SPIEGEL ONLINE: Herr Gaulke, Sie haben Tausende Unfälle fotografiert. Welches Motiv wird Ihnen nicht mehr aus dem Kopf gehen?
Gaulke: Schwer, da nur eines raus zu picken. Jeden Monat passieren spektakuläre Unfälle. Zum Beispiel vor einigen Tagen: Eine Bahnunterführung im Münchner Osten, der Fahrer eines Sattelzugs mit 1200 Kisten Leergut einer Brauerei übersieht das Warnschild der Brückenhöhe. Er ist zwar unten durch gekommen, kam auf der anderen Seite aber nur noch als Sattelzug-Cabrio raus. Wie bei den in meinem Buch gezeigten Unfällen ist aber niemand zu Schaden gekommen.
SPIEGEL ONLINE: Als Fotograf und ehemaliger Feuerwehrmann haben Sie Unfälle sowohl als Helfer als auch als Zuschauer erlebt. Gerät man da nicht in einen Zwiespalt?
In diesen Zwiespalt würde man nur dann geraten, wenn bei einem Unfall keine Hilfe vor Ort ist und man trotzdem Fotos macht. Für mich gilt: es wird immer zuerst geholfen. Wenn aber schon Hilfe da ist, dann ist die Dokumentation des Unfalls meine Arbeit. Und gerade durch meine eigene Erfahrung als Feuerwehrmann weiß ich mich dabei entsprechend zu verhalten und nicht im Weg zu stehen.
Was entgegnen Sie Menschen, die Ihre Arbeit als Unfallfotograf als geschmacklos bezeichnen?
Da ich meinen Beruf nach den eben beschriebenen Regeln ausübe, höre ich das selten. Aber es kann schon mal vorkommen, dass sich an der Unfallstelle jemand aufregt und fragt, ob die Fotos denn sein müssen - da will ich dann aber auch keine große Diskussion anfangen. Die Leute wollen informiert sein, und darin sehe ich den Sinn meiner Arbeit. Das ist ein Beruf wie jeder andere.
SPIEGEL ONLINE: Seit wann fotografieren Sie Unfälle und wie sind Sie zu dieser Arbeit gekommen?
Ich war von Mitte der Siebziger an über 15 Jahre lang Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in München. Davor war ich schon immer an der Fotografie interessiert. So haben sich die beiden Tätigkeiten - Rettungseinsätze und Fotos - gepaart. Mein Hobby wurde zum Beruf, ich arbeite heute als Fotojournalist. Am schönsten finde ich dabei kuriose Begebenheiten, wie sie im Buch geschildert werden. Und natürlich verrückte Rettungen von Tieren
SPIEGEL ONLINE: Welche Tiere meinen Sie?
Das geht von Kleintieren bis zum Elefanten.
SPIEGEL ONLINE: Wie rettet man denn einen Elefanten?
Mit einem 50-Tonnen-Kran. Es gab da diese Elefantendame im Tierpark Hellabrunn, die hatte ein steifes Bein. Manchmal kippte sie um, und wenn sie auf der Seite mit dem maladen Bein lag, konnte sie wegen der Behinderung nicht mehr selbst aufstehen. Man hat ihre Füße also an einem Kran angebunden, ein Stück hochgezogen und sie auf die andere Körperhälfte gelegt. Dann konnte sie sich aufrichten.
SPIEGEL ONLINE: Sie fotografieren seit über 30 Jahren Unglücke. Worin unterscheiden sich die Verkehrsunfälle von früher zu heute?
Die Ursachen der Unfälle unterscheiden sich kaum - es ist früher gerast worden und es wird heute noch gerast. Positiv verändert hat sich dagegen die Stabilität der Fahrzeuge: Ich habe in letzter Zeit oft Unfälle mit mittelschwer Verletzten gesehen und mich gewundert, dass da überhaupt noch jemand lebend raus kam. Die Insassen sind heute durch Airbags und andere Sicherheitsvorrichtungen viel besser geschützt.
SPIEGEL ONLINE: Auf welches Motiv sind sie besonders stolz?
In Bezug auf Verkehrsunfälle ist stolz der falsche Ausdruck. Ich freu mich schon über gelungene Bildkompositionen - aber auch nur dann, wenn alles glimpflich ausgegangen ist.
SPIEGEL ONLINE: Können Unfallfotos ästhetisch sein?
Es gibt Bildbände, in denen Verkehrsunfälle als eine Art Kunst dargestellt werden.
SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie Ihr Buch in diesem Zusammenhang einordnen?
Das hat mit Kunst nichts zu tun. Das Buch soll unterhalten und den täglichen Verkehrswahnsinn mit einem Augenzwinkern darstellen.
SPIEGEL ONLINE: "111 Verkehrsunfälle - alle glimpflich ausgegangen", steht auf ihrem Buch. Wenn man die Bilder sieht, ist das kaum zu fassen. Glauben Sie an so etwas wie Schutzengel?
Ich habe schwere Unfälle gesehen, bei denen die Leute unverletzt blieben. Und ich habe Unfälle erlebt, die eigentlich harmlos aussahen - und trotzdem kam jemand dabei ums Leben. Der eine hat Glück, der andere hat Pech. Wenn es wirklich Schutzengel gäbe, müssten sie für alle da sein.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die ständige Konfrontation mit Unfällen auf ihren eigenen Fahrstil ausgewirkt?
Ich fahre relativ gelassen. Wenn mich einer wie ein Irrer überholt denke ich mir oft: Fahr weiter, du bist die nächste Kundschaft.
Das Interview führte Christoph Stockburger
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