Autounfälle im Bild: "Das hat mit Kunst nichts zu tun"

Spektakuläre Unfallfotos: 111 Unglücksmomente Fotos
Thomas Gaulke / GeraMond Verlag

Geschieht ein Unglück, drückt er ab: Thomas Gaulke fotografiert seit über 30 Jahren Unfälle. Seine Fotos zeigt er nun in einem Bildband. Im Interview spricht er über den Vorwurf der Geschmacklosigkeit - und erklärt, wie man einen Elefanten rettet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gaulke, Sie haben Tausende Unfälle fotografiert. Welches Motiv wird Ihnen nicht mehr aus dem Kopf gehen?

Gaulke: Schwer, da nur eines raus zu picken. Jeden Monat passieren spektakuläre Unfälle. Zum Beispiel vor einigen Tagen: Eine Bahnunterführung im Münchner Osten, der Fahrer eines Sattelzugs mit 1200 Kisten Leergut einer Brauerei übersieht das Warnschild der Brückenhöhe. Er ist zwar unten durch gekommen, kam auf der anderen Seite aber nur noch als Sattelzug-Cabrio raus. Wie bei den in meinem Buch gezeigten Unfällen ist aber niemand zu Schaden gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Als Fotograf und ehemaliger Feuerwehrmann haben Sie Unfälle sowohl als Helfer als auch als Zuschauer erlebt. Gerät man da nicht in einen Zwiespalt?

In diesen Zwiespalt würde man nur dann geraten, wenn bei einem Unfall keine Hilfe vor Ort ist und man trotzdem Fotos macht. Für mich gilt: es wird immer zuerst geholfen. Wenn aber schon Hilfe da ist, dann ist die Dokumentation des Unfalls meine Arbeit. Und gerade durch meine eigene Erfahrung als Feuerwehrmann weiß ich mich dabei entsprechend zu verhalten und nicht im Weg zu stehen.

Was entgegnen Sie Menschen, die Ihre Arbeit als Unfallfotograf als geschmacklos bezeichnen?

Da ich meinen Beruf nach den eben beschriebenen Regeln ausübe, höre ich das selten. Aber es kann schon mal vorkommen, dass sich an der Unfallstelle jemand aufregt und fragt, ob die Fotos denn sein müssen - da will ich dann aber auch keine große Diskussion anfangen. Die Leute wollen informiert sein, und darin sehe ich den Sinn meiner Arbeit. Das ist ein Beruf wie jeder andere.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann fotografieren Sie Unfälle und wie sind Sie zu dieser Arbeit gekommen?

Ich war von Mitte der Siebziger an über 15 Jahre lang Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in München. Davor war ich schon immer an der Fotografie interessiert. So haben sich die beiden Tätigkeiten - Rettungseinsätze und Fotos - gepaart. Mein Hobby wurde zum Beruf, ich arbeite heute als Fotojournalist. Am schönsten finde ich dabei kuriose Begebenheiten, wie sie im Buch geschildert werden. Und natürlich verrückte Rettungen von Tieren…

SPIEGEL ONLINE: Welche Tiere meinen Sie?

Das geht von Kleintieren bis zum Elefanten.

SPIEGEL ONLINE: Wie rettet man denn einen Elefanten?

Mit einem 50-Tonnen-Kran. Es gab da diese Elefantendame im Tierpark Hellabrunn, die hatte ein steifes Bein. Manchmal kippte sie um, und wenn sie auf der Seite mit dem maladen Bein lag, konnte sie wegen der Behinderung nicht mehr selbst aufstehen. Man hat ihre Füße also an einem Kran angebunden, ein Stück hochgezogen und sie auf die andere Körperhälfte gelegt. Dann konnte sie sich aufrichten.

SPIEGEL ONLINE: Sie fotografieren seit über 30 Jahren Unglücke. Worin unterscheiden sich die Verkehrsunfälle von früher zu heute?

Die Ursachen der Unfälle unterscheiden sich kaum - es ist früher gerast worden und es wird heute noch gerast. Positiv verändert hat sich dagegen die Stabilität der Fahrzeuge: Ich habe in letzter Zeit oft Unfälle mit mittelschwer Verletzten gesehen und mich gewundert, dass da überhaupt noch jemand lebend raus kam. Die Insassen sind heute durch Airbags und andere Sicherheitsvorrichtungen viel besser geschützt.

SPIEGEL ONLINE: Auf welches Motiv sind sie besonders stolz?

In Bezug auf Verkehrsunfälle ist stolz der falsche Ausdruck. Ich freu mich schon über gelungene Bildkompositionen - aber auch nur dann, wenn alles glimpflich ausgegangen ist.

SPIEGEL ONLINE: Können Unfallfotos ästhetisch sein?

Es gibt Bildbände, in denen Verkehrsunfälle als eine Art Kunst dargestellt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie Ihr Buch in diesem Zusammenhang einordnen?

