Umstrittene Mobiltitätsangebote Über Uber ins Taxi

Bedrohen neue Mobilitätsdienste die etablierten Unternehmen? Im Gegenteil, sagt Marktexperte Christian Freese: Für Taxibranche und Autoindustrie bieten Angebote wie Uber und Car2go eine große Chance.

Ein Interview von

  Ridesharing-App Uber vor einem Taxi: "Den Trend gemeinsam gestalten"
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Ridesharing-App Uber vor einem Taxi: "Den Trend gemeinsam gestalten"


  • Christian Freese, Jahrgang 1980, ist "Share Mobility"-Experte bei der Unternehmensberatung Roland Berger. Er berät den öffentlichen Verkehrssektor in ganz Europa rund um das Thema "innovative Mobilitätslösungen". Freese ist Wirtschaftsingenieur und Master of Business Administration.

SPIEGEL ONLINE: Lange Zeit war das Auto ein Heiligtum, hinter dessen Steuer man nur ungern andere gelassen hat. Warum sind Autofahrer plötzlich bereit, ihr Auto vermehrt mit anderen zu teilen?

Christian Freese: Die sogenannte "Share Economy" weicht traditionelle Statussymbole in vielen Lebensbereichen auf. Eigentlich ist doch nichts privater als das eigene Schlafzimmer - aber selbst dorthin dringen Firmen vor, die Möglichkeiten des Wohnungstauschs anbieten. Da teilt man das eigene Auto doch schon eher. Zumal einen eigenen Wagen zu besitzen für viele jüngere Menschen gar kein Statussymbol mehr darstellt. Bisher fehlten aber die richtigen Plattformen, Angebote und Versicherungskonzepte, um Carsharing massentauglich zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich der Trend zur neuen Mobilität, also zu Angeboten wie Uber oder zum Carsharing, überhaupt noch aufhalten?

Christian Freese: Obwohl Carsharing bereits um die 40 Jahre alt ist, bekommt es derzeit eine neue Dynamik. Alleine dadurch, dass die großen Autohersteller wie Daimler und BMW mitmischen. Neue Entwicklungen sehen wir auch beim Ridesharing (private Chauffeursdienste; Anmerkung der Redaktion) durch Anbieter wie Uber und Wundercar in Deutschland und Sidecar und Lyft in den USA. In jedem Fall zeigt sich ein Trend zum Mobilitätsmix. Angebote wie Car- oder Ridesharing würden allein nicht genügen, aber in Kombination mit anderen Verkehrsmitteln ergänzen sie sich sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte die Taxi-Branche denn auf die neuen Angreifer reagieren?

Christian Freese: Unsere Erhebung hat ergeben: 55 Prozent aller Deutschen sind im vergangenen Jahr kein Taxi gefahren! Das hat natürlich vielfältige Gründe, aber im Prinzip steckt da viel Potenzial drin - und Ridesharing-Angebote helfen, solche Leute an das Taxifahren heranzuführen.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Taxifahrer würden Ihnen da widersprechen - sie sehen die neuen Anbieter als Bedrohung.

Christian Freese: "Share Economy" ist ein nachhaltiger Trend. Der Gesetzgeber sollte nun den rechtsleeren Raum füllen und die Gesetze weiterentwickeln. Das war damals mit Ebay ähnlich: Anfangs wusste keiner, wer haftet. Eigentlich sollten sich jetzt alle Akteure an einen Tisch setzen, um den Trend gemeinsam mitzugestalten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen dabei die Autohersteller?

Christian Freese: Die haben ganz unterschiedlich auf Carsharing reagiert. Einige warten eher ab und beobachten, bevor sie groß investieren. Für andere steht das Geschäft mit ihrem Angebot ganz klar im Vordergrund, zum Beispiel für Daimler mit Car2go. Dazu hat der Konzern das passende Auto, denn der Smart ForTwo ist ja auch wie dafür gemacht. Für BMW hat das Carsharing-Angebot Drivenow noch eine weitere Funktion: Sie zeigen damit jungen Städtern, die kein Auto besitzen, ihre Modellpalette. Der durchschnittliche private Käufer eines Autos ist in Deutschland im Schnitt über 50 Jahre alt - Kunden von Carsharing sind eher unter 30. Dadurch führt man die Fahrer an neue Autos heran. Ridesharing, Carsharing und Co. sind aber auch eine Ergänzung zu allen anderen Verkehrsmitteln. Sie können helfen, den Zweit- und Drittwagen abzuschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist das nicht genau das, was die Autoindustrie fürchten sollte? Das heißt doch, dass weniger Fahrzeuge verkauft werden.

