dem Capital Ring die 300-km/h-Marke geknackt. Die Polizei spricht ihn noch immer darauf an, denn das Video kann man bei YouTube noch anschauen. "Doch am Steuer hat mich noch keiner erwischt", sagt Amemiya, und das klingt durchaus stolz.
Makoto Kamazuka will von derlei Vergehen nichts wissen. Auch er ist Wankel-Tuner und mit seiner Firma "Knight Sports" ähnlich berühmt. Doch seine Reputation stammt nicht von der Straße, sondern von der Rennstrecke - immerhin war er der erste japanische Rennfahrer, der am 24-Stunden-Rennen von Daytona teilnahm. Seit nunmehr 40 Jahren tunt er Wankelmotoren und wird monatlich von bis zu hundert Kunden konsultiert, die mit ihren Autos in seine Werkstatt in einem Industriegebiet am Hafen von Tokio kommen.
Die fernöstliche Tuningszene blüht - und ist auf Expansionskurs
Manche lassen nur einen Ölwechsel machen oder den Steuerchip für die Motorenelektronik wechseln. "Aber es gibt auch Kunden, die hier eine Stange Geld für einen Komplettumbau ausgeben", sagt Kamazuka. Diese Kunden leben nicht nur in Japan, sondern immer wieder fliegt der Mann mit einem Koffer voller Tuningteile nach China, Singapur, Australien oder Europa, um auch dort einen Mazda zu veredeln.
Zwar gilt die Wankel-Gemeinschaft bei Mazda als besonders verschworen, weil das exotische Motorenprinzip die Szene geradezu hermetisch abschottet. Doch auch die anderen japanischen Marken versammeln eine bunte Tuningszene. Fast jeder mit Benzin im Blut kennt ein paar Autobahnraststätten, auf denen sich spät in der Nacht die Honda-NSX-Fans treffen, auf denen regelmäßig Schwadrone von Nissan GT-R zusammenkommen oder auf denen sich Subaru-Impreza-WRX-STI- oder Toyota-Supra-Piloten ein Stelldichein geben.
Die japanischen Autohersteller, die in Europa meist als kühle und leidenschaftslose Marken wahrgenommen werden, mischen dabei munter mit. Jedes Unternehmen unterhält ein eigenes Tuningprogramm, das Zubehör für die Vollgasfraktion bereithält. Honda Mugen, Mazda Speed oder Toyota GRMN heißen die Firmen, die ihr Geld mit Spoiler und Schwellern, Auspuffanlagen und Fahrwerksteilen verdienen - oft hart an der Grenze des guten Geschmacks und sehr nah an der Toleranzschwelle der Behörden.
Die japanischen Werkstuner drängen nun auch nach Europa
Bislang war dieses Geschäft vor allem auf Japan und - in deutlich abgeschwächtem Maße - auf die USA beschränkt. Nun aber drängen die Sportler auch nach Europa. Nissan zum Beispiel kündigte unlängst an, dass die Motorsportabteilung Nismo künftig weltweit aktiv sein. Ganz ähnlich wie AMG bei Mercedes oder die M GmbH bei BMW soll Nismo neben Tuningpaketen auch komplette Fahrzeuge anbieten. Ähnliche Überlegungen gibt es auch bei Mazda.
Bei vielen japanischen Schnellfahrern stehen übrigens auch Produkte aus Europa hoch im Kurs. Hiesige Tuner wie Brabus, Alpina oder Lorinser verdienen gut an den Bleifuß-Piloten in Fernost, und Menschen wie Bob Suzuki erst recht: Er ist Chef der Studie AG in Yokohama, die ausschließlich BMW-Modelle tunt. In einem halben Dutzend Läden, die tapeziert sind mit deutschen Autobahnlandkarten und Nürburgring-Devotionalien, schwört er seine Kunden auf den Temporausch Made in Germany ein.
Für Takahashi käme ein europäisches Modell jedoch nicht in Frage. "Klar, auch Porsche, Ferrari oder Lamborghini bauen gute Autos", sagt der Mazda-Fan. "Aber an meinen Mazda kommt keiner von denen ran."
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