Das hat mit Kunst nichts zu tun. Das Buch soll unterhalten und den täglichen Verkehrswahnsinn mit einem Augenzwinkern darstellen.

SPIEGEL ONLINE: "111 Verkehrsunfälle - alle glimpflich ausgegangen", steht auf ihrem Buch. Wenn man die Bilder sieht, ist das kaum zu fassen. Glauben Sie an so etwas wie Schutzengel?

Ich habe schwere Unfälle gesehen, bei denen die Leute unverletzt blieben. Und ich habe Unfälle erlebt, die eigentlich harmlos aussahen - und trotzdem kam jemand dabei ums Leben. Der eine hat Glück, der andere hat Pech. Wenn es wirklich Schutzengel gäbe, müssten sie für alle da sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die ständige Konfrontation mit Unfällen auf ihren eigenen Fahrstil ausgewirkt?

Ich fahre relativ gelassen. Wenn mich einer wie ein Irrer überholt denke ich mir oft: Fahr weiter, du bist die nächste Kundschaft.

Das Interview führte Christoph Stockburger

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Haken
SeanFold 15.04.2012
Auch wenn man sich gerne über Pannen amüsiert, aber Pressefotografie an Unfallorten finde ich ziemlich daneben. Was hier gezeigt wird, sind ein paar relativ harmlose entgleisungen. Tatsächlich fallen solche Fotografen gerne damit auf, dass sie sich zwischen Einsatzkräfte drängen und auch kein Problem damit haben, verstümmelte Opfer abzulichten - ja gar sich in solch ein Unfallwrack einfach hineinzusetzen. Als Einsatzkraft erlebt man dies täglich mit und ist einfach nur angewidert, von einer derartiken Sensationsgeilheit. Fotos braucht man von solchen Schadensereignissen nicht zu machen. Das erledigt die Polizei schon selbst. Und diese benutzen diese dann wenigstens noch zur Aufklärung und Ermittlung. Ziemlich daneben sowas!
2. Schrott - Autos wie Fotos!
dr_mainhattan 15.04.2012
Die Fotos sind wirklich absolut unterirdisch. Neben der perfiden Sensationsgeilheit noch nicht mal anständig in Szene gesetzt. Daher kaum betrachtenswert. Aber diskutiert wird drüber - daher wohl Ziel erreicht...
3. Kunst im Alltag
superswissmiss 15.04.2012
Die gezeigten Fotos haben für meinen Geschmack nichts besonderes an sich. Vor einigen Jahre hat man in einem schweizer Polizeiarchiv zahlreiche Unfallfotos gefunden, denen man tatsächlich eine gewisse Ästhetik nicht absprechen kann. Sie waren das Resultat eines schweizer Polizisten, der jeweils für die Polizeiarbeit in den 50er-Jahren die Unfallorte fotografierte. Dabei entwickelte der Polizist (sein Name ist mir leider entfallen) einen Sinn für gute Bildkompositionen. Nach Jahrzehnten entdeckte man diese Bilder wieder und sie wurden in der Zwischenzeit auch veröffentlicht. Für mich scheint es, als ob der interwiete Fotograf diesem Polizisten nacheifert, allerings erreicht er dessen Niveau bei weitem nicht.
4. ein schweizer polizist hat es vorgemacht..
spargel_tarzan 15.04.2012
Zitat von sysopThomas Gaulke / GeraMond VerlagGeschieht ein Unglück, drückt er ab: Thomas Gaulke fotografiert seit über 30 Jahren Unfälle. Seine Fotos zeigt er nun in einem Bildband. Im Interview spricht er über den Vorwurf der Geschmacklosigkeit - und erklärt, wie man einen Elefanten rettet. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,827393,00.html
und schon vor einigen jahren bilder aus seinem reichhaltigen fundus gezeigt. die haben sogar fotografischen wert, was man von diesen buntbildern nicht gerade behaupten kann.
5. Der Schweizer Polizeifotograf heißt Arnold Odermatt
bicknick 16.04.2012
Vor einigen Jahre hat man in einem schweizer Polizeiarchiv zahlreiche Unfallfotos gefunden, denen man tatsächlich eine gewisse Ästhetik nicht absprechen kann. Sie waren das Resultat eines schweizer Polizisten, der jeweils für die Polizeiarbeit in den 50er-Jahren die Unfallorte fotografierte. Dabei entwickelte der Polizist (sein Name ist mir leider entfallen) einen Sinn für gute Bildkompositionen. Sie haben recht, der Mann heißt Arnold Odermatt. Sein fotografisches Werk wurde quasi von seinem Sohn entdeckt. Mittlerweile sind mehrere Bücher mit seinen Bildern erschienen. Es gab Ausstellungen u.a. in Winterthur und Chikago. Außerdem war er Teilnehmer bei der 49. Biennale von Venedig. Der Mann ist ein echter Künstler. Das hat ein ganz anderes Niveau.
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