Christian Freese: Die Effekte auf den Fahrzeugabsatz sind bis heute noch nicht eindeutig erforscht. Einerseits werden Autos effizienter geteilt und genutzt, andererseits sinkt die Lebensdauer durch die häufige Nutzung. Denn die Kilometerleistung der Automodelle bleibt im Zweifel die gleiche, egal ob sie diese in fünf oder 15 Jahren erreichen. Durch Ridesharing wird das Fahrzeug öfter bewegt und verschleißt entsprechend schneller. Durch solche Angebote werden die Autos auf unseren Straßen so gesehen also jünger.



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mohsensalakh 20.09.2014
1. Und die pro-amerikanische Medien hier machen voll Werbung...
... für ein amerikanisches Groß-Konzern, damit auch diese Sparte den Amis in die Hände fällt. Wo soll es denn hinführen? Sollen das marode amerikanische System hier eintritt gewährt werden? Die Taxi-Unternehmer hier sind nun mal geprüft und zu vertrauen. Mit Uber können selbst schwerverbrecher Personen befördern.
charlybird 20.09.2014
2. Ja, ja, unsere Marktexperten,
ich kann mich noch erinnern, dass seinerzeit ein paar davon dem Aufkommen des Internets keine große Zukunft prognostizierten, selbst Billy 'Boom' Gates hat das übernommen und der, ich schätze mal, junge Glaskugelexperte Freese weiß um die mobile Zukunft derart Bescheid, dass man nur eines erkennen kann, der Mann muss doch recht haben. Ich sehe nebenbei, gemessen an seinen Ausführungen hier, in keiner Weise, warum sich Taxifahrer mit Uber-drivern ( um auch mal die Anglizismen Ecke zu bedienen) an einen Tisch setzen sollen, das sind nämlich Welten. Aber , und das hat der gute Freese nicht gesagt, die Zukunft wird unternehmenssozial schon hemdsärmeliger und wesentlich unkontrollierter werden als bisher und runde Tische werden da weniger gebraucht als fette Kapitalkriegskassen, um einkalkulierte Sanktionen auszugleichen. Großbetriebe arbeiten doch jetzt schon vielfach betriebs- personaltechnisch illegal und rechnen bei eventuellen Kontrollen die Strafgelder ein, um sie, je nach Marktmacht, dann an den Verbraucher weiterzugeben. Dafür gilt unser ausdrücklicher Dank der Politik von heute. Zurück zu Uber und Freese, ich glaube langfristig ist der urbane Individualverkehr nur noch mit „sharing modellen'' zu lösen, aber der sollte verantwortungsvoller geplant werden, als das man irgendwelchen Fahrkünstlern schutzlos Menschen anvertraut, die glauben ihr zu großkalibriges Fahrzeug damit finanzieren zu können.
roflem 20.09.2014
3. Salbader
Wieso kommen die Taxifirmen nicht auf die Idee, selber noch bessere Apps anzubieten, in jedes Taxi ein GPS und eine ÜberÜberApp für die richtigen Taxis? Anstatt zu hoilen, sollten sie aufwachen und dem Ausbeuter aus Ameristan zeigen, wie mans besser macht!
3gutepfen 20.09.2014
4. Über Ubers Leiche ins Taxi - der Fortschritt läßt sich nicht ausbremsen
Von wegen rechtsleerer Raum. Wer Dienste anbietet, die Leute verführt, gewerblich tätig zu werden, ohne die gesetzlichen Auflagen zu erfüllen hat hier in Deutschland nichts zu suchen. Uber ist mit ebay und Wohnungsvermittlungsplattformen nicht zu vergleichen. Uber ist der Versuch, Geld aus der Vermittlung für Fahrdienstleistungen ausserhalb des Personenbeförderungsgesetzes zu erzielen. Das Ganze ist kein Fortschritt, sondern führt nur zur Selbstausbeutung der Fahrer. Uber kann die 55%, die nicht Taxi fahren, nur über den Preis mobilisieren. Ein Preis der durch Umgehung gesetzlicher Regelungen zu Stande kommt. Tolle Share economy!
politik-nein-danke 20.09.2014
5. Wenn uber die selben Zulassungsbedingungen erfüllen muss
wie die Taxi-Unternehmen, dann bricht das Geschäftsmodell doch sofort zusammen....die sind doch nur günstiger weil die Fahrer alle kein Gewerbe angemeldet haben, sich nicht entsprechend versichern und weder jährlich zum TÜV müssen noch zur Gesundheitsprüfung...